"Ehrenmord" in Stuttgart: Die Chronik eines angekündigten Mordes
Suzanas Eltern: Sie können das grausame Schicksal ihrer Tochter kaum fassen. Aber sie wollen keine Blutrache, sondern hoffen auf eine gerechte Strafe
Die erste Woche nach ihrer Flucht zu den Eltern schläft Suzana fast nur. Über dem Bett in ihrem früheren Kinderzimmer hängen Fotos, auf denen sie als Jugendliche zusammen mit ihren acht Geschwistern zu sehen ist - ein junges Mädchen, das auf jedem Bild lacht. Die Geschwister kommen zu Besuch, sie sitzen zusammen wie früher, sie nehmen Suzana in den Arm, sie fängt an zu erzählen. Und endlich versteht sie jemand. Die Familie ist erschüttert. Suzana wird von Weinkrämpfen geschüttelt und sagt immer und immer wieder dasselbe: "Ich will meine Kinder wiedersehen."
Die Eltern dachten: Suzana ist ihr Glückskind. Sie rief häufig an anfangs. Doch mit der Zeit wunderten sie sich, dass Suzana merkwürdig verschreckt wirkte - dass jedes Gespräch von ihrem Mann überwacht wurde, ahnten sie nicht. Als Avdyl L. und Suzana einmal zu Besuch kamen, wirkte die Tochter extrem eingeschüchtert.
Nachdem Suzana ihnen alles erzählt hatte, drängten die Eltern ihre Tochter, bei ihnen zu bleiben. Aber Suzana will zurück. Sie will in die Nähe ihrer Töchter. Aus der Ferne droht und drängt Avdyl L., und bevor sie zurückreist, unterschreibt sie im Kosovo einen Antrag auf Scheidung - und damit auch, dass Avdyl das Sorgerecht haben soll. Warum sie das tat, dafür musste sie sich später vor Gericht immer wieder rechtfertigen. Ihre Begründung: Sie habe gar nicht alles gelesen, der Druck war so stark, außerdem sei es im Kosovo üblich, dass die Kinder zur Familie des Mannes gehören. Sie wollte die Trennung nur schnell hinter sich bringen. Und: Sie habe darauf gesetzt, dass sich in Deutschland eine andere, gute Lösung finden werde.
Aber in Deutschland beginnt ein zäher Kampf, bei dem in der Rückschau vor allem eins auffällt: Die Not, in der sich die junge Frau befand, hat niemanden außer ihrer eigenen Anwältin und den Sozialarbeiterinnen im Frauenhaus sonderlich beeindruckt. Suzana lebt seit der Rückkehr aus dem Kosovo im Frauenhaus im Hohenlohekreis. Sie leidet unter schweren Kopfschmerzen, schwankt zwischen dem Gefühl völliger Ohnmacht und aufkeimender Hoffnung. Ihre Mitbewohnerinnen bewundern sie, weil sie jeden Morgen zum Deutschunterricht eilt. "Weiter", erinnert sich die Sozialarbeiterin im Frauenhaus, war ein Wort, das Suzana besonders oft gebrauchte.
Die Mühlen in den Behörden mahlen quälend langsam, während Suzanas Gedanken fortwährend um ihre Kinder kreisen. Sie kennt Avdyls L.s Ausbrüche. Sie sorgt sich um ihre beiden Töchter. Sie bittet das Jugendamt, aktiv zu werden. Sie fiebert darauf hin, ihre Kinder wiederzusehen. Am 17. August 2006 macht eine Mitarbeiterin des Obernburger Jugendamtes einen Hausbesuch bei Avdyl L. Sie hat sich vorher angemeldet, erlebt eine aufgeräumte und auskunftsfreudige Familie, die behauptet, die Mutter hätte sich nie für ihre Kinder interessiert und Gewalt habe es nie gegeben. Die Jugendamts- Mitarbeiterin - die später einen weiteren, unangemeldeten Besuch machen will, aber niemanden antrifft - lässt sich blenden, entscheidet aber auch: Suzana darf schon bald ihre Kinder treffen!
Die Freude sackt schnell wieder in sich zusammen: Bis Ende August hat die Erziehungsberatungsstelle geschlossen, die den Umgang begleiten soll. Zwei Wochen gehen ins Land. Dann sagt Avdyl L. ein Treffen ab. Anschließend hat die Jugendamts-Mitarbeiterin bis Ende September Urlaub - es gibt keine Vertretung. Warten. Statt "weiter" warten, immer warten. Manchmal erleben die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus Suzana so aufgelöst, dass sie fürchten, sie könnte sich das Leben nehmen. Aber Suzana lebt für ihre Kinder.












