"Ehrenmord" in Stuttgart: Die Chronik eines angekündigten Mordes

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Und dann sind die Kinder weg. Avdyl L. hat sie in den Kosovo gebracht. Überraschend war das nicht. Es wäre vermeidbar gewesen, doch Suzanas Anwältin scheiterte mit ihrem Eilantrag an das Familiengericht, die Pässe der Kinder schnellstens einzuziehen. Sanktionen für Avdyl L. gibt es keine, obwohl er am 10. Oktober 2006 auch nicht zur ersten Verhandlung vor dem Familiengericht erscheint.

Suzana sitzt also allein vor Gericht. Ergebnis: Es wird ihr zugestanden, einmal in der Woche, immer dienstags um 14 Uhr, mit ihrer älteren Tochter zu telefonieren. Aber nur zweimal kommt tatsächlich ein Gespräch zustande. Ansonsten ist die Leitung zur vereinbarten Zeit besetzt oder niemand zu erreichen. Suzana ist nach jedem gescheiterten Versuch tief deprimiert.

Ob Jugendamt, Familiengericht oder die Polizei - die Reaktionen fallen heute, nach Suzanas Tod, alle ähnlich aus: Es gebe keine Versäumnisse. "Es gibt, bei aller Tragik des Falls, keine Ansätze, etwas in der Arbeit des Jugendamtes zu ändern. Wir haben professionell gearbeitet", findet zum Beispiel der Pressesprecher des Landratsamtes, zu dem das Jugendamt in Obernburg gehört. Das Landgericht beeilt sich mitzuteilen, Vorwürfe gegen das Gericht seien unberechtigt, man habe "die Not der Frau gesehen" - zu Details gebe es in nicht öffentlichen Verfahren bei Familienstreitigkeiten keine Auskunft. Die Pressesprecherin der Polizei beteuert, am Flughafen sei "definitiv keine Bedrohungslage erkennbar gewesen. Sonst hätte man alles Menschenmögliche getan, um die Frau zu schützen". Und doch bleiben erschreckend viele Fragen offen. Warum hat der Familienrichter sich von Avdyl L. an der Nase herumführen lassen und nicht mit Sanktionen gedroht, falls er nicht innerhalb einer Woche die Kinder bringen würde? Warum bemühte sich die Mitarbeiterin vom Jugendamt nicht um weitere Hausbesuche? Warum wurde nie nach der Pistole geforscht? Warum setzte Avdyls L.s Anwalt alles daran, Suzana zu verunglimpfen, statt - was heute für viele Familienanwälte selbstverständlich ist - nach einem Konsens vor allem zum Wohl der Kinder zu suchen? Und warum hat die Polizei am Stuttgarter Flughafen die Situation derart dramatisch unterschätzt?

Schließlich das letzte ungelöste Rätsel: In der Verhandlung am 13. Februar 2007 lag dem Richter eine Scheidungsurkunde aus Peja vor, unterzeichnet am 30. Oktober 2006 - auch mit Suzanas Namen. Suzana war zu diesem Zeitpunkt aber nachweislich gar nicht im Kosovo. Ihr Vater sagt, er habe mit Suzanas Vollmacht eine Urkunde unterschrieben, allerdings mit seinem eigenen Namen. Warum hat nie jemand bei Suzanas Vater nachgefragt? Die Scheidung im Kosovo gilt für das Familiengericht in Obernburg als besiegelt, man fühlt sich für das Sorgerecht nicht mehr zuständig.

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  • Text: Nina Poelchau
    Interview: Silke Baumgarten
    Foto: Andrew Testa
    Mitarbeit: Mathias Rittgerott
    BRIGITTE Heft 16/07
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