"Ehrenmord" in Stuttgart: Die Chronik eines angekündigten Mordes
Suzanas Töchter leben bei Avdyl L.s Mutter auf einem verwahrlosten Hof
Nur das Umgangsrecht für die Mutter muss noch geregelt werden. Am 23. März 2007 erfährt Suzana, dass sie im April vier Wochen lang alle zwei bis drei Tage ihre Kinder im Kosovo treffen kann. Sie beschließt, so bald wie möglich zu reisen. Der Anwalt ihres Ex-Mannes ermuntert Suzana sogar noch dazu in einem Schreiben an ihre Rechtsanwältin: "Wir stellen es Ihrer Mandantin nochmals anheim, die Kinder im Kosovo zu besuchen. Unser Mandant hat nichts gegen die Ausübung des entsprechenden Besuchsrechts im Kosovo. Ihre Mandantin hat auch ganz sicher von der Familie unseres Mandanten im Kosovo absolut nichts zu befürchten." Nach dem Mord kam von dem Anwalt kein Wort des Bedauerns über seine folgenschwere Fehleinschätzung.
Suzanas Grab ist überhäuft mit Plastikblumen und bunten Kränzen, am Kreuz lehnt ein gerahmtes Foto. Vom kleinen, verwilderten Friedhof sind es zehn Minuten zu Suzanas Elternhaus in Osek. Im Garten blühen dunkelrote Rosen, die Obstbäume tragen prächtig. Der Vater Sahit Thaqi, ein freundlichen Mann, dem Gewalt zuwider ist, arbeitet als Landwirt. Weizenfelder umgeben das Haus, er hält sechs Kühe und verkauft selbst gemachten Käse. Die ganze Familie ist versammelt, um den Besuch aus Deutschland kennen zu lernen. Sobald jemand von Suzana spricht, fangen die Frauen an zu weinen. Der jüngste Bruder, 21 Jahre alt, stößt heraus: Wenn Ali, der Älteste, noch leben würde, dann würde er Suzana rächen. Blutrache ist im Kosovo bis heute keine Seltenheit. Nein, sagen die anderen, sie wollen keine Rache, diese Spirale des Grauens, die niemand mehr stoppen kann. Der Vater erzählt: Einen Tag nach dem Mord an Suzana kamen drei Cousins von Avdyl L.. Sie baten um Vergebung. Er antwortete: "Wir werden uns nicht rächen. Aber wir wollen keine Versöhnung." Der Vater hofft, dass Avdyl L. in Deutschland gerecht bestraft wird: "Ich will, dass er nie wieder das Tageslicht sieht." Aber ob er der deutschen Justiz vertrauen kann? Er hat Zweifel, und seine Stimme wird so laut, dass sie bis zum Nachbarhaus dröhnt. Deutschland war für ihn einmal ein idealer Staat, der seine Bürger schützt. Aber wer hat Suzana geschützt?
Valentina und Violeta, die beiden kleinen Mädchen, leben immer noch bei Avdyls L.s Mutter. Zu Suzanas Familie gibt es keinerlei Kontakt. Das Jugendamt in Obernburg hat nach dem Mord den internationalen Sozialdienst eingeschaltet, der erreichen soll, dass ein Sozialarbeiter vor Ort prüft, ob es den Kindern gut geht. Ob und wann das sein wird - das weiß keiner.
Etwa 40 Kilometer von Suzanas Elternhaus entfernt geht es über Feldwege zu einem abgelegenen, heruntergekommenen Gehöft, das von drei Meter hohen Mauern umgeben ist. Das Tor wird erst nach langem Klopfen und Rufen geöffnet, ein verwahrlostes Grundstück tut sich auf - das Gras steht hoch, Müll liegt herum, Kinder spielen barfuß auf dem kalten Betonboden. Suzanas Schwiegermutter ist misstrauisch, schiebt die beiden Mädchen grob ins Haus, schließt die Tür. Avdyl L., ihr Sohn, habe am Flughafen im Affekt gehandelt, sagt sie. Was sie Suzanas Kindern eines Tages über ihre Mutter sagen werde? Suzana habe ihre Kinder verlassen. Sie sei keine gute Frau gewesen. Den Rest würden sie ohnehin irgendwann von den Nachbarn erfahren. Mehr will sie nicht sagen. Valentina und Violeta, Suzanas Töchter, pressen stumm die Gesichter an die Scheiben und starren uns an - sie haben die Augen ihrer Mutter: groß, fast schwarz, verschreckt.












