"Ehrenmord" in Stuttgart: Die Chronik eines angekündigten Mordes

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Interview: "Suzana ist kein Einzelfall"

Myria Böhmecke, 33, berät bei Terre des femmes Frauen, die von ihren Partnern misshandelt werden.

Myria Böhmecke, 33, berät bei Terre des femmes Frauen, die von ihren Partnern misshandelt werden.

Der Fall Suzana erschüttert. Wieso wurde sie nicht ausreichend beschützt, obwohl so viele offizielle Stellen wussten, dass sie misshandelt wurde und sich bedroht fühlte? Die Bedrohung von Suzana wurde nicht ernst genommen. Ihr wurde nicht geglaubt. Das erleben wir leider öfter - Suzana ist kein Einzelfall. Hat das auch mit Sprachbarrieren zu tun - oder mit Vorurteilen, nach dem Motto: Bei Muslimen herrschen nun mal andere Sitten? Ist das also speziell ein Problem von Ausländerinnen? Nein, das Problem betrifft nicht nur Ausländerinnen, es betrifft genauso deutsche Frauen. Jede vierte Frau in Deutschland wird laut einer Studie des Bundesfrauenministeriums im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt - quer durch alle Schichten. Ich habe mich gerade um eine deutsche Frau gekümmert, deren Mann das alleinige Sorgerecht für die Kinder erhalten soll, obwohl er seine Partnerin jahrelang misshandelte. Aber es liegen keine ärztlichen Atteste, also keine Beweise vor, weil sie lange geschwiegen hat. Das tun leider viele Frauen - aus Angst, aus Scham oder weil sie ihre Rechte nicht kennen. Bei Ausländerinnen kommen natürlich oft sprachliche Probleme dazu. Da versuchen wir zu helfen, und auch die Frauenhäuser unterstützen diese Frauen sehr. Nun werden aber immer mehr Frauenhäuser geschlossen oder kämpfen ums Überleben, weil Gelder gestrichen werden. Seit 2002 können ja gewalttätige Partner per Gericht aus der gemeinsamen Wohnung verbannt werden. Brauchen wir deshalb weniger Frauenhäuser? Nein. Die Arbeit von den Frauenhäusern ist weiterhin genauso dringend notwendig. Das sehen wir ja auch in dem Fall Suzana. Da hätte es überhaupt nichts gebracht, den Mann aus der Wohnung zu verweisen. Der "Platzverweis" kann nur funktionieren, wenn sich der Mann von den drohenden Sanktionen abschrecken lässt. Frauen wie Suzana brauchen eine Zufluchtsstätte. Wir fordern deshalb schon lange eine gesicherte Finanzierung für Frauenhäuser. Im Strafprozess wegen Vergewaltigung gegen ihren Mann wurde Suzana die Zeugenfähigkeit abgesprochen. Sie sei traumatisiert und deshalb nicht glaubwürdig. Haben Sie so eine absurde Argumentation schon mal gehört? Ja, auch das kommt leider häufiger vor. Frauen, die misshandelt wurden, sind oft traumatisiert. Und genau das wird ihnen dann zum Nachteil ausgelegt. Sie gelten als nicht glaubwürdig, werden als hysterisch abgetan - und die Ursache für ihr Trauma wird nicht berücksichtigt. Was muss passieren, damit sich so ein tragischer Fall wie Suzana nicht wiederholt? Die Opfer müssen endlich ernst genommen werden. Die Gefahr darf nicht verharmlost werden. Und die Kinder und Frauen müssen an einem sicheren Ort untergebracht werden. Außerdem müssen Jugendamt, Polizei, Gerichte und Staatsanwaltschaft sehr schnell handeln. Das alles kann nur funktionieren, wenn sich die Strukturen ändern, Zuständigkeiten nicht mehr hin und her geschoben werden können. Deshalb brauchen wir für Frauen, die vor ihrem gewalttätigen Partner fliehen, eine zentrale Anlaufstelle, wie zum Beispiel die Sonderdezernate bei den Staatsanwaltschaften, die den ganzen Fall in die Hand nehmen und dafür sorgen, dass das Opfer geschützt wird. Es gibt hier bereits vereinzelte Pilotprojekte. Diese müssen flächendeckend ausgeweitet werden.

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  • Artikel vom 12.09.2007
  • Text: Nina Poelchau
    Interview: Silke Baumgarten
    Foto: Andrew Testa
    Mitarbeit: Mathias Rittgerott
    BRIGITTE Heft 16/07
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