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Casimira Rodriguez in der Hütte ihrer Tante. Nur sehr selten fährt sie noch in ihr Heimatdorf
Kurz nach Sonnenaufgang, bevor sich die Schwüle wie ein feuchter Lappen über Santa Cruz im Osten Boliviens legt, steht Sofia auf, schlüpft in Rock und Bluse, bindet sich die Schürze um und macht Frühstück für ihre Familie. Vier Gedecke am großen Esstisch, für die beiden Herrschaften, die Großmutter und die neunjährige Tochter. Sofia wird in der Küche essen. Wenn sie dazu kommt. Wenn etwas für sie übrig bleibt. Denn die Menschen, die die 37-Jährige ihre Familie nennt, sind in Wahrheit ihre Arbeitgeber. Und für die ist das Hausmädchen Sofia nicht Teil der Familie, sondern Teil des Haushalts, so wie der Fernseher und der Kühlschrank.
Sofia ist eine von rund 140 000 Frauen, die in Bolivien als Hausmädchen arbeiten. Die meisten leben mit ihren Arbeitgebern unter einem Dach, waschen, kochen, putzen, erziehen die Kinder - trotzdem sind sie keine Dienstmädchen, wie es sie auch in Europa gibt, mit Arbeitsverträgen und einem Privatleben. Die Hausmädchen Lateinamerikas arbeiten oft 15 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, ohne Ferien, ohne Lohn, für ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit. Es ist ihre einzige Alternative zu einem Leben auf der Straße. Und weil sie keinen Zugang zu Bildung haben, nichts oder nur wenig verdienen und das Haus ihrer Arbeitgeber so gut wie nie verlassen, haben sie kaum die Chance, eine eigene Familie aufzubauen.
Die meisten bürgerlichen Haushalte in ganz Lateinamerika haben ein oder gleich mehrere Hausmädchen, auch weil immer mehr Frauen der Mittel- und Oberschicht gut ausgebildet sind und arbeiten wollen, Kitas oder Ganztagsschulen aber kaum existieren. Billige Arbeitskräfte für den Haushalt gibt es hingegen genug. Bolivien ist eines der ärmsten Länder des Kontinents, und es sind beinahe ausschließlich Frauen aus der indigenen Bevölkerungsmehrheit und vom Land, die schon mit 12 oder 13 Jahren als Hausmädchen anfangen.
Statussymbol der Reichen: Hausmädchen zählen zum Inventar, wie Kühlschrank oder Fernseher
"Zu Kolonialzeiten hielt man sich Sklaven, heute hat man ein Hausmädchen. Das ist fast dasselbe", sagt Casimira Rodriguez. Die 41-jährige Quechua-Indianerin kann viel erzählen über die Ausbeutung, Rechtlosigkeit, die sexuellen Übergriffe und die körperliche Gewalt, denen viele Hausmädchen ausgesetzt sind: 20 Jahre lang war sie eine von ihnen. Heute ist sie so etwas wie deren Schutzheilige. Als Gewerkschaftsführerin hat sie hartnäckig für die Rechte der Hausmädchen gekämpft; ein Jahr lang, bis Januar 2007, war sie sogar Justizministerin im Kabinett von Evo Morales, dem ersten indigenen Präsidenten des Landes.













