Genitalverstümmelung - ein globales Problem

  • 0 Kommentare
  •  
  •  
In diesem Artikel:
"Wir wurden unserer Empfindungen beraubt, weil dieses Stück Fleisch aus uns herausgeschnitten wurde." In Handful of Ash berichten Kurdinnen Erschütterndes über die Folgen der Beschneidung.

"Wir wurden unserer Empfindungen beraubt, weil dieses Stück Fleisch aus uns herausgeschnitten wurde." In Handful of Ash berichten Kurdinnen Erschütterndes über die Folgen der Beschneidung.

Auch im kurdischen Irak wurde die Arbeit der Wadi-Mitarbeiter erst möglich, nachdem das Baath-Regime von Saddam Hussein gestürzt worden war. Wadi schickte mobile Teams in die Dörfer, um die Frauen aufzuklären und die Opfer durch medizinische und psychologische Betreuung zu unterstützen . Dabei sei es vor allem wichtig, den Bewohnern klar zu machen, dass nicht alle islamischen Prediger die Beschneidung als gottgewollt betrachten. "Die große Mehrheit der Frauen gibt an, dass man sie aus religiösen Gründen beschnitten habe", so Thomas von der Osten-Sacken. "Die Mullahs spielen als Autorität eine große Rolle." Mit der Beschneidung werde "Reinheit" oder "Jungfräulichkeit" verbunden - doch die wahren Motive liegen für den Wadi-Chef auf der Hand: "In erster Linie geht es darum, die Frau sexuell zu unterdrücken."

Die Aufklärung zeigt Wirkung: Schon jetzt konnte Wadi einen Rückgang der Genitalverstümmelungen verzeichnen. "Die positive Resonanz der Frauen und auch der Männer ist enorm", sagt von der Osten-Sacken. Bei einer Petition im vergangenen Jahr wurden in nur zweieinhalb Wochen 13.000 Unterschriften gesammelt. Am Internationalen Frauentag im März will das kurdische Parlament die Genitalverstümmelung sogar per Gesetz unter Strafe stellen.

Thomas von der Osten-Sacken ist angesichts dieser Erfahrung optimistisch, dass man in anderen Ländern ähnliche Erfolge erzielen kann - und nicht nur im Nahen Osten. "Meiner Ansicht nach handelt es sich hier um ein globales Problem."

Weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland

Wie global das Problem wirklich ist, zeigt ein Blick nach Europa. Die Initiative "TaskForce für effektive Prävention von Genitalverstümmelung" beobachtet nicht nur eine wachsende Zahl von Beschneidungen im muslimischen Bosnien-Herzegowina. Berichte über Verstümmelungen gebe es auch aus Ländern wie Frankreich, Norwegen, den Niederlanden - und Deutschland. Nach Berechnungen von Terre des Femmes leben in Deutschland mindestens 4.000 gefährdete Mädchen, 19.000 Migrantinnen seien bereits beschnitten. "TaskForce"-Gründerin Ines Laufer schätzt die Zahl der gefährdeten Kinder sogar auf 30.000. "Wir müssen davon ausgehen, dass Familien, die aus Ländern mit einer hohen Beschneidungsquote stammen, diese Praxis womöglich auch in Deutschland weiterführen."

Die tatsächliche Zahl der Opfer festzustellen, ist schwierig. Zu intim sind die Verletzungen, zu jung die Betroffenen. "Aber nur weil das Problem unsichtbar ist, heißt das nicht, dass es nicht existiert", so Laufer. Terre des Femmes und die "TaskForce" fordern darum, dass in Deutschland genauer hingeschaut wird. "Wir brauchen zum Beispiel verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen und eine Meldepflicht für Kinderärzte", so Laufer. Denn die Ärzte seien oft die einzigen, die Zugang zu den Mädchen hätten und eine Beschneidung feststellen könnten.

Doch die Politik tut sich schwer mit solchen Maßnahmen; bestimmte ethnische Gruppen könnten diskriminiert werden, und dann gebe es ja auch eine ärztliche Schweigepflicht. Heidemarie Grobe von Terre des Femmes hat für solche Argumente nur wenig Verständnis. "Es geht hier immerhin um schwere Gewalt gegen Kinder."

Info

Die Dokumentation "Handful of Ash" des Regisseurs Nabaz Ahmed hatte am 5. Februar seine Deutschlandpremiere in Hamburg. Die Produzenten von Wadi e.V. wollen ihn in den kommenden Monaten in weiteren deutschen Kinos zeigen. Die nächste Aufführung ist am 19. März im Eiszeit-Kino in Berlin.

Seite:

  1. 1
  2. 2
  • Artikel vom 06.02.2008
  • Text: Michèle Rothenberg
    Foto / Filmausschnitt: Wadi e.V.
Letzte Kommentare
  • Noch kein Kommentar vorhanden. Möchten Sie einen Kommentar schreiben? Das können Sie im Eingabefeld unten.
Kommentar schreiben
Wird nicht angezeigt.
Unter diesem Namen erscheint Ihr Kommentar
Bitte schreiben Sie den Sicherheitscode ab * Andere Zeichenfolge
noch 1000 Zeichen übrig!
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder, alle anderen sind optional.
BRIGITTE im ABO