Globalisierung: Wenn die Sekretärin in Indien sitzt
Shirley Gaynor, 28 und Shashi Kala, 26
The Strand" im Zentrum Londons ist eine Straße der Eile. Die Menschen schieben sich aneinander vorbei, trinken ihren Kaffee im Gehen, greifen sich die Gratiszeitungen ohne einen Blick für die Verteiler. In der zweiten Etage eines modernen Gebäudes, wo blauer Teppich ihre energischen Schritte schluckt, arbeitet Shirley Gaynor, 28, für die Non-Profit-Organisation Future Leaders an dem, was sie ihre Mission nennt: das englische Bildungssystem zu verbessern und damit gleiche Chancen für alle Kinder zu schaffen. Zehn Stunden am Tag macht sie das, manchmal länger. Dass die Mission ihr nicht über den Kopf wächst, verdankt sie ihrer Disziplin. Und einer Frau am anderen Ende der Welt.
Die "Old Madras Road" im indischen Bangalore ist eine Straße des Fortschritts. Stillstand herrscht hier nur zur Hauptverkehrszeit, wenn die breiten Straßen vom Verkehrsstau verstopft sind. In der vierten Etage eines schmucklosen Bürogebäudes arbeitet Shashi Kala, 26, daran, dass Shirley in London eine aktuelle Kundendatei hat oder dass für ein Meeting der passende Raum gemietet ist. Sie übernimmt auch die Abendplanung, wenn Shirley nicht dazu kommt. Oder bucht ihre Urlaubsflüge. Von halb zwei am Nachmittag bis halb zehn am Abend, was mit Zeitverschiebung dem Londoner Nine to Five entspricht, ist Shashi Shirleys ferne Assistentin, ihr Mädchen für alles.
Shashi arbeitet bei GetFriday, einem indischen Unternehmen, das Online-Dienste aller Art anbietet - als wäre es das Normalste von der Welt, ein fremdes Londoner Leben aus Indien zu organisieren. Seit beinahe anderthalb Jahren stehen die beiden Frauen fast täglich in Kontakt: Shashi Kala, Computer-Fachfrau, verheiratet und Mutter, und Shirley Gaynor, die neben dem Vollzeit-Job gerade ihren Abschluss in Wirtschaftlicher Systemanalyse an einer Londoner Uni macht. Durchgeplant sind beide Leben: Shashi kümmert sich vormittags um ihren Sohn, dann bringt sie ihn zur Großmutter und läuft zu Fuß zu ihrem Arbeitsplatz. Shirley geht einmal die Woche Squash spielen und mindestens zweimal pro Woche ins Fitness-Studio - und dann noch sechs Stunden in die Uni. Oft hetzt sie von einem Termin zum nächsten. Und ist froh, dass Shashi ihr beim Organisieren hilft. Shirley fährt sich durch die blonden Haare, setzt ihr Headset auf und schließt es an ihr Laptop an. Sie wählt sich bei Skype ein, einem Anbieter, mit dem man kostenlos übers Internet telefonieren kann. Shashi ist schon online, plötzlich bewegt sich der Cursor im Textfeld von Shirleys Computer: "Hello Shirley". Die lächelt. Die Verbindung steht. Der Arbeitstag kann beginnen.
Shashi hat Shirleys Foto vor sich auf dem Monitor, wenn die beiden über Skype telefonieren. Bei Shirley blinkt Shashis Name auf, das Gesicht ihrer Assistentin hat sie noch nie gesehen. Nur von ihrem Sohn Yashas hat Shashi vor knapp einem Jahr ein Foto gemailt, kurz nach der Geburt. Und Shirley schickte Blumen nach Bangalore. Sie hat keine Vorstellung von Shashis Leben, kennt keine Details. Sie weiß nicht, wie Shashis Mann heißt oder was er macht, welche Hobbys Shashi hat, wie sie wohnt und wann sie Geburtstag hat. "Trotzdem kommt es mir vor, als würde ich sie kennen." Klein und zart stelle sie sich ihre Kollegin in Indien vor, mit langen, dunklen Haaren.
Die wahre Shashi ist schmal und groß. Im Gegensatz zu Shirley, die meist Schwarz-Weiß trägt, liebt sie farbenfrohe Saris. Sie lebt mit ihrem Mann Mahesh Kumar, einem Ingenieur, und ihrem Sohn in einer Dreizimmerwohnung. Herzstück dieses Lebens ist ein großer roter Kühlschrank, der mitten im Wohnzimmer steht. Sonst beschränkt sich die Einrichtung auf zwei Betten mit Metallgestell, zwei Spinde und ein paar Plastikstühle. Ein indisches Mittelklasse-Leben, finanziert mit zwei verhältnismäßig guten Gehältern. Shashi ist aufgestiegen, sie wurde nach einem Jahr bei GetFriday Leiterin der "Europa-Schicht".













