Irak: Die Villa am Rande des Wahnsinns

Manche von Ihnen werden sich an Susanne Fischer erinnern. In ihrem Online-Tagebuch "Live aus Bagdad" berichtete sie 2004 für BRIGITTE.de über den Irak-Krieg. Nun erzählt sie ihre Erlebnisse in einer Frauen-WG im Nordirak. Eine Reportage in drei Teilen.

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Teil 1 - Fünf Religionen an einem Tisch

Vom Fenster in meinem Zimmer aus sehe ich eine rote Leuchtreklame: Bank of Baghdad. Ein Anblick, der mich jeden Morgen ein paar Minuten wehmütig stimmt. Kaum zu glauben, dass Bagdad nur vier Autostunden entfernt liegt. Ich könnte mich nach dem Frühstück ins Taxi setzen und wäre mittags da – und doch wäre es eine Reise in eine andere Welt. Eine, die ich mir aus Liebe zum Leben verboten habe. Allein im Juli 2006 registrierte das zentrale Leichenschauhaus in Bagdad fast 1700 Tote, die durch Gewalt gestorben sind.

Wir wohnen im kurdisch kontrollierten Nordirak, in Suleimania. Hier gibt es kaum Selbstmordattentate, keine ethnischen Milizen oder Todesschwadronen. Hier können wir als westliche Ausländer noch leben, ohne uns hinter hohen Mauern zu verstecken. Im Namen der Pressefreiheit haben wir eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft gegründet, fünf Frauen aus Südkorea, Irak, den USA und Deutschland, und bilden für das britisch-amerikanische Institute for War and Peace Reporting (IWPR) irakische Journalisten aus.

Susanne Fischer im Basar von Suleimania

Susanne Fischer im Basar von Suleimania

Unser neues Zuhause: die "Villa", ein nüchterner Betonbau, der im Erdgeschoß die Journalistenschule und in den oberen Etagen die Wohnräume beherbergt. Gemeinschaftsküche, drei Bäder, ein Fernseher und ein gelbes Sofa für alle und hinterm Haus ein lärmender Dieselgenerator, der die Lücken in der erratischen staatlichen Stromversorgung überbrückt.

Irak ist kein Neuland für mich. Als ich im März 2005 nach Suleimania aufbrach, fühlte ich mich gut gerüstet. Ich hatte als Reporterin bereits acht Monate in Bagdad verbracht. Mein Arbeitgeber hat mich außerdem in ein Seminar "Überleben in feindlicher Umgebung" geschickt. Professionelle Vorbereitung auf das Krisengebiet: Meine Lehrer waren Exsoldaten, die in Ruanda, Afghanistan und Irak tief ins Herz der Finsternis geblickt haben; mein Lehrbuch glich einer Handreichung für "Apocalypse now": Wie stille ich eine Arterienblutung? Wie überlebe ich ein Minenfeld?

Auf kriegsähnliche Zustände also war ich vorbereitet. Nicht aber auf das Leben, das mich erwartete. Ein Leben als Alien.

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