Irak: Die Villa am Rande des Wahnsinns
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Teil 3 - Karikaturenstreit im Wohnzimmer
Das Land kommt nicht zur Ruhe. Selbst im Norden ist der Schorf über den Wunden der Vergangenheit dünn. Oft begegnen wir den Schatten des alten Regimes, wenn wir es am wenisten erwarten. Als wir mit unseren Kollegen zu einem Picknick fahren, wollen wir uns auf einer großen Wiese niederlassen. Da eine meiner Mitbewohnerinnen an einer lebensbedrohlichen Bienenallergie leidet, fragt sie nach Insekten. "Keine Sorge. Hier hat Saddams Militär einen großen Giftgasangriff geführt, hier ist seit Jahren alles tot ", sagt einer der Kurden. Und greift sich Salat und Gemüse, um es im Fluß neben der Wiese zu waschen. Das ist die größte Herausforderung für uns im Irak: an der uns umgebenden Definition von Normalität nicht irr zu werden. Menschen gewöhnen sich, damit sie weiterleben können. Aber wir wollen uns nicht gewöhnen, denn wir wissen, dann kommen wir nicht unversehrt nach Hause. Die Linie zwischen Robustheit und Verrohung ist dünn im Irak.
Je fremder die Außenwelt auf uns wirkt, um so enger rücken wir in der WG zusammen. Aus Fremden werden Freundinnen; allein dass wir Werte und Freiheitsansprüche teilen, macht uns zur verschworenen Gemeinschaft.
Dann verändert sich die WG. Zwei der Frauen kehren nach Hause zurück, eine dritte, die Irakerin unter uns, heiratet und zieht nach Bagdad. Zwei Kollegen fragen, ob sie in die leergewordenen Zimmer einziehen können. Die Übersetzer Mariwan und Ayub, beide Mitte Zwanzig, kommen aus Halabja, drei Autostunden von Suleimania entfernt, bislang wohnten sie im Hotel.
Wir zögern. Männer. Kurden. Mit uns in einem Haus: Geht das überhaupt? Geraten wir nicht sofort wieder in den Ruch der Unsittlichkeit? Ich bin noch aus anderen Gründen skeptisch. Die beiden haben noch nie mit einer Frau aus dem Westen ein Haus geteilt. Was würden sie sagen, wenn wir Wein trinken, uns männlichen Freunde besuchen, wir einen Film mit für ihre Augen anzüglichen Szenen sehen? Ich bin bereit, mich draußen den Sitten des Landes anzupassen. Aber nicht in meinem Wohnzimmer.
Andererseits wäre ein bisschen Kurdistan im Haus sicher nicht schlecht. Vielleicht würde sich das Gefühl "wir hier" und "die da" ein wenig legen? Wir sagen Ja und lassen die Außenwelt ins Haus. Und so wohnen, nach der Ankunft einer neuen Kollegin aus den USA, im Spätsommer 2006 zwei kurdische Muslime, eine Jüdin aus New York, eine Ungetaufte aus Hawaii und eine zwischen Agnostik und Atheismus schwankende deutsche Exkatholikin unter einem Dach.
Unser neuer Mitbewohner Ayub ist nicht leicht zu durchschauen. Er wirkt auf uns so verwirrt und verwirrend wie die Bücher, die er liest: erotische Groschenromane neben Koranliteratur, Nabokovs "Lolita" neben Schriften radikaler Prediger. Im Fernsehen kann er stundenlang "Animal Planet" gucken, dann verschwindet er plötzlich in seinem Zimmer und hört laut eine Koranrezitation.
Wie religiös ist er wirklich? Einen Tag erlebe ich ihn heiter und gesellig, am nächsten zieht er sich fast demonstrativ zurück. Isst er an manchen Abenden nicht mit uns, weil Alkohol auf dem Tisch steht? Jessica nennt sein Schwanken zwischen Neugier auf die westliche Welt und ihrer Verteufelung "to try on Muslim fundamentalism for size": mit dem Radikalen liebäugeln und prüfen, ob es zu einem passt. Dass er mit ihr, der Jüdin aus New York, am meisten Zeit verbringt, fügt sich in seine Widersprüchlichkeit und hindert ihn nicht, ihr gegenüber um so mehr zu zürnen über den "gottlosen Westen", wo keiner mehr wahren Glauben kenne.
Ich bin nie ganz sicher, wie ernst er solche Dinge meint.
Meist kommen wir WG-Bewohner jedoch gut miteinander aus, kochen gemeinsam Gemüsecurrys, liegen in langen Sommernächten auf dem Dach, rauchen Wasserpfeife und erzählen einander Geschichten, die unser Leben schrieb. Hoch über der Stadt scheinen alle irakischen Tragödien weit weg, und die Villa am Rande des Wahnsinns kommt zur Ruhe, wenigstens ein paar gestohlene Stunden lang.
Bis uns das Fernsehen den Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen ins Haus trägt. Auf Al-Dschasira wird ein Mullah interviewt, und ich bitte Ayub zu übersetzen. "Er verlangt, die dänische Regierung müsse sich entschuldigen, und das finde ich auch." Ich widerspreche, Sätze fliegen hin und her, und plötzlich sagt Ayub: "Warum darf man in Europa unseren Propheten beleidigen, aber nicht sagen, dass es den Holocaust nie gegeben hat? Der Holocaust hat niemals stattgefunden. Er ist ein Mythos."
Eben noch Zuschauer, haben wir uns von einer Minute auf die andere gewandelt zu Mitstreitern. Wie ist der Riss in unser Wohnzimmer gelangt? Oder war er die ganze Zeit da, wir haben ihn nur nicht wahrgenommen, nicht wahrnehmen wollen? Wenig später streitet die ganze WG, scheinen wir alle in Schubladen festzustecken: Europäerin, Amerikanerin, Iraker, Jüdin, Muslim, Säkulare.
Am nächsten Tag zieht Ayub aus. Und wir fühlen uns dem Wahnsinn wieder ein ganzes Stück näher gerückt. Obwohl Bagdad immer noch vier Autostunden entfernt liegt.
Zum Weiterlesen: Buchtipp
Susanne Fischer, Meine Frauen-WG im Irak - Die Villa am Rande des Wahnsinns, Gebunden, 256 Seiten, MALIK, 17,90 Euro













