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Als die Attacke aus dem Cyberspace die Wiesbadener Dürrenmatt- Realschule* trifft, ist gerade große Pause. Die Schüler stehen auf dem Schulhof, essen ihre Brotzeit. Plötzlich stürmt eine Mädchengruppe den Platz, alle um die 14 Jahre alt. Sie zerren die verdutzte Jasmin*, ebenfalls 14, aus dem Kreis ihrer Freundinnen, beschimpfen und schubsen sie, schlagen auf sie ein. Endlich kommt ein Lehrer dazu, schreit, ruft die Polizei. Die Angreiferinnen rennen weg.
Die Vorgeschichte der Prügelei klingt wie das Drehbuch einer Science-Fiction-Seifenoper - finden Lehrer und Eltern. Total normal - sagen die Schüler. Und das ist passiert: Eine der Schlägerinnen, Lisa*, war einige Tage zuvor im Online-Netzwerk SchuelerVZ von einer Achtklässlerin der Dürrenmatt-Schule beleidigt worden. Im Web schaukelte sich der Streit hoch, die Worte wurden heftiger, gemeiner. Schließlich trommelte Lisa ihre Freundinnen zusammen, online verabredeten sie sich zum Rachefeldzug. Tatort sollte die Schule der Gegnerin sein, der Name stand ja im SchuelerVZ-Profil. Das Porträt des Mädchens war jedoch unscharf. Als Lisas Freundinnen zum Schulhof kamen, hielten sie Jasmin für die Gesuchte. Dass die von dem virtuellen Streit nichts wusste, war ihnen egal. Sie schlugen zu. Ganz real.
Zwei Wochen später steht Petra Kain vor den Lehrern der Wiesbadener Schule, eine zierliche Frau mit lockigem Pony und wachem Blick, hinter sich eine Leinwand für ihren Vortrag über die "Gefahren neuer Medien für Kinder und Jugendliche", vor sich ein Kollegium, das die Prügelei noch immer fassungslos macht. "Im Netz vergessen die Schüler alle Hemmungen", klagt eine Lehrerin. "Das tragen sie dann in die Schule!" - "Wir sind machtlos!", ruft ein Kollege dazwischen. "Schon wenn wir ihnen die Handys wegnehmen, machen uns die Eltern zur Sau!" Petra Kain hört ruhig zu, manchmal nickt sie. Sie kennt solche Diskussionen. Seit 2002 zieht die 44-jährige Hauptkommissarin als Jugendkoordinatorin durch hessische Schulen, klärt über jugendliche Gewalt auf, überlegt mit den Betroffenen, was man dagegen tun könnte. Seit etwa zwei Jahren hat ein neuer Tatort rasant an Bedeutung gewonnen: die virtuelle Welt von Handys und Internet.
* Namen von der Redaktion geändert












