Jungsmütter - Mädchenmütter
Mädchenmütter dagegen haben durch die Emanzipation gewonnen, vor allem an Selbstbewusstsein. Was ihnen Auftrieb gibt: Längst gelten ihre Töchter als das starke Geschlecht, die neue Elite. Und jeder Sinn für Zusammenhalt ist beim Teufel. Auf beiden Seiten. Und in allen Ländern. In Skandinavien und in den USA entbrennt eine Debatte darüber, ob Mütter ihren Söhnen nahelegen sollten, auf Unisex-Toiletten in Schulen im Sitzen zu pinkeln. Auslöser ist die Weigerung einer finnischen Mutter, genau dies zu tun. Sollen doch die Mädchen wegen der mangelnden Treffsicherheit der Jungs im Nassen hocken! Die Mutter jedenfalls sieht des Sohnes Männlichkeit und ihren Erziehungsstil von Mädchenmüttern in Frage gestellt. Vor wenigen Jahren waren solche Diskussionen undenkbar.
"Früher halfen sich Mütter gegenseitig", erklärt Expertin Walter. "Heute kämpft jede für sich." Auch mit dem ständig steigenden Anspruch an die eigene Perfektion. Haushalt, Karriere, Aussehen, Kind - alles muss vom Feinsten sein. "Was für eine Zumutung, dass wir Frauen immer alles im Griff haben sollen!", schimpft Melitta Walter. Anstatt sich dagegen zu verwahren, ziehen Frauen sich den Schuh an. Und werten - das Prinzip ist immer das gleiche - andere Mütter ab, um sich selbst aufzuwerten. Wer sich dann noch einem Lager zuordnet, ist gänzlich geschützt: "Vor Angriffen, Zweifeln und Schuldgefühlen", so Melitta Walter.
In der Regel haben Jungs- und Mädchenmütter wenig miteinander zu tun. Sie klüngeln untereinander, genau wie es ihre Kinder tun. Mütter und Töchter verfolgen die TV-Episoden des Mutter-Tochter-Duos "Gilmore- Girls". Mütter und Söhne ziehen sich die Action-Serie "24" rein. Das ist die harmlose Variante der neuen Spaltung. Entschlossener scheiden sich die Geister, wenn Filme zum Leitbild werden. Millionenfach einig sind sich coole Jungs und lässige Mädchen etwa in ihrer Begeisterung für die "Wilden Kerle". Ihre Mütter natürlich nicht. "Mädchenmütter werfen mir oft vor, ich züchte Machos heran", erzählt Joachim Masannek, Schöpfer der Bestseller- Reihe und Regisseur der Filme. "Die Bubenmütter sind froh über die wilden Kerle, weil sich ihre Söhne endlich mit richtigen Jungen identifizieren können."
Doch nicht das Kino ist Hauptschauplatz der aktuellen Mütterfehde, sondern die Schule. Ohne guten Schulabschluss bestehen auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen. Es heißt: büffeln, pauken, streben. Mädchen werden damit vordergründig besser fertig. Sie passen sich leichter an, sind ruhig und gewissenhaft. In Sachen Bildung liegen sie deshalb inzwischen vorn. Anfang der 60er gab es an Gymnasien noch zwei Fünftel Mädchen und drei Fünftel Jungs. Heute ist über die Hälfte der Abiturienten weiblich.
Die Jungs bilden nur bei den Schulabbrechern die Spitze, machen 72 Prozent der Abgänger ohne Schulabschluss aus. Doppelt so viele Jungen wie Mädchen bleiben sitzen, seit den 80er Jahren haben die Schulleistungen der Jungen kontinuierlich nachgelassen. Mädchen dagegen schließen sogar in Naturwissenschaften und Informatik auf. Zudem glänzen die Alpha-Schülerinnen mit sozialer Kompetenz. Selbst in gemischten Klassen stellen sie immer häufiger die Klassensprecherin, engagieren sich beim schulischen Sanitätsdienst oder als Tutorin.
Der Neidfaktor für Knaben-Mamis ist hoch. "Die Mädchen sind die Messlatte dafür, was möglich wäre", weiß die staatliche Schulpsychologin Beate Sitek aus Starnberg. "Die Jungsmütter fühlen sich gedemütigt, weil die anderen die scheinbar besseren Mütter sind - denn deren Kinder funktionieren." Jungen dagegen machen sich oft unbeliebt. Sie flegeln, stören, schlagen. Am Ende der Fahnenstange jedenfalls, bei den Verhaltensstörungen, sind Jungen klar in der Mehrheit, Hyperaktivität kommt vor allem bei ihnen vor. Kein Wunder, dass etwa 85 Prozent des beruhigenden Psychopharmakons Ritalin Jungen gegeben wird. Und das Thema Gewalt ist ebenfalls weniger ein Jugend- denn ein Jungenproblem.
Der Anruf kam um die Mittagszeit. "Eine Frau schimpfte, mein Sohn hätte ihre Tochter in der Schule zusammengeschlagen; wir sollten mal zur Erziehungsberatung gehen." Eva Knauer aus dem bayerischen Scheuring, Mutter zweier Jungen, zog es den Boden weg. Der Direktor war bereits eingeschaltet, er verlangte eine Entschuldigung des 13-Jährigen.
Dann hörte die Ernährungswissenschaftlerin sich um: Sämtliche Klassenkameraden stimmten darin überein, dass der Streit von dem Mädchen ausgegangen war, das gepiesackt hatte, bis dem Schüler der Geduldsfaden riss und er die Nervensäge kratzte. "Mädchenmütter übertreiben gern, schützen ihre Töchter über die Maßen und behaupten meist, die Jungen seien aggressiv und unerzogen. Mäddchen stehen inzwischen automatisch als Unschuldsengel da", so Eva Knauer. "Gut, dass es in diesem Fall so viele Zeugen gab." Ihr Sohn entschuldigte sich nicht. "Und ich war total erleichtert, dass klar wurde, dass er kein Schläger ist."












