Jungsmütter - Mädchenmütter

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Pädagogin Melitta Walter ist überzeugt: "Mütter von Söhnen haben es schwerer. Als Frauen haben sie eher eine Gespaltenheit dem Sohn gegenüber, keine instinktive Nähe wie bei einer Tochter." Das verunsichert. "Jungsmütter stehen unter irrem Druck", weiß auch Beate Sitek aus Beratungsgesprächen über Schüler, die Ärger machen. "Die Frauen haben bereits ein Aber auf den Lippen, wenn sie hereinkommen, wollen erklären, beschönigen, ausweichen. Sie fühlen sich viel schuldiger, als es Mädchenmütter tun." Dabei können sie weniger für die Misere, als sie fürchten.

Jungen, so zumindest die Meinung einiger Experten, sind im Schulsystem benachteiligt. Zum einen wegen des nachgewiesen größeren Bewegungsdranges, der sie ständig anecken lässt, zum anderen durch das frühe Aussortieren in der vierten Klasse. Jungen entwickeln sich langsamer. Außerdem brauchen sie dringend, was Mädchen automatisch haben: ein gleichgeschlechtliches Vorbild. Das können Mütter beim besten Willen nicht bieten.

Doch die Väter sitzen länger im Büro als früher, weil der Leistungsdruck auch im Beruf wächst - oder machen sich aus dem Staub: "Ich habe den Eindruck, die Männer sind noch weniger da als früher", erklärt Beate Sitek. Und weitere männliche Leitbilder, Erzieher oder Grundschullehrer etwa, existieren kaum. Mädchenmütter geben sich derweil weiter unversöhnlich. "Es kommen immer mehr, die sich darüber beschweren, dass die Klasse wegen der Buben im Lehrplan hinterherhinkt." Die weitere Entwicklung sieht die Fachfrau völlig illusionslos. "Die Fronten werden sich weiter verhärten", so Beate Sitek. "Denn unsere Gesellschaft wird immer leistungsorientierter."

Zu denen, die dem Mütterzwist naturgemäß unparteiisch gegenüberstehen, gehört die Literaturwissenschaftlerin Elena Kilian. Sie hat einen zwölfjährigen Sohn und eine zehnjährige Tochter. Und widerspricht den Expertinnen. "Ich finde es schwerer, heute ein Mädchen zu erziehen", sagt die 39-Jährige. "Meine Tochter geht mir viel mehr an die Substanz. Vielleicht gerade, weil alles intuitiv abläuft. Aber will ich wirklich das Vorbild sein?" Der Perfektionismus, das Konkurrenzgetue: Vielleicht haben das viele Mädchen ja auch eins zu eins von Mami übernommen?

Auch die Mädchen leiden. Ihre Mütter kennen den Preis, den sie häufig zahlen: Kopfschmerzen nach jedem Unterrichtstag, knallharte Zickenkriege um die besseren Noten und die drohende Gefahr, an Magersucht oder anderen Formen der Selbstzerstörung zu erkranken. Bildungstechnischer Pluspunkt der braven Mädchen: Nicht mal mit ihren Leiden fallen sie unangenehm auf, gehen niemandem auf die Nerven. Doch vielen Mädchenmüttern blutet das Herz.

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  • Foto: dreamstime
    Text: Barbara Czermak
    BRIGITTE Heft 18/2007
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