Kindesmissbrauch: "Auch die Familien haben versagt"

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BRIGITTE.de: Sind unter den Tätern auch Nonnen?

Kappeler: Ja, ich kenne Fälle, in denen Ordensschwestern - die ja mit den gleichen unterdrückten sexuellen Bedürfnissen leben wie Mönche oder Priester - sexuelle Gewalt gegen Mädchen angewendet haben. Aber eine gewalttätige weibliche Sexualität wird in unserer heterosexuellen Gesellschaft kaum wahrgenommen. Hinzu kommt, dass Frauen eine Mütterlichkeit, also eine besondere Fähigkeit zur Erziehung, unterstellt wird. Deshalb wird Kindern, die von Nonnen missbraucht wurden, noch weniger geglaubt als anderen Missbrauchsopfern.

BRIGITTE.de: Die Odenwaldschule ist keine kirchliche Einrichtung. Wie konnte es dazu kommen, dass auch dort Kinder missbraucht wurden?

Kappeler: In der Odenwaldschule gehört ein sehr enger Bezug zwischen Kindern und Erziehern zum pädagogischen Konzept. Während die Kinder in kirchlichen Einrichtungen von ihren Erziehern durch die Beichte und durch Schuldgefühle abhängig waren, entsteht hier die Gelegenheit für Täter durch diese Nähe zu den Kindern. Gruppen von 15 Schülern sind dort etwa wie Familien organisiert, denen je ein Lehrer als Familienoberhaupt vorsteht. Die Kinder haben keine Möglichkeit, über Übergriffe zu sprechen - aus Angst, dass das negativ auf sie zurückschlägt.

BRIGITTE.de: Was muss sich ändern, um die Täter abzuhalten und die Kinder zu schützen?

Kappeler: Die Erzieher müssen schon in der Ausbildung auf diese Situation vorbereitet werden. Vor allem müssen die Kinder und Jugendlichen darüber informiert werden, dass solche Gefahren existieren - und sie müssen bei Missbrauch angstfrei darüber reden können. Eine Einrichtung in Norddeutschland zum Beispiel hat dafür Ombudsleute, die nicht unmittelbar zum Kreis der Erzieher gehören und die die Kinder jederzeit anrufen können, wenn sie das Gefühl haben, sie können über ein Problem nicht mit dem Erzieher sprechen.

BRIGITTE.de: Glauben Sie, dass die öffentliche Empörung etwas ändern wird?

Kappeler: Als Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagoge hoffe ich das! Aber es gibt auch eine Gegenströmung, eine Welle von Solidarität für diese Einrichtungen. Wenn Ehemalige der Klosterschule Ettal nun darüber klagen, dass frühere Mitschüler die Schule öffentlich mit Schmutz bewerfen, wenn sie bekunden, sie hätten eine wunderbare Kindheit dort gehabt und seien nie mit sexueller Gewalt in Kontakt gekommen - was bedeutet das dann für die Opfer? Ihnen wird dadurch unterstellt, dass es an ihnen gelegen haben muss.

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  • Artikel vom 12.03.2010
  • Interview: Swantje Wallbraun
    Fotos: Fotolia.com; privat
Letzte Kommentare
  • Mutmachen
    am 14.05.10 um 12:49
    Es ist unglaublich wichtig zu sehen, dass auch und gerade die Familien versagt haben. Das, was sich jetzt der Öffentlichkeit in Form von Kirchen-und Schulopfern zeigt, ist doch "nur" die Spitze des Eisbergs! Darunter dümpeln all die Opfer, deren Täter aus familiärem Umkreis kommen, aus der Nachbar- und Bekanntschaft. Täter, die keinem Zölibat unterliegen und dennoch Kindern sexuelle Gewalt antun.

    Ich bin selbst "Opfer", habe über 40 Jahre lang geschwiegen, dann brach es aus mir heraus und ich brach zusammen. Ich kann keine Öffentlichkeit mehr herstellen, die Taten sind verjährt und ich MUSS schweigen, darf keine Namen mehr nennen. ICH habe lebenslang, nicht die Täter.

    Mein Anliegen ist es, den Blick _auch_ auf die Nicht-Kirchenopfer zu werfen, auf die, die keine Zeugen haben, deren Täter nicht "prominent" sind. Nur gemeinsam können wir ein Umdenken in den Köpfen unserer Mitmenschen bewirken!

    Viele Grüße,
    Mutmachen
    www.mutmachen.com

  • heldimfeld
    am 15.04.10 um 08:55
    Schade, das ein ernstes Thema wieder einmal von einem "Professor" so verhunzt wird. Seine Ausführungen zu anderen Religionen sind nicht die Wahrheit - nur das blendet jemand halt aus, wenn er mit ideologischer Maske hantiert. Weder in Buddhistischen, noch in islamischen Ländern gibt es eine vergleichbare Medienwelt. Wie kommt dieser Mann zu solch dummen Behauptungen, das wäre ein klassisch katholisches Phänomen? Er widerspricht sich, denn es kommt hunderttausendfach in Familien vor, genauso in ev. Kirchen, und überall auf dieser Welt. Öffentlichkeit herstellen, das ist das Mittel! und Hilfe für die Opfer. Seine Kampfparolen helfen keinen Millimeter weiter und sind komplett daneben. (er widerspricht sich ja übrigens in dem Interwiew selbst - wie wollte Professor Kappeler denn dann die Sportvereine erklären oder eben die Familien usw.) schade, der absolut falsche "Fachmann"...
  • jackpot
    am 20.03.10 um 17:19
    Wir sollten uns Gedanken um die Opfer machen und denen wird es sicher nicht helfen, dass jetzt auch noch die Familien versagt haben. Nur zur Erinnerung, vor 25 Jahren hat sich niemand getraut über Schwule zu sprechen und es kannte auch niemand Schwule. Heute sind wir soweit, dass wir ernsthaft Schwule mit Familien und deren Rechte gleichsetzen!! Wir können auch heute mit unseren Kindern viel offener sprechen und ihnen erklären, dass sie zu uns kommen und Vertrauen haben können. Ich habe vor Jahren meinen Sohn aus einer Schulfreizeit geholt, da ihn ein Betreuer aus seiner Sicht merkwürdig behandelte. Die begleitenden Lehrer glaubten ihm allerdings nicht und liessen es auch nicht zu, dass er mich anrief. Er hat dann bei einem Ausflug einen Ladenbesitzer dazu gebracht, dass er telefonieren durfte. Auch der Schulleiter sah keinen Handlungsbedarf. Erst nachdem ich eine Anzeige bei der örtlichen Polizei erstattete kam heraus, dass mein Sohn kein Einzelfall war--warum geht's nicht beim
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