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Bei den Kindergräben auf dem Friedhof von Frankfurt/Oder wurden die Kinder anonym bestattet.
Am Ende steht man auf einem kleinen Stück Rasen, auf dem nichts ist, nur eine Hecke aus dürren Sträuchern, die Äste sehen aus wie Struwwelpeter- Hände, die nach dem Himmel fassen. Der Boden ist moosig, das Gras liegt in Büscheln darauf und drückt die Tropfen, die an diesem kühlen Morgen an ihm hängen, in die Erde. An einer Stelle steht eine niedrige Tanne, ein Gesteck liegt dabei. Vielleicht dort. Oder an der Stirnseite der Wiese, wo es aussieht, als könnte dort gegraben worden sein.
Neunmal müssen sie in den Boden gestochen haben, für neun kleine Särge. Niemand von der Familie war dabei, am 4. Dezember 2007, morgens um acht Uhr, fast noch im Dunkeln. Nur ein Angestellter vom Bestattungshaus Ulrich Möse. Irgendwo hier. Auf diesem Feld. Auf dem Abschnitt des Hauptfriedhofs von Frankfurt/Oder, der "Kindergarten-Reihengräber" heißt, weil hier die Kinder unter fünf beerdigt werden. Drüben, in Sichtweite, liegen Gräber mit Maikäfern und Baby-Spielzeug darauf, mit Stoff-Fröschen und Engeln und Plüschhasen, Gräber, die aussehen wie erkaltete Spielzimmer, mit Kreuzen, auf denen "In Liebe unvergessen" steht. Und Namen. Chanice, Cassandra, Jessica.
Die neun Geschwister auf der kleinen Wiese gegenüber in ihren verborgenen Gräbern, sieben Mädchen und zwei Jungen, bleiben anonym. "Der Mutter wäre es zynisch vorgekommen", sagt ihr Anwalt Matthias Schöneburg, "ihnen nun noch Namen zu geben."
Auch einen Nachnamen haben sie nicht, nur ein H., das ist die Chiffre, unter der die Öffentlichkeit die Kinder kennt: die Kinder von Sabine H., 42, und ihrem Ehemann Oliver H., 45. Die neun toten Babys von Brieskow-Finkenheerd. Geboren zwischen 1988 und 1998. Verscharrt in Eimern und Kübeln auf dem elterlichen Balkon. Totschlag durch Unterlassen. Der spektakulärste Fall der deutschen Kriminalgeschichte.
Am Anfang steht eine Meldung, dass irgendwo in Deutschland ein totes Baby gefunden wurde, in einer Tiefkühltruhe wie Anfang Mai in Möllmicke im Sauerland. In einer Plastiktüte im Schrank, wie im Februar in Nauen. In einem Koffer im Keller, wie im sächsischen Plauen im November. Oder in Gefäßen und Eimern in einem Schuppen, wie im Sommer 2005 in Brieskow-Finkenheerd in der Nähe von Frankfurt/Oder. Und dann ist die Geschichte meistens schon zu Ende. Von den Babys hört man nie wieder etwas. Man denkt, sie werden bald bestattet.
Aber so ist es nicht. Wenn ein totes Baby gefunden wird, dann ist es erst eine Meldung, dann ein Beweismittel. Schließlich ein behördliches Problem, denn tote Babys haben keine Papiere. Es gibt kein Standardverfahren, dessen Ziel es wäre, so ein Kind möglichst bald unter die Erde zu bringen, um ihm zum Ende hin ein klein wenig Würde zu geben. Es kann Jahre dauern. Bei den neun Babys von Brieskow-Finkenheerd waren es fast zweieinhalb. Neun Kinder, die nicht auf und dann nicht unter die Erde konnten.













