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An diesem Morgen ist Natalia in den Bus gestiegen. Sie hat ihren Sohn bei ihrer ehemaligen Schwiegermutter untergebracht, ihren Freundinnen gesagt, sie besuche Verwandte. Acht Stunden bis Moskau und eine Woche, die sie fort sein wird. Und dann wieder eine Woche. Und dann einige Monate. Es ist eine Reise, während der sie ein Kind gebären wird. Und doch wird sie mit leeren Händen zurückkehren. Für eine solche Reise braucht man eine Mischung aus Naivität und trotzigem Selbstbewusstsein. Um zu sagen: "Es ist nichts dabei. Ist einfach verdientes Geld, und etwas Gutes tue ich auch."
Man muss sie vor sich sehen, wenn sie das sagt. Ein Gesicht wie Milch und Honig. Ein Kind irgendwie. Wenn sie spricht, richtet sie den Blick mit Würde gerade auf ihr Gegenüber. Sie kennt die Vorurteile in den Köpfen der anderen. Die da wären: ausgebeutetes Opfer. Oder: geldgeil, herzlos. Eine wie sie, die den Müttermythos auf den Kopf stellt.
Natalia ist 30 Jahre. Sie hat einen 13-jährigen Sohn, der wiederum einen Vater hat, der sich einen Dreck kümmert. Sie hat einen Schulabschluss, den sie sich in Kirow, in der Provinzkleinstadt, aus der sie kommt, an den Hut stecken kann. Weil es dort keine Arbeit gibt. Und den sie in Moskau gar nicht erst vorzeigen muss. Weil es dort viele gibt, die einen solchen Abschluss haben und auch vom Glück träumen. Manchmal jobbt sie im Altenheim, manchmal in einer Bar. Beides keine Jobs, mit denen sie ein gutes Leben finanzieren kann. Rechnet man das Kindergeld für ihren Sohn dazu, verdient sie im Monat 10 000 Rubel, das sind 280 Euro. Es ist Natalias zweites Mal.
Das erste Mal tat sie es für eine neue Wohnung. Sie hatte die Anzeige gesehen, in der stand, sie erhalte 15 000 Euro. Da war sie 28 und aus Kirow niemals herausgekommen. Jeder Tag war gleich. Das Geld reichte nie, die Wohnung war zu klein und zu kalt, das Kind, ihr Junge, immer erkältet. Das Übliche also, so oft erzählt, dass die Erzählungen fade klingen. Und fade wäre auch Natalias Leben geblieben. Hätte es nicht in Deutschland eine Frau gegeben, der etwas fehlte, was Natalia hatte: eine Gebärmutter. Und die etwas hatte, was Natalia fehlte: Geld. Und so wurde aus dem sommersprossigen Provinzmädel Natalia die geliehene Mutter eines weiblichen deutschen Embryos, der die Nummer ZI5078334L trug. Der nach seiner künstlichen Zeugung sechs Tage lang in einer Flüssigkeit schwamm, so lange, bis er auf 72 Zellen angewachsen war. Und dann auf eine Spritze gezogen und in Natalias Gebärmutter geschossen wurde.
Leihmutterschaft und Eizellenspende sind in Deutschland laut Embryonenschutzgesetz aus dem Jahr 1991 verboten. Erlaubt ist die In-vitro-Fertilisation, die Zeugung im Reagenzglas. Ein Vorgang, der keine Hoffnung bietet für Frauen, die ohne Gebärmutter geboren wurden. Oder diese durch Krebs verloren. Oder deren Körper kein Kind hält, egal, wie oft sie die Prozedur der Follikelentnahme und der künstlichen Befruchtung über sich ergehen lassen. Wer dennoch ein Kind haben will, muss ins Ausland gehen: nach Asien, Kanada, in die USA oder die Niederlande, nach Belgien, England oder Griechenland.
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