Leseprobe

Lilly Lindner: "Splitterfasernackt"

Warum wird eine Frau, die als Kind missbraucht wurde, Prostituierte? Lilly Lindner hat in ihrem Roman "Splitterfasernackt" ihre unglaubliche Lebensgeschichte aufgeschrieben. Lesen Sie hier einen Auszug.

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Die Autorin

Lilly Lindner

Lilly Lindner

Lilly Lindner ist 26 Jahre alt, eine zarte Frau mit schönen dunklen Augen. Sie mag Worte und arbeitet gerne mit Kindern. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass im Innern dieses Mädchens seit 20 Jahren die Hölle tobt. Eine Hölle, die sie nun in ihrem Buch "Splitterfasernackt" in starke, gnadenlos offene Worte gefasst hat.
Lillys Kindheit endet, als sie sechs Jahre alt ist. Ein Nachbar vergewaltigt sie, immer wieder. Doch Lilly erzählt niemandem davon. Sie zieht sich zurück, tief traumatisiert. Ihre Eltern verstehen sie nicht, das schwierige Kind geht ihnen auf die Nerven. Der Nachbar zieht weg, aber die Verzweiflung bleibt. Lilly fängt an zu hungern und sich Muster in den Arm zu ritzen. Als sie 17 ist, wird sie erneut brutal vergewaltigt, mit 20 entschließt sie sich zur Flucht nach vorn: Lilly wird Prostituierte. Sie professionalisiert den Sex, der ihr so viel Angst macht. Sie übernimmt wieder die Kontrolle über ihren Körper und lässt sich gut dafür bezahlen.

"Splitterfasernackt" ist keine leichte Lektüre. Oft ist sie kaum zu ertragen. Sie werden womöglich weinen. Sie werden Lilly Lindner in den Arm nehmen wollen. Sie werden wütend sein, auf die Verbrecher und die Gesellschaft, die ihre Kinder nicht schützen kann. Und trotzdem werden Sie weiter lesen, gefesselt von der Sprache dieser Frau und ihrem scharfen Verstand. Die so präzise und nachfühlbar beschreibt, was Gewalt anrichtet und warum sie so oft in Schweigen endet. Gut, dass Lilly Lindner ihr Schweigen gebrochen hat.
Michèle Rothenberg

Leseprobe

400 S., 16,99 Euro, Droemer Knaur, erscheint am 12.9.

400 S., 16,99 Euro, Droemer Knaur, erscheint am 12.9.

PROLOG

Vielleicht arbeite ich ja nur deshalb in einem Bordell, weil Männer an einem Ort wie diesem für ihre Triebe bezahlen müssen und weil sie auf diesem Weg nicht einmal annähernd zu meinem Herzen durchdringen können. Sie sind nur ein flüchtiger Schwarm zirpender Wanderheuschrecken. Ein Rudel schwanzwedelnder Hunde.

Es gibt Männer, die stellen ihre Frau vor dem Baumarkt ab und sagen: "Schatzi-Mausi, ich gehe nur schnell ein paar Dübel kaufen ... wartest du bitte kurz hier auf mich - im Baumarkt langweilst du dich ja sowieso bloß ..." Und dann verlassen diese Männer den Baumarkt durch den Zugang um die Ecke und gehen auf einen Zehn-Minuten-Fick in ein Bordell. Für solche Notfälle haben Männer sogar immer eine ungeöffnete Packung Dübel oder Schrauben als Alibi in der Tasche. Das ist die Welt, in der ich meine zu kurzen Röcke und mein gefälschtes Lächeln trage.

Warum sollte ich je wieder Sex haben, ohne dafür bezahlt zu werden? Aus Liebe? Nein danke. Nicht einmal mit Rückgaberecht. Das ist viel zu kompliziert. Und die Miete lässt sich davon auch nicht bezahlen.

Das habe ich nur so dahingeschrieben. Eigentlich meine ich das Gegenteil. Was kann schöner sein als der erste Kuss oder ein ehrlich gemeintes Lächeln. Was ist wertvoller als geschenkte Zeit und eine liebevolle Berührung.

Es gibt Augenblicke, in denen ich mich frage: "Wie konnte ich es nur wagen, meinen Körper gegen die Sucht, in fremde Arme zu fallen, einzutauschen? Und mit welchen Worten kann ich ihn wieder in Empfang nehmen, falls ich ihn eines Tages zurückbekommen sollte?" Es ist ein Alptraum, dieses Spiel mit einem geschändeten Körper zu treiben.

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BRIGITTE im ABO