Moldau: Wie Frauen gegen Zwangsprostitution kämpfen

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Orhei. Dort, wo die Felder enden und vereinzelt schon ein paar Häuser stehen, wohnt Viorica, 22. Als sie vor vier Jahren ins Wohnheim nach Chisinau kam, war ihr Bauch aufgebläht wie ein Fußball - eine Infektion der Gebärmutter. Die meisten Zwangsprostituierten holen sich Geschlechtskrankheiten, viele infizieren sich mit Aids. Für Viorica bedeutete es immerhin das Ende ihres zweimonatigen Martyriums. Ihr Käufer, ein Bordellbesitzer auf Zypern, schmiss sie einfach raus. Auf Kosten von IOM wurde sie operiert. Heute lebt sie mit ihren zwei Töchtern, zwei und sechs Jahre, in einer kleinen, aber komfortablen Dreizimmerwohnung mit Bad und Küche, die ihrer Mutter gehört. Viorica sitzt auf ihrem Bett, schmal, kindhaft, umgeben von Stofftieren. Die Vorhänge sind zugezogen, im Fernsehen läuft ein Zeichentrickfilm. Eine Höhle.

"Nach meiner Rückkehr aus Zypern fing ich an zu zittern, sobald mir Männer auf der Straße entgegenkamen", erzählt sie. Und wenn ihre Tochter sie von hinten berührte, zuckte sie zusammen, weil sie dachte, es sei ein Kunde, der sie anfasst. Die zweite Schwangerschaft war ein Versuch, ins normale Leben zurückzukehren. "Ich wollte eine richtige Familie." Doch der Mann verließ sie ein paar Monate nach der Geburt des Kindes. Viorica spricht mit heiserer Stimme, ihre Worte sind gewählt. Eine intelligente Frau. Sie war gut in der Schule, sagt sie, ihr Lieblingsfach war Rumänisch, die Landessprache. Gern hätte sie Psychologie studiert. Doch dann kam mit 16 das erste Kind, und ihr Vater, der sie als Kind oft misshandelt hatte, setzte sie vor die Tür. Als ihr eine Bekannte einen Job als Tänzerin auf Zypern anbot, zögerte sie nicht. Die Frau besorgte ihr einen gefälschten Pass und lieh ihr das Geld für den Flug. Später sollte sie es ihr zurückzahlen. Tatsächlich verkaufte sie Viorica an den Mann, der sie am Flughafen von Nikosia abholte und gleich ihren Ausweis kassierte. Ihr Preis: 2500 Euro, die sie nun bei ihm abarbeiten sollte. "Noch am selben Abend musste ich Kunden bedienen", sagt sie leise und mit weit aufgerissenen Augen. "Wenn ich nicht parierte, sperrte der Zuhälter mich ein, er gab mir nichts zu essen und schlug mich." Sie verstummt. Mehr will, mehr kann sie nicht erzählen.

Sie leidet noch heute, sie hat Schmerzen im Unterleib. Aber von sechs Euro Kindergeld, ihren einzigen Einkünften, kann sie sich keinen Arztbesuch leisten. Krankenversicherung und Sozialhilfe gibt es in Moldau nicht. Sie habe schon oft daran gedacht, Schluss zu machen, sagt sie. "Ich reiße mich zusammen. Wegen der Mädchen."

Viorica ist statistisch gesehen ein typischer Fall: arbeitslos, alleinerziehend, aufgewachsen mit einem gewalttätigen Vater. Auffallend viele Opfer von Frauenhandel haben schon als Kind Gewalt erlebt. Wo andere zurückweichen, gehen sie über ihre Grenzen. Riskieren immer wieder, Opfer zu werden. Auch kluge Frauen wie Viorica tappen in die Fallen der Menschenhändler. Armut und niedrige Löhne machen viele Moldauer blind für die Gefahren. Außerdem kursieren überall die Erfolgsgeschichten der Auswanderer, die jeden Monat hohe Summen auf die Konten der Daheimgebliebenen überweisen - die Gescheiterten erzählen keine Geschichten.

Stofftiere und Popstars aus einer fernen heilen Welt trösten Viorica in ihrer Wohnung.

Moldau gilt als ärmstes Land Europas. Das durchschnittliche Einkommen in der ehemaligen Sowjetrepublik liegt zwischen geschätzten 175 und 260 Euro im Monat. Selbst Lehrer und Ärzte verdienen hier oft weniger als das Existenzminimum, das offiziell bei 60 Euro im Monat liegt. Ohne die Auswanderer könnte das Land nicht überleben. Von den 4,3 Millionen Einwohnern arbeiten rund 600 000 im Ausland. Sie verdienen schätzungsweise ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Zunehmend werden auch Hochschulabsolventen Opfer von Menschenhandel. Laut einer IOM-Studie waren es 2006 15 Prozent, doppelt so viele wie im vorigen Jahr. Plakate auf den Straßen warnen davor, auf falsche Jobangebote im Ausland hereinzufallen. Monatelang war Chisinau plakatiert mit Bildern von zwei riesigen Männerfäusten - in der einen steckte Geld, in der anderen eine nackte Frau. Radio- und Fernsehsendungen greifen das Thema auf. "Aber solange es keine Sozialhilfe in Moldau gibt, wird sich nichts ändern", sagt Lilia Gorceag.

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  • Text: Ariane Heimbach
    Fotos: Andrea Diefenbach
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 13/09

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