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Chisinau, die Hauptstadt des Armutsstaats, lässt sich nichts anmerken. Boss, Nike, Adidas und das erste McDonald's haben ihre Filialen eröffnet. In unzähligen Wechselstuben tauschen Teenager die Euros und Rubel ihrer im Ausland arbeitenden Eltern um. Junge Mädchen stelzen in Miniröcken und Stilettos über die Straße. Zwischen überfüllten Trolleybussen, die am Stromnetz entlanggleiten, bahnt sich ein deutscher Markenwagen mit abgedunkelten Scheiben den Weg durch den Verkehr. Am Steuer eine Frau, hohe Pumps, schwarz umrandete Augen, lange Fingernägel: Valentina Litvinov, 48, Chefin von Interpol. Vor einer Villa im Zentrum hält sie. Das Interpol-Gebäude hat Norwegen finanziert. Sie selbst verdient 210 Euro im Monat, zu wenig, um die Mieten in der Stadtmitte zu bezahlen. Also lebt sie mit ihrer 25-jährigen Tochter bei ihren Eltern. Ziemlich normal in Moldau, jedenfalls für eine alleinerziehende Mutter. Valentina Litvinov ist die erste Frau in Moldau in einer Spitzenposition der Polizei. Und eine der wichtigsten im Kampf gegen den Menschenhandel. Die studierte Philologin war schon 29, als sie bei der Polizei als Übersetzerin anfing. Nach fünf Jahren in der Zivilabteilung bot man ihr eine Stelle bei Interpol an, damals ein reines Männerteam. Die junge Inspektorin galt als fleißig und äußerst korrekt. "Ich habe höllisch aufgepasst, dass man mir keine Fehler vorwerfen kann", sagt sie. Hinzu kam, dass es gerade mit dem Frauenhandel in Moldau losging. Eine Frau bei Interpol, so dachten die Autoritäten, kann da nur hilfreich sein.
Sechs Jahre später wurde Valentina Litvinov Chefin von Interpol und krempelte den Laden um. Vom autoritären Drill der postsowjetischen Miliz hält sie nichts. Ihre Mitarbeiter mussten sich daran gewöhnen, Entscheidungen als Team zu treffen. Und daran, dass sie die Hälfte der Posten mit Frauen besetzte. Ihre Truppe arbeitet rund um die Uhr. "Unsere Stärke ist Schnelligkeit und das internationale Netzwerk", sagt sie und klingt zum ersten Mal wie eine Polizistin. Ihr größtes Anliegen: Menschenhändlerringe zerschlagen. Bei einigen ist das schon gelungen. "Auch meine Tochter hätte Opfer sein können. Das hat mich immer angetrieben."
Sie gibt Kurse an der Polizei-Akademie. Auf dem Stundenplan steht offiziell: "Die Routen der Menschenhändler". Inoffiziell geht es um etwas anderes: "Vorurteile abbauen." "Ich versuche den Studenten beizubringen, dass sie die Frauen schätzen müssen", sagt sie und trommelt mit ihren Fingernägeln auf den Tisch. Sie kämpft auch bei der Polizei gegen die uralte Doppelmoral: Entweder sind Frauen Engel oder Huren. Ob sie zur Prostitution gezwungen wurden oder nicht, ist egal. Die Frauen sind der öffentlichen Meinung nach unrein. "Dabei sind doch die Männer das Problem", platzt es aus ihr heraus. "Ohne Nachfrage kein Angebot!"
Moldau hat noch ein anderes Problem. Dem Staat hängen etliche Korruptionsvorwürfe an, und zwar auf allen Ebenen: Grenzposten, Polizei, Justiz. Erst ein paar Tage zuvor ließ ein schlecht verdienender Dorfpolizist für ein paar hundert Lei eine 13-Jährige bei ihren Peinigern sitzen. Am nächsten Tag flog die Sache auf, aber da war das Mädchen schon vergewaltigt worden. Oder im Oktober 2006: Die Regierung entließ in einem spektakulären Fall wieder einen hohen Politiker, weil er einen Menschenhändler geschützt hatte. Zu einem Prozess kam es aber nicht. "Die Gehälter der Polizisten müssen endlich erhöht werden", sagt die Interpol-Chefin. Mehr Geld würde die Polizei weniger anfällig für Korruption machen.












