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Valentina Litvinov gilt als unbestechlich. Mit ihrem fließenden Französisch und ihrem emanzipatorischen Auftreten ist sie so etwas wie die europäische Hoffnung in dem Land, das wie so viele postsozialistische Staaten nur schleppend auf dem Weg in ein stabiles Rechtssystem vorankommt. Die Republik Moldau hat zwar wesentliche UN-Konventionen unterzeichnet, darunter das Palermo-Protokoll, das den Menschenhandel als Verbrechen definiert und einen besseren Schutz der Opfer vorschreibt. Auch besteht seit 2005 ein Strafgesetz, das Menschenhändlern bis zu lebenslange Haftstrafen androht. Doch bei der Umsetzung hapert es. "Es gibt in Moldau praktisch keinen Opferschutz", sagt Valentina Litvinov. "Außerdem werden am Ende eines Menschenhandel-Prozesses zwei Drittel der Täter nur noch wegen Zuhälterei oder Schleusertum verklagt." Die Frauen verlieren damit ihre Immunität als Opfer von Menschenhandel, sie werden zu Zeugen und können dann für ihre illegale Ausreise bestraft werden. Also klagen sie lieber nicht. Sie hüllen sich in Schweigen, weil sie die Verachtung in ihrem Dorf oder in der Familie fürchten.
Oxana nicht. Sie klagte ihren Cousin an. Für ein paar Schmuckstücke hatte er sie verkauft. Ein Ring und eine Kette für den Körper einer 15-Jährigen, für rötliche Haare, Sommersprossen und eine Porzellanhaut. Doch Oxana war zäh, und sie hatte Mut. Das sollte sie retten. Oxana, 21, erzählt ihre Geschichte zum zweiten Mal. Nur vor Gericht hat sie darüber gesprochen. Ihr Gesicht ist starr, die Stimme monoton. Sie steht am Fenster und schaut aus dem achten Stock eines Plattenbaus in Chisinau. Hinter den Häusern gegenüber beginnt die grüne Hügellandschaft. 70 Kilometer weiter nördlich liegt Sintazeni, Oxanas Dorf. Es ist ein Dorf wie viele andere in der Gegend, wo kein Haus fließendes Wasser hat, die 20 Meter tiefen Brunnen im Garten verschmutzt sind und es fast jeden Tag Polenta zu essen gibt. Der Mais ist das einzige Nahrungsmittel, das direkt vor der Haustür wächst. Jeder im Dorf träumt davon, wegzugehen. Oxana blieb nichts anderes übrig. Ihr Vater war tot, die Mutter litt an einer unheilbaren Nervenkrankheit. Sie brach die Schule in der achten Klasse ab, um in Moskau als Babysitterin zu arbeiten. Ihr Cousin hatte ihr den Job vermittelt und eine Mitfahrgelegenheit bei einem Paar organisiert. Dort angekommen, erfuhr sie, dass sie für die beiden noch am selben Abend auf den Straßenstrich sollte.
Der erste Kunde entjungferte sie. "Er hat dafür extra viel Geld bezahlt. Er war alt und widerlich", sagt Oxana. Zurück im Hotel lauschte sie darauf, wann das Paar, mit dem sie das Zimmer teilte, endlich einschlief. Sie war hellwach. Sie wusste, wo die Handtasche der Frau lag, in der sich ihr Pass befand. Leise stand sie auf und öffnete die Tasche. "Meine Hand zitterte so, dass ich dachte, der Pass würde herunterfallen", sagt sie. Aber sie hielt ihn fest, kletterte durch das Badezimmerfenster im Erdgeschoss und rannte los, so lange, bis sie in einen Wald kam. Vier Tage und Nächte lang versteckte sie sich dort. Aus einem Teich konnte sie trinken. Dann erst wagte sie sich auf die Straße. Ein Ehepaar nahm sie im Auto mit und schenkte ihr auch das Geld für die Heimfahrt.
Als sie in ihrem Dorf ankam, lief sie nach Hause - und sagte nichts. Schämte sich. Vier Jahre lang. Bis zu dem Tag, als ihr Cousin einen Witz darüber riss, dass sie eine Hure sei. Da ging sie zur Polizei. "Er bekam nur eine Geldstrafe", sagt Oxana. Aber allein, dass sie sich nicht von den Verwandten bestechen ließ, weiter zu schweigen, habe ihr Genugtuung verschafft. Nach dem Zuhälter-Paar wird noch heute gefahndet. Immerhin finanzierte ihr eine Hilfsorganisation die Ausbildung an einer Berufsschule, nachdem ihr Fall öffentlich geworden war. In einem Monat macht sie den Abschluss als Friseuse. Dann muss sie Arbeit finden. Sie spricht sich Mut zu: "Ich werde es schon schaffen."
Mit dem Auto sind es knapp fünf Minuten vom IOM-Rehabilitationszentrum bis zum Flughafen Chisinau. Vor dem Checkin- Schalter für einen Flug nach Verona warten fast nur Frauen. Wieder zieht ein Treck nach Westen, um dort Böden zu putzen, Tabletts zu schleppen und fremde Kinder zu versorgen. Aber werden sie alle wirklich dort ankommen, wo sie hinwollen? Am Ausgang zum Rollfeld hängt ein Plakat mit fett gedruckten Zahlen: 0800 77777. Die kostenlose Notrufnummer für Opfer von Menschenhandel.












