Als Sibylle Landmann* drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter zum ersten Mal wieder ins Büro fuhr, freute sie sich. Auf ihre Arbeit als Personalentwicklerin in einem Hamburger Großbetrieb und auf die Kolleginnen. Ob vielleicht ein Blumenstrauß auf ihrem Tisch stehen würde? Auf alles war sie gefasst, aber nicht darauf: "An meinem PC saß bräsig ein neuer Kollege, der meine Aufgaben machte. Mir wurde ein total leeres Büro zugewiesen, Möbel könne ich mir ja aus dem Lager holen." Möbel hat sie sich inzwischen organisiert, mit Hilfe des Betriebsrates. Aber ihre frühere Arbeit bekommt sie nicht wieder, im Gegenteil: Der Chef zeigt ihr unverblümt, dass er sie loswerden möchte. Schon als Sibylle Landmann ihre Schwangerschaft verkündete, bot er ihr eine Abfindung an. "Und jetzt werde ich klein gehalten, bekomme langweilige Aufgaben", erzählt die 35-Jährige. "Mehrmals am Tag steht mein Chef unvermittelt in der Tür. Jedes Mal erschrecke ich, fühle mich kontrolliert und eingeschüchtert." Noch hat sie nicht aufgegeben, aber ihr Mut schwindet: "Man lässt mich spüren, dass man mich als Mutter in diesem Betrieb nicht mehr will."
Mit diesem Gefühl ist Sibylle Landmann nicht allein. Zwar betonen Arbeitgeber bei jeder Gelegenheit, wie wichtig es für die Zukunft Deutschlands sei, dass sich Familie und Beruf vereinbaren lassen. Doch die Realität sieht anders aus. "Immer mehr Firmen versuchen aus wirtschaftlichen Gründen, Schwangere und Mütter mit unterschiedlichen Methoden rauszudrücken", berichtet Robert Rath vom Berliner Landesamt für Gesundheit und technische Sicherheit. Eigentlich sind werdende Mütter und Frauen (oder Männer) in Elternzeit gesetzlich vor Kündigung geschützt. Will ein Betrieb sie loswerden, muss er dies ausdrücklich bei der zuständigen Arbeitsschutzhörde beantragen. Und die genehmigt den Rauswurf nur, wenn von der betreffenden Person eine "Störung des Betriebsfriedens" ausgeht. Oder sie eine kriminelle Handlung, beispielsweise einen Diebstahl, begangen hat. Oder die Firma komplett dicht macht. Allein in Berlin stieg die Zahl der Anträge in vier Jahren um 50 Prozent auf knapp 400 – nur die Hälfte davon wurde genehmigt. Um den Kündigungsschutz zu umgehen, greifen die Unternehmen deshalb zu Tricks, berichtet Robert Rath: "Da gibt ein Restaurant angeblich den Betrieb auf und eröffnet am selben Ort unter neuem Namen – aber zufällig ohne die schwangeren Kellnerinnen." Eine andere Variante, so Rath: "Vorwürfe werden total aufgebauscht." Um solche Tricksereien aufzudecken, machen Behördenmitarbeiter – ungemeldete – Besuche vor Ort.
Auch in etlichen anderen Bundesländern ist der Trend zu beobachten: In Hessen hat sich zwischen 2000 und 2004 die Zahl der Schwangeren und Erziehenden, denen gekündigt werden sollte, fast verdoppelt – von 381 auf 670. Im Thüringer Sozialministerium ist man besorgt darüber, dass "Firmen immer häufiger versuchen, Schwangere unter Vorwänden loszuwerden" – im Jahr 2004 genau 236-mal. Klar ist auch, dass nur die Spitze des Eisbergs bei den Ämtern auftaucht. Die meisten Frauen verschwinden geräuschlos. Martina Lanz*, Grafikerin bei einer Frankfurter Werbeagentur, meldete während der Elternzeit an, sie wolle künftig 30 Stunden in der Woche arbeiten. Darauf hat sie laut Gesetz einen Rechtsanspruch. Denn Betriebe mit mehr als 15 Beschäftigten müssen eigentlich auf Wunsch des Arbeitnehmers Teilzeit gewähren – die Agentur beschäftigt allein in Frankfurt mehr als 100 Leute. "Aber meine Chefs sagten sofort: 'Sieht nicht gut aus'", berichtet Martina Lanz. Teilzeit sei bei einer Agentur ganz schwierig, man brauche die Mitarbeiterinnen auch mal abends. Und außerdem sei gerade ein Großkunden-Auftrag weggebrochen. Man müsse also Personal abbauen. Martina Lanz ist allein erziehend, der Vater des Kindes macht eine Umschulung und kann keinen Unterhalt bezahlen. Sie ließ sich auf einen Kuhhandel ein: 30- Stunden-Woche bis zum Jahresende, dann Kündigung mit Abfindung. Inzwischen zweifelt sie, ob die Entscheidung richtig war: Am Schwarzen Brett werden neue Mitarbeiterinnen gesucht, so schlecht kann die Auftragslage nicht sein. "Aber ich hatte keine Nerven zu klagen und dann ein halbes Jahr auf den Prozess zu warten", sagt sie.













