Postpartale Depression: Das Baby kommt, das Glück nicht

Der Spielfilm "Das Fremde in mir" (Kinostart 16.10.) von Emily Atef war der Überraschungserfolg in Cannes. Sein Thema betrifft viele Frauen: Mütter, die nach der Geburt keine Liebe für ihr Kind empfinden und die an ihren Schuldgefühlen fast ersticken. Ihre Traurigkeit hat einen Namen - Postpartale Depression.

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Es scheint beinahe unwirklich, wie das Leben von einem Moment auf den anderen in zwei Teile zerfallen kann. Der erste Teil, das ist Rebecca (Susanne Wolff) während ihrer Schwangerschaft: Sie freut sich auf ihr Baby; liebevoll streichelt sie über ihren Bauch, scherzt mit dem Ungeborenen, baut mit ihrem Mann die große Altbauwohnung zu einem gemütlichen Nest um.

Der zweite Teil, das ist Rebecca als Mutter. Alle Fröhlichkeit ist von ihr abgefallen. Unsicher und befremdet beäugt sie ihr Kind, das gesund ist und entzückend und bei allen anderen Menschen in ihrer Umgebung begeisterte "Duziduzi"-Anfälle hervorruft. Nur bei ihr nicht. Statt der bedingungslosen Liebe, die sie wie selbstverständlich erwartet hat, empfindet sie nur Hilflosigkeit und Verzweiflung. Ihr Sohn bleibt ihr fremd. Von Schuldgefühlen überwältigt, erstickt Rebecca beinahe an ihrer Traurigkeit und dem Gedanken daran, eine schlechte Mutter zu sein. Versagt zu haben bei einem Prozess, der doch das natürlichste der Welt sein müsste.

50 bis 80 Prozent aller jungen Mütter kennen die "Heultage" nach der Geburt, die meist drei bis fünf Tage andauern. Die Postpartale Depression (PPD), unter der Rebecca in "Das Fremde in mir" leidet, ist etwas völlig anderes: Sie kann auch lange nach der Entbindung auftreten, noch im zweiten Jahr nach der Geburt. Biologische, psychische und soziale Faktoren wirken dabei zusammen: Der Hormonschub nach der Geburt bringt den Hirnstoffwechsel durcheinander, das begünstigt den Ausbruch der Krankheit; wie auch eine familiäre Vorbelastung, wenn Eltern oder Großeltern unter Depressionen gelitten haben.

Erst bei den Recherchen zu ihrem Spielfilm wurde Regisseurin Emily Atef klar, wie weit verbreitet das Problem wirklich ist. "Immer, wenn ich von meinem Projekt erzählt habe, egal ob auf einer Party oder bei einem Abendessen, kamen Frauen auf mich zu und sagten: 'Ich hatte das auch.'", erzählt die 35-Jährige. "Immer mit gedämpfter Stimme, weil natürlich keine freiwillig aufzeigt und zugibt, dass sie ihr Kind nicht mag." Auch Atef ist in dem Glauben erzogen worden, dass Mütter nach der Geburt sofort eine große Liebe für ihr Baby empfinden, wie ein naturgegebener Instinkt eben. "Es ist doch Wahnsinn, dass Frauen sich immer noch so schämen müssen, darüber zu sprechen, wenn man bedenkt, wie viele an Postpartaler Depression erkranken!"

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  • Text: Silke Stuck, Andrea Benda
    ein Artikel aus der BRIGITTE 22/08
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