Die Girls von Riad

So heißt heißt der Roman, der in Saudi-Arabien alle Tabus gebrochen hat. Weil Rajaa Alsanea, 25, so intensiv von den Wünschen junger Frauen erzählt, als ginge es um ihr Leben. BRIGITTE-Mitarbeiterin Madlen Ottenschläger hat die Autorin getroffen.

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Rajaa Alsanea am Ufer des Lake Michigan. Seit fast einem Jahr lebt sie in Chicago, macht dort ihren Master in Zahnmedizin und möchte dann zurück in ihre Heimat

Rajaa Alsanea am Ufer des Lake Michigan. Seit fast einem Jahr lebt sie in Chicago, macht dort ihren Master in Zahnmedizin und möchte dann zurück in ihre Heimat

Auf dem hölzernen Couchtisch liegt ein Buch mit der Sprengkraft einer Bombe. 300 Seiten dick, der Einband aus einfacher Pappe. In arabischer Schrift steht darauf: "Die Girls von Riad". Auf dem Sofa sitzt Rajaa Alsanea, reckt das Kinn und sagt: "Irgendjemand musste doch den Anfang machen." Also hat sie den Anfang gemacht. Hat ein Buch geschrieben, das verteufelt oder geliebt wird in ihrer Heimat, schwarz oder weiß, ein Dazwischen gibt es nicht. Dabei erzählt es nur die Geschichte von vier Freundinnen aus Riad, von ihren Träumen und Hoffnungen, ihrem Leben und Lieben.

Für Saudi-Arabien aber ist das unerhört. Vergebens suchte man bislang in dem Land, das sich abschirmt vom Rest der Welt wie kaum ein zweites, nach Geschichten, die vom echten Leben erzählen. Und dann ist es eine Frau, ausgerechnet, die den Blick durch das Schlüsselloch freigibt!

Wir sitzen in Rajaas Wohnzimmer. Die Wände sind mintgrün, afrikanische Masken blicken auf eine braune Ledercouch, über dem Fernseher hängen Fotos. Rajaa ist jung, 25 erst, und sie ist eine Schönheit: braune Locken, braune Augen, perfekte Figur. Sie trägt Jeans und Pulli und die Haare offen. In ihrer Wohnung in Chicago, beim Gespräch mit einer Frau, braucht sie kein Kopftuch, wie sie es sonst in der Öffentlichkeit trägt. Seit fast einem Jahr lebt Rajaa in den USA, sie ist dem Bruder und der Schwester in die Stadt am Lake Michigan gefolgt, macht dort wie die beiden ihren Master in Zahnmedizin, in Endodontologie. Im Juni 2008 will sie ihre Abschlussprüfung bestehen - und dann heimkehren nach Saudi-Arabien.

Ihre Stimme wird weich, wenn sie von ihrer Heimat spricht, von den Freundinnen dort, der Mutter. "Ich liebe Saudi-Arabien", sagt sie. "Ich vermisse es unendlich, und ich würde nie etwas tun, das meinem Land schadet." Aber ist das nicht ein Widerspruch? Greift sie in ihrem Buch nicht das Land an, in dem sie aufgewachsen ist? Schließlich schreibt sie darüber, wie Frauen an arrangierten Ehen zerbrechen. Sie schreibt über Homosexualität, ein absolutes Tabu in Saudi-Arabien und der ganzen islamischen Welt. Sie schreibt über die Freundschaft einer Sunnitin mit einem Schiiten, die im Gefängnis endet. Und sie schreibt über geschiedene Frauen, die von der Gesellschaft geächtet und ausgegrenzt werden.

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  • Text: Madlen Ottenschläger
    Fotos: Katja Heinemann
    BRIGITTE Heft 10/2007
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