Ein Fünfjahresplan für Holzschlitten!

Jede Saison dasselbe: Im Winter gibt's keine Schlitten, im Sommer kein Sandspielzeug. Unser Wirtschaftssystem ist so was von kaputt.

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Der Kapitalismus ist am Ende. Gerade jetzt, kurz vor Weihnachten, können wir wieder eins zu eins miterleben, wie unser Wirtschaftssystem grandios versagt: Haben Sie mal versucht, in den letzten Tagen einen einfachen Holzschlitten zu kaufen? Können Sie sofort vergessen! Der Verkäufer im Sportgeschäft hat mich fast ausgelacht. "Einen Schlitten? Jetzt im Winter. Die sind längst alle ausverkauft", hat er gesagt. Im Internet? Fehlanzeige. "Derzeit nicht verfügbar", heißt es bei den Online-Händlern. Nun kann man ja nicht behaupten, dass der Winter die holzschlittenproduzierende Industrie jedes Jahr aufs Neue überrascht. Die haben doch Verkaufsstatistiken. Warum können die dann nicht die entsprechende Menge herstellen?

Oder Puderzucker. Neulich wollte sich einer meiner Freunde abends einen gepflegten Whisky Sour mixen. Also schaute er schnell noch beim Supermarkt vorbei. Die Zitronen bekam er noch. Doch um die letzte Packung Puderzucker im Regal musste er sich mit einer Rentnerin rangeln. Die dabei ziemlich professionell ihren Stock einsetzte. "Puderzucker ist halt knapp wegen des ganzen Weihnachtsgebäcks, das die Leute jetzt backen", erklärte ein Verkäufer teilnahmslos.

Diese Mangelwirtschaft führt allenthalben zu entwürdigendem menschlichen Verhalten. Eine Kollegin versteckt sich jetzt schon immer hinter dem Supermarkt, um auf die Laster mit den Waren zu warten. Vor ein paar Tagen hat sie dort ein dutzend Tüten Mandeln abgegriffen – bevor sie in die Verkaufsregale kamen. Der vierjährigen Tochter einer Freundin hat man am Nikolaustag den neuen Schlitten geklaut. Direkt vor der Kindergartentür. Wie verroht muss man denn da bitte schön sein? Oder wie verzweifelt?

Und das ist ja nicht nur im Winter so. Im Juli noch mal kurz Sandspielzeug kaufen, für ein paar entspannte Tage am Strand? Ausverkauft, sagen dann die Verkäufer wieder und verkneifen sich mühsam ein Lachen.

Wenn die Industrie schon nicht begreift, wie man die Nachfrage entsprechend angemessen befriedigt, dann muss die Politik eingreifen. Ich werde nur noch eine Partei wählen, die mir einen Fünfjahresplan für Holzschlitten verspricht. Und für Puderzucker, Mandeln und Sandschäufelchen.

  • Artikel vom 17.12.2010
  • Text: Bernhard Lill; Foto: Thomas Neckermann
Letzte Kommentare
  • C.Bothe
    am 20.12.10 um 19:15
    Vielen Dank! Ist mir aus der Seele geschrieben - ein weiteres Problem neben den angeblich jahreszeitlich bedingt knappen Konsumgütern ist das Problem mit den Anziehsachen: Ab Januar muss ich mich für den Sommer einkleiden. Eine Auswahl bunter Sommerkleider ist bis April zu haben, danach nur noch "Reste", ebenso Winterhosen: "Die kauft man im September, nicht im Dezember" versichern mir jedes Jahr aufs neue die Verkäufer. Aber will man wirklich bei mildem Sonnenschein in die Wollhose steigen und bei Frost und Schnee das Sommerfähnchen anprobieren?
  • Leserin
    am 18.12.10 um 21:17
    Ha! Genau! Schon mal versucht, Anfang Dezember eine Schneehose für ein Kind oder Ende Oktober Kinder-Winterschuhe zu kaufen?

    Danke für diesen Kommentar! Er spricht mir so aus dem Herzen...

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