- (0 Bewertungen)
- Kommentare (0)
-
Schriftgröße
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in der Pause, einige Schüler und Schülerinnen liefen johlend über den Flur, andere reagierten fassungslos, viele sagten, das hätten sie sowieso geahnt. "Ja, ich lebe mit einer Frau zusammen", hatte Lehrerin Karin Gabriel ebenso schlicht wie direkt auf die Frage einer Schülerin geantwortet. Ein mutiger Schritt, egal ob an dieser Hauptschule im westfälischen Bocholt oder mitten in Hamburg oder Berlin. Auch wenn sie die Einzige ist, die sich geoutet hat, heute ist es bei Schülern und Kollegen kein Thema mehr. Und wenn tatsächlich mal wieder das Schimpfwort "schwule Sau" auf dem Schulhof fällt und Karin Gabriel dabei ist, kann sie den Jugendlichen ansehen, wie peinlich es ihnen ist, "weil sie gleich merken, welchen Mist sie da reden".
Manche Dinge macht sie sehr kontrolliert. Etwa im Sportunterricht. "Bei einer Salto-Hilfestellung zum Beispiel kann es vorkommen, dass man versehentlich den Po berührt statt den Nacken, wenn das Tempo nicht stimmt. Deshalb sage ich immer vorher sehr deutlich, was passieren kann. Aber viele männliche Kollegen machen das inzwischen auch, um Missverständnissen vorzubeugen." Es gibt Tage, da ist sie sehr dünnhäutig. Und andere, an denen sie wütend darüber ist, dass sie sich wegen ihrer sexuellen Orientierung erklären muss. "So einen Outing-Prozess auszuhalten ist nicht einfach", sagt die 47-Jährige. Aber es ist es wert. Für die Schülerinnen und Schüler, die homosexuell sind, es aber noch nicht genau wissen oder es für sich behalten, für alle anderen - und für sich selbst. Sie erinnert sich gut daran, dass sie als Schülerin dachte, sie sei der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der so fühlt. Bis heute hat sich noch keine Schülerin, kein Schüler an sie gewandt. "Aber allein, dass ich da vor ihnen stehe, ist gut. Und sie sehen: Die führt ein ganz normales Leben. Und ist nicht daran zerbrochen."
Doch die tagtägliche Gratwanderung ist für viele mühsam. Und so ganz anders als das schillernde Bild, das Werbung und Medien jetzt von Homosexuellen zeichnen. Vor allem schwule Kultur ist angesagt: Modeschöpfer wie Wolfgang Joop und Karl Lagerfeld, der Choreograf John Neumeier, die Comedy-Stars Hape Kerkeling und Hella von Sinnen prägen seit Jahren das mediale Klima der Toleranz. Nicht zu vergessen Klaus Wowereit, Berlins Regierenden Bürgermeister. Die Verständnis-Innigkeit gipfelte vor einigen Monaten in der Schlagzeile einer Boulevardzeitung: "Wird Wowi der erste schwule Kanzler?" Auf einem Foto posierte der Bürgermeister eng umschlungen mit seinem Lebensgefährten Jörn Kubicki.
BRIGITTE.de: Alle aktuellen Themen auf einen Blick
Noch kein Kommentar vorhanden. Möchten Sie einen Kommentar schreiben? Das können Sie im Eingabefeld oben.
Mehr aus der Rubrik "Gesellschaft"
Soziales Jahr für alle?
Hilfst Du anderen, hilfst Du Dir
Wird's dieses Jahr noch mal Sommer?
Fotostrecke: Elke Büdenbender: Die Frau an der Seite von Frank-Walter Steinmeier
Fotostrecke: Ilse Aigner bei BRIGITTE
Benaissa-Prozess: Wer aufs Kondom verzichtet, ist selbst schuld?
Google Street View: Die wichtigsten Fragen
Fleischkonsum: 17 Gründe, weniger Fleisch zu essen
Sorgerechts-Urteil: Peinlich, aber gut
Christian und Bettina Wulff: (K)ein Aufreger?!
Mehr bei BRIGITTE Woman
Lebensgefühl: Test: Passt mein Leben zu mir?
Trauer um Tiere: Wenn der eigene Hund stirbt
Fotostrecke: Verschwundene Dinge: Machts gut!


