Lesbisch, schwul. Alles ganz normal?

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Tatsächlich hat sich für die geschätzten fünf Prozent Lesben und Schwulen in Deutschland in den vergangenen Jahren einiges verändert. Seit fünfeinhalb Jahren dürfen sie eine "eingetragene Lebenspartnerschaft" eingehen, also heiraten. Und immer häufiger leben sie mit Kindern - meist aus früheren Beziehungen - in einer "Regenbogenfamilie" zusammen. Für Constanze Körner, Projektleiterin beim Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) ist der Trend unverkennbar: "Die Homoszene wird bürgerlicher." Angepasster, weniger exotisch als noch vor zehn oder 20 Jahren, das mag auf den ersten Blick für die Lebensweise der meisten Homosexuellen stimmen. Wer genauer hinschaut, sieht die Risse in der hochmodernen Fassade unserer Gesellschaft. Apothekerin Sabine Schöler*, 48, möchte sich eigentlich nicht als Lesbe bezeichnen. Das Wort gefällt ihr nicht. Dabei würden alle, die einen ansehen, gleich so einen Tunnelblick bekommen und an Sex denken. Sie sagt: "Ich verliebe mich in Frauen und lebe mit einer Frau zusammen." Trotzdem trägt sie seit vielen Jahren das lesbische Frauenzeichen ganz dezent an einer dünnen Halskette. In der Apotheke ist es ihr schon passiert, dass eine bieder wirkende Kundin ihr unter dem Rezept einen Zettel zugeschoben hat, auf dem stand: "Wo gibt es hier eine Szene?" Weiterhelfen konnte sie ihr nicht. Das einzige Lesben-Café in der kleinen Stadt, das in den frauenbewegten 80er Jahren öffnete, hat dichtgemacht. Sabine und ihrer Lebenspartnerin Martina Witter* ist das inzwischen egal. Sie sagen, sie brauchen diesen Schutzraum nicht. Dennoch wollen sie ihre Namen nicht nennen. Der Grund: ihre Angst vor einem Outing im Beruf.

Martina arbeitet als Ergotherapeutin in einem evangelischen Altenpflegeheim. Der Heimleiter sei sehr konservativ, der würde das nicht akzeptieren, glaubt die 44-Jährige. Hin und wieder machen er und die Kollegen Schwulenwitze, berichtet Martina: "Das regt mich immer so auf, aber dann sage ich doch wieder nichts." Über die Hälfte der homosexuellen Frauen und Männer in Deutschland haben sich an ihrem Arbeitsplatz nicht geoutet, das ergab eine Umfrage der Lesbenzeitschrift "L-Mag"; zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine noch unveröffentlichte Studie der Universität Köln. Sie leben ständig mit der Angst, erkannt zu werden - und zugleich sehnen sie sich oft danach.

Wie Martina, die am Christopher Street Day mit dem Motorrad direkt vor dem Altenheim vorbeifährt, weil sie insgeheim hofft, dass eine Kollegin sie am nächsten Tag darauf ansprechen wird. Und das könnte dann der Anstoß sein, sich zu outen. Denn das Geheimhalten hat etwas Beschämendes. Das Verschweigen kostet Kraft. Da müssen zum Beispiel Urlaubsbilder aussortiert werden, bevor die Kollegen und Kolleginnen sie sehen dürfen. Claudia Wohlers*, Abteilungsleiterin in einem großen IT-Unternehmen in München, berichtet: "Ich zeige nur Landschaftsbilder." Und wenn sie montags im Büro vom Wochenende erzählt, dann schildert sie zwar detailliert ihre Erlebnisse, aber spricht von sich und ihrer Frau immer nur als "wir".

Das sei ein Automatismus, an den man sich gewöhne, sagt auch Barbara Sander*, 50, die bei einer großen Versicherung in Stuttgart arbeitet und vor sieben Jahren die "Wirtschaftsweiber" gegründet hat, ein Netzwerk lesbischer Fach- und Führungskräfte. Eine zierliche blonde Frau, in Business-Kleidung und mit Perlenkette. Zu Beginn ihrer Karriere hat sie geheim gehalten, dass sie mit einer Frau zusammenlebt: "Ich wollte sicher sein, dass irgendwelche Anfangsfehler nicht auf mein Lesbischsein geschoben werden." Die größte Hürde sei der Sprung zur Abteilungsleiterin gewesen. Das Verstecken ihres Privatlebens, glaubt sie, hätte man ab dieser Position als mangelndes Vertrauen in ihre Vorgesetzten werten können. Als sie den Job hatte, weihte sie ihren Chef ein. Das sei schon gut so, meinte der, aber sie solle besser nicht so offen darüber sprechen, nicht alle im Unternehmen könnten damit umgehen. Noch heute kommt es vor, dass sie schwankt, ob sie ihre Frau mit zu einem Geschäftsessen nehmen soll oder nicht. Andererseits sieht Sander auch Vorteile für Lesben im Berufsleben - sie könnten ihre Karriere besser durchziehen, weil die meisten ja keine Babypause einlegen, meint sie.

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  • Text: Ariane Heimbach
    Foto: Clipart
    BRIGITTE Heft 6/2007
Letzte Kommentare
  • Schmidt
    am 09.02.12 um 18:46
    Hier nur die Frauenwelt betreffend ...

    Oft ist zu lesen: „Die Hälfte der lesbischen Frauen hat hin und wieder Sex mit Männern.“
    Davon ging auch B. aus, der sich unsterblich in eine lesbische Dame namens Luise verliebt hatte. Dass sie um einiges älter war, störte B. nicht. Er zog alle Register, um Luise zu erobern – erster Erfolg: B. wurde zum Tee eingeladen - zwanglose Konversation – besser als nichts. „Ich finde Sie sehr sympathisch!“, sagte Luise. „Ich würde Sie gern wiedersehen, aber bitte – machen Sie sich keine Illusionen – hab seit eh und je Weiberröcken nachgehangen – bin wohl erblich belastet! Für heute machen wir erst einmal Schluss – rufen Sie mich doch einfach wieder an!“
    Luise hatte sich später in eine „Gleichgesinnte“ verliebt. B. blieb trotzdem in seinen Plänen eisern, Luise zu erobern …
    Nach meiner jetzigen Erfahrung werden lesbische Frauen mehr u. mehr akzeptiert - auch in “Antiquitätenmarder … noch lebe ich!“, AAVAA-

 
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