Lesbisch, schwul. Alles ganz normal?

  • 1 Kommentar
  •  
  •  

Eine europäische Marktforschungsstudie aus dem Jahr 2004 bestätigt das. Demnach haben die geschätzten 1,6 Millionen homosexuellen Frauen in Deutschland ein überdurchschnittliches Einkommen - allerdings verdienen sie immer noch weniger als homosexuelle Männer. Solche Zahlen dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass in vielen Wirtschaftskreisen "nach wie vor Eiseskälte gegenüber Homosexuellen herrscht", sagt Christoph Wolf, Ex- Bundesvorsitzender des Schwulennetzwerkes "Völklinger Kreis". Im Geschäftsleben ist es für ihn in vielen Situationen immer noch nicht selbstverständlich, von "meinem Mann" zu sprechen.

So hat auch Bert Krüger*, 53, gedacht. Acht Jahre war er bei einer internationalen Firma in Düsseldorf tätig, zuletzt als Marketing- und Vertriebsleiter. Dann kam der Tag, an dem er durch einen anonymen Brief an seinen Chef geoutet wurde. Bert Krügers Stimme zittert, während er aus dem Brief vorliest. Es sind Zeilen voller Niedertracht und falscher Anschuldigungen, wie etwa der Aussage, er habe Aids. "Das ist der einzige Punkt, den ich widerlegen konnte. Durch ein ärztliches Attest", sagt er bitter. Sein Vertrauen in die Kollegen war von da an zerstört. Er verdächtigte fast jeden, den Brief verfasst zu haben: "Auf einmal war die Firma kein Zuhause mehr, sondern ein Tatort." Er wurde unsicherer bei der Arbeit, zog sich innerlich zurück. Sein Chef reagierte nun oft gereizt. Irgendwann lud man Krüger nicht mehr zu den wichtigen Meetings ein. Und schließlich erhielt er eine Kündigung. Angeblich aus betriebsbedingten Gründen. Bert Krüger fand keine Anstellung mehr und arbeitet seither als Selbständiger.

"Homosexualität ist immer noch mit dem gleichen Ausmaß an negativen Gefühlen verbunden wie vor 30 Jahren", heißt es in einer Untersuchung des Niedersächsischen Sozialministeriums. Allerdings steht hier nicht die Hölle eines Büros im Fokus, sondern "die Schule als homophober Ort". Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Iconkids & Youth hat die Ablehnung von Homosexuellen unter Jugendlichen dramatisch zugenommen: von 34 Prozent 1998 auf 61 Prozent im Jahr 2002. Ein möglicher Grund: die Zukunftsangst vieler Jugendlicher. Wer fürchtet, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden, greift oft jene an, die dort aus seiner Sicht stehen: Homosexuelle und Migranten. Auch unter Erwachsenen ist dieser Trend auszumachen: In einer repräsentativen Studie der Universität Bielefeld sagten im vergangenen Jahr 22 Prozent der Befragten: "Homosexualität ist unmoralisch." Im Jahr 2005 hatten auf dieselbe Frage knapp 17 Prozent mit "Ja" geantwortet.

Stefan fällt auf. Der 19-Jährige trägt gern ausgefallene Kleidung und gestikuliert stark mit den Händen. "Manchmal bin ich wohl ein bisschen Diva-like und exzentrisch", sagt er. Schwule wie Stefan haben es an der Schule besonders schwer. Nach seinem Outing in der elften Klasse eines Hamburger Gymnasiums hieß er für viele nur noch "Stefanie" und "Schwuchtel". Im Sportunterricht wurde er stets als Letzter in die Mannschaft gewählt. In der Umkleidekabine zogen die Mitschüler über ihn her, nur die Mädchen hielten zu ihm. Die Lehrer taten so, als bemerkten sie nichts. Stefans Schulleistungen verschlechterten sich rapide. "Ich wusste, dass der Oberstufenkoordinator schwul ist", erzählt Stefan. "Aber ich habe lange gezögert, zu ihm zu gehen. Ich wollte keine Petze sein und kein Opfer." Der Schritt erwies sich als goldrichtig: Nach einem Krisengespräch mit Stefans Lehrern und einem Schüler, der Stefan besonders übel gepiesackt hatte, hörten die Anfeindungen auf.

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  • Text: Ariane Heimbach
    Foto: Clipart
    BRIGITTE Heft 6/2007
Letzte Kommentare
  • Schmidt
    am 09.02.12 um 18:46
    Hier nur die Frauenwelt betreffend ...

    Oft ist zu lesen: „Die Hälfte der lesbischen Frauen hat hin und wieder Sex mit Männern.“
    Davon ging auch B. aus, der sich unsterblich in eine lesbische Dame namens Luise verliebt hatte. Dass sie um einiges älter war, störte B. nicht. Er zog alle Register, um Luise zu erobern – erster Erfolg: B. wurde zum Tee eingeladen - zwanglose Konversation – besser als nichts. „Ich finde Sie sehr sympathisch!“, sagte Luise. „Ich würde Sie gern wiedersehen, aber bitte – machen Sie sich keine Illusionen – hab seit eh und je Weiberröcken nachgehangen – bin wohl erblich belastet! Für heute machen wir erst einmal Schluss – rufen Sie mich doch einfach wieder an!“
    Luise hatte sich später in eine „Gleichgesinnte“ verliebt. B. blieb trotzdem in seinen Plänen eisern, Luise zu erobern …
    Nach meiner jetzigen Erfahrung werden lesbische Frauen mehr u. mehr akzeptiert - auch in “Antiquitätenmarder … noch lebe ich!“, AAVAA-

 
Kommentar schreiben
Wird nicht angezeigt.
Unter diesem Namen erscheint Ihr Kommentar.
Bitte schreiben Sie den Sicherheitscode ab * (Andere Zeichenfolge)
noch 1000 Zeichen übrig!
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder, alle anderen sind optional.

BRIGITTE im ABO

Brigitte-Netzwerk
BRIGITTE-woman.de
Bfriends.de
Bym.de