Seyran Ates: "Wir müssen über Sex sprechen"
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Seyran Ate
BRIGITTE: Über tausend Frauen sind in Deutschland jedes Jahr von Zwangsehe bedroht. Die meisten von ihnen sind Musliminnen. Warum hält sich diese Tradition so hartnäckig?
Seyran Ateş: Das liegt am bizarren Verständnis der Fundamentalisten von Sexualität. Für Frauen gibt es demnach einfach keine freie, selbst bestimmte Sexualität. Stattdessen herrscht die Vorstellung, die Ehre des Mannes befinde sich zwischen den Beinen der Frau. Und diese Ehre muss unter allen Umständen geschützt werden, vor allem vor außerehelichem Sex. Deswegen wird ja so früh wie möglich geheiratet.
BRIGITTE: Notfalls gegen den Willen der Beteiligten?
Seyran Ateş: Ja, denn man geht davon aus: Wenn eine Frau und ein Mann sich allein in einem Raum befinden, kann es innerhalb von Sekunden zum Geschlechtsverkehr kommen. Das wäre eine Katastrophe, wenn die beiden nicht miteinander verheiratet wären. Erst wenn wir über dieses Verständnis von Sexualität offen sprechen, können wir die Situation der Frauen verbessern.
BRIGITTE: Wie soll das konkret geschehen?
Seyran Ateş: Die sexuelle Unterdrückung der Frau im Islam muss ein öffentliches Thema werden! Wir müssen den Menschen klar machen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen so einem Frauenbild und einem Verbrechen wie dem Ehrenmord. Wieso fragen Lehrer ihre muslimischen Schüler nicht einfach mal, warum sie deutsche Frauen grundsätzlich als Huren bezeichnen? Und warum sprechen sie die Eltern nicht darauf an, welch fragwürdiges Sexualitätsverständnis sie ihren Kindern vermitteln? Dieses Thema darf kein Tabu sein.
BRIGITTE: Ein anderer Weg, den Frauen zu helfen, wären Gesetzesänderungen. Das neue Zuwanderungsgesetz zum Beispiel verbietet den Nachzug von Ehepartnern unter 18 Jahren. Halten Sie das für eine sinnvolle Strategie?
Seyran Ateş: Gesetze sind ein erster Schritt. Deshalb fordere ich ja auch, dass Zwangsheirat ein eigener Straftatbestand wird. Das würde den Frauen ein Verteidigungs-Instrument in die Hand geben. Doch damit sie es auch benutzen, müssen wir sie aufklären. Schon im Kindergarten sollte den Mädchen klar gemacht werden, dass sich die Prinzessin ihren Prinzen selbst aussucht. Und wir müssen in die Familien gehen und uns einmischen. Das Konzept einer Multi-Kulti-Gesellschaft, in der alle einfach nebeneinander her leben, ist gescheitert.
BRIGITTE: Als Familienanwältin waren Ihre Auseinandersetzungen mit streng gläubigen Muslimen ja eher ernüchternd. Sie wurden angepöbelt, bedroht, fast getötet. Vor einem Jahr gaben Sie deshalb sogar ihre Anwaltslizenz zurück...
Seyran Ateş: Ich habe mit der muslimischen Gemeinde zwar beruflich viel zu tun, privat jedoch nicht mehr. Deshalb gab es keine Gelegenheit für Anfeindungen. Ich weiß aber, dass meine Art zu leben von den Strenggläubigen nicht gerne gesehen wird. Unverheiratet zu bleiben und alleinerziehend zu sein ist im fundamentalistischen Islam kein gängiges Lebensmodell.
BRIGITTE: Womit müsste denn eine ledige Mutter rechnen, die stärker als Sie in der Gemeinde verwurzelt ist?
Seyran Ateş: Sie würde wohl ein recht isoliertes Leben führen. Man würde sie zwar nicht verstoßen wie in Marokko, doch sie gälte als Gefahr für die verheirateten Männer. Schließlich ist sie keine Jungfrau mehr und könnte ihre Sexualität ohne Ehemann völlig unkontrolliert ausleben. Das kann von den Fundamentalisten nicht geduldet werden.












