Seyran Ates: "Wir müssen über Sex sprechen"
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Zwangsheirat in Deutschland
Das Phänomen Zwangsheirat ist in Deutschland wenig erforscht. Bislang stützt sich das Bundesfamilienministerium lediglich auf die Erfahrungen einzelner Beratungsstellen, Rechtsberater und Wissenschaftler sowie auf ausländische Studien. Im September hat der Bund dieses wenige Wissen erstmals in einem Forschungsband zusammengetragen.
Man schätzt, dass jedes Jahr rund 1000 Frauen und Mädchen in Deutschland zwangsverheiratet werden. Laut Fachleuten handelt es sich vor allem um Migrantinnen - allerdings kämen diese nicht ausschließlich aus der Türkei und Arabien, wie es die Öffentlichkeit oft wahrnimmt. Es seien auch Frauen aus Süd- und Osteuropa, aus Asien und Afrika darunter. Genauso wenig sei die Zwangsehe auf Muslime beschränkt. So gehörten laut einer Studie von 2005 in Hamburg 16 Prozent der Ratsuchenden anderen Religionen oder gar keiner Religion an. Die Forscher warnen darum davor, sich bei diesem Thema nur auf die ethnischen und religiösen Hintergründe der Beteiligten zu konzentrieren. Dadurch würden rassistische Vorurteile verstärkt und diese Bevölkerungsgruppen noch weiter ausgegrenzt.
Weitgehend unbekannt ist, dass auch Männer von der Zwangsheirat betroffen sind - oft würden Familien die Verheiratung als Strafe für Ungehorsam oder Homosexualität einsetzen. Wenige wissen außerdem, dass nicht nur Männer erzwungene Hochzeiten arrangieren. Häufig seien die Frauen in den Familien genauso daran beteiligt.
Je jünger die Mitglieder der Einwandererfamilien sind, desto weniger akzeptieren sie die Tradition der arrangierten Ehe. In Österreich beobachtet man bereits einen Rückgang der Zwangsverheiratungen. Allerdings: Die Abkehr der Jungen von den alten Traditionen führt auch zu Konflikten - die nicht selten in Gewalt enden. 48 Menschen wurden in Deutschland nach Angaben des Bundeskriminalamts zwischen 1996 und 2005 Opfer von Ehrenmorden, 22 weitere überlebten Anschläge. In vielen Fällen waren Zwangsehen der Auslöser.
Wie können solche Eskalationen verhindert werden?
Das Problem ist, dass sich viele Mädchen und Frauen nicht trauen, anderen von ihrer Not zu erzählen. Zwar ist der Anteil der Migrantinnen, die sich an Frauenhäuser wenden, in den vergangenen Jahren gestiegen (2005 machten sie 48% der Besucherinnen aus). Doch vielen Frauen ist die Hürde, zu einer Beratungsstelle zu gehen, immer noch zu hoch - zum einen, weil sie nicht gut Deutsch sprechen, zum anderen, weil sie den Beratern misstrauen. "Bei vielen deutschen Frauen und Migrantinnen herrschte völlige Unklarheit, was Beratung bedeutet, was Beratungsstellen tun, was sie von einer Beraterin erwarten könnten. Sie hegten starke Befürchtungen, dass die Beraterin ihnen etwas einreden und eigene Entscheidungen nicht respektieren würde", so Barbara Kavemann in dem Forschungsbericht des Familienministeriums.
Es sei darum wichtig, dass Berater bei Familien, die auffällig geworden sind, behutsam auf die Mädchen und Frauen zugehen. Dazu gehöre, dass sie ihre Sprache sprechen, ihren kulturellen Hintergrund kennen und akzeptieren. Wichtig ist auch die Vernetzung von Jugendämtern, Schulen und Beratungsstellen. Um den Frauen entgegen zu kommen, hat das Land Nordrhein-Westfalen vor drei Monaten eine anonyme Online-Beratung gestartet. Unter www.zwangsheirat-nrw.de können die Betroffenen den mehrsprachigen Betreuerinnen des Mädchenhauses Bielefeld ihre Sorgen erzählen. Sobald die Mädchen Vertrauen gefasst haben, geht die Beratung am Telefon weiter. Auch die Kriseneinrichtung Papatya in Berlin bietet eine Online-Beratung für Migrantinnen an. Sie verfügt außerdem über geheime Notfallplätze, wo die Frauen und Mädchen unterschlüpfen können.
Den gesamten Forschungsband zu Zwangsverheiratungen in Deutschland können Sie auf der Website des Familienministeriums herunterladen.













