Shell-Studie: Die große Kluft

Jugendliche trotzen der Krise - das ist die gute Nachricht der Shell-Studie. Aber: Junge Leute aus ärmeren Familien werden abgehängt. Das ist für BRIGITTE-Redakteurin Silke Baumgarten die wichtigste Erkenntnis aus der Untersuchung. Und die ist erschreckend.

Die Ergebnisse der Shell-Studie

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Silke Baumgarten

Silke Baumgarten

Fast 70 Prozent aller Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien sehen ihre Zukunft düster. 41 Prozent glauben nicht daran, jemals ihre beruflichen Wünsche umsetzen zu können. Diese jungen Menschen sind zum Beispiel Kinder von Einwanderern, aber auch Heranwachsende von Alleinerziehenden, die finanziell selten auf der Sonnenseite ankommen. Ist das fair?

Ich finde diese Zahlen erschreckend. Sie zeigen einerseits wie frustriert schon Jugendliche sind, wenn sie nicht den richtigen Background mitbringen. Und sie zeigen andererseits, dass Deutschland in Bezug auf Bildungschancen offenbar immer noch so undurchlässig ist wie eine Mauer aus Stahl. Denn befragt wurden für die Shell-Studie Jungen und Mädchen zwischen zwölf und 25 Jahren. Wenn eine Pubertierende meint, sie könne wegen ihrer Herkunftsfamilie nicht werden, was sie sich wünsche, ist vielleicht noch einiges offen. Aber wenn ein 25-jähriger feststellen muss: Meine Zukunft sieht finster aus, ich hatte keine Chance, das aus mir zu machen, was in mir steckt, ist das echt bitter.

Können wir uns das leisten? Welche Potenziale verschenken wir mit diesem Klassendenken, wie viele Talente verschleudern wir! Mich macht das wütend. Junge Menschen müssen endlich individuell und entsprechend ihren Fähigkeiten gefördert werden. Wir brauchen Schulen, die schlau machen, bevor sie selektieren; Lehrer, die Noten nicht nach Vornamen oder Familienstand vergeben; Programme, die das Beste aus den Kids herauskitzeln. Ansätze gibt es: längeres gemeinsames Lernen, individuelle Förderung, Patenschaften und Initiativen, die ausgleichen, was manche Eltern ihren Kindern nicht mitgeben können. Die 400 Millionen Euro, die Familienministerin Kristina Schröder bis 2014 jetzt zusätzlich zur Sprachförderung zur Verfügung stellen will, können nur ein Anfang sein. Eine wirkliche Integration nicht nur von Kindern mit Migrationshintergrund braucht ein Konzept. Das ist für mich die zentrale Aussage der Shell-Studie 2010 – und die zentrale Aufgabe, der wir uns endlich stellen müssen.

  • Artikel vom 26.08.2010
  • Text: Silke Baumgarten
Letzte Kommentare
  • I-dille
    am 25.09.10 um 17:31
    Die Forderung nach Chancengleichheit für alle ist wichtig und richtig. Aber diese Forderung gibt es seit den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts - und die Schere ging immer weiter auseinander. Das Problem bei (türkischen und arabischen, nicht bei asiatischen!) Kindern mit Migrationshintergrund besteht oft darin, dass ihre Eltern wenig Wert auf eine gute Ausbildung legen.

    Außerdem kenne ich genügend junge Erwachsene, die trotz bester Voraussetzungen nicht das geworden sind, was sie - und ihre Eltern! - sich erträumt hatten. Denn es gibt eine andere, Besorgnis erregende Entwicklung: während Jugendliche früher ganz "normale" Berufe anstrebten, will heute jeder einen Beruf, der möglichst "sexy" und gut bezahlt ist. Davon gibt es natürlich nicht allzu viele, und die Zahl der wirklichen Überflieger ist zu allen Zeiten überschaubar. Es sind auch die fragwürdigen Ideale unserer Gesellschaft, die zu einer weit verbreiteten Unzufriedenheit unter jungen Menschen f

  • Honigbiene
    am 20.09.10 um 16:49
    Was heißt hier berufliche Wünsche umsetzen. Lass mal überlegen, in der Realschule waren wir 42 in einer Klasse, als ich meinen Abschluß hatte, standen mir zwei Ausbildungsstellen zur Verfügung (Zahnarzthelferin und Einzelhandelskauffrau - hier hätte ich Sommer wie Winter einen Rock anziehen müssen!!).

    Gewollte hätte ich eigentlich Tierpflegerin oder Augenoptikerin (war aber nur für männlich/und/oder Abiturient!!).

    Also Zahnarzthelferin, im Anschluß auch noch Bürokauffrau und heute - ziehe ich zwei Kinder auf, trage Zeitungen aus und betreue ehrenamtlich Kranke und Behinderte.

    So viel zum Thema Berufswunschumsetzung, übrigens ich bin trotzdem glücklich und zufrieden und Aggressionen anderen gegenüber hatte ich auch nie.

  • Herr_Rhein
    am 19.09.10 um 21:16
    Es sind ja nicht ausschließlich die Alleinerziehenden, die Frau Baumgarten´s besondere Aufmerksamkeit erfahren. Sondern zudem die Menschen mit Migrationshintergrund, von denen kürzlich ein paar Querschläger im ÖRF sagten, dass ihre Muruks von nebenan überhaupt nicht daran denken sich in eine duetsche Leitkultur zu intergrieren, weil´s auch ohne ginge.

    Man sollte die Hoffnung aber nie aufgeben. Selbst Frau Ortgies hatte schon den einen oder anderen Geistesblitz erlebt.
    Jezt aber mal Spaß beiseite!

    Frau Baumgarten, wer Fairness fordert sollte sich mal zuvörderst für Gleichberechtigung einsetzen. Und dies zunächst in den Geschlechterdebatten.
    Wenn z.B. die Kinder regelmäßig von beiden Elternteilen betreut würden, wäre dies für Dreibeine wie mich ein Anreiz mich ins Zeug zu legen.
    Mit allerdings ihrer ausgeprägten Gier lediglich nach dem Geld eines jeden "Erzeugers" wird´s nix. Wie war das mit den Herkunftsfamilien und den Risiken für Kinder von AE?

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