Qualitätsurteil: Unverzichtbar

96 Prozent der Deutschen kennen sie und die meisten vertrauen ihr blind: die Stiftung Warentest. Klebt das einschlägige Qualitätssiegel auf einem Produkt, greifen Verbraucher viel eher zu. Jetzt feiert die Stiftung mit der großen Marktmacht ihren 40. Geburtstag.

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1964: Die erste Ausgabe von "test"

1964: Die erste Ausgabe von "test"

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Kennt jeder: Ein neuer Staubsauger muss her und im Kaufhaus stehen drei Dutzend Geräte, die mit den schönsten Versprechungen locken. Das Verkaufspersonal ist längst ausgedünnt worden - und wer hat schon die Muße, ganz allein herauszufinden, welches Gerät das beste ist? Wie erleichternd ist es da, das wohlbekannte Prädikat "Testsieger" auf einem Karton zu erspähen: Ein "Gut" oder "Sehr gut" und die eben noch so knifflige Kaufentscheidung ist nur noch eine Sache von Sekunden.

Die schnelle Entscheidungshilfe verdanken wir dem Bundestag, der am 4. Dezember 1964 einstimmig die Gründung der Stiftung Warentest beschloss. Sie sollte von nun an "vergleichende Waren- und Dienstleistungsuntersuchungen" durchführen, um den Warendschungel des Wirtschaftswunders zu lichten. Außerdem sollte sie die Verbraucher über eine "optimale Haushaltsführung" und gesundheits- und umweltbewusstes Verhalten aufklären. Mündige Konsumenten wollte man und keine Bürger, die sich "auf dem Markt benehmen, wie ein Lamm, welches zur Schlachtbank geführt wird," so der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard.

Von der Wirtschaft unabhängig

Die mündigen Konsumenten lässt sich der Staat zurzeit mehr als acht Millionen Euro pro Jahr kosten. Die Zuschüsse sind deshalb notwendig, weil Warentest in ihren Zeitschriften keine Werbung abdrucken darf. "Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nur so unsere Unabhängigkeit behalten können", sagt Vorstand Werner Brinkmann. Und die ist unverzichtbar, denn als Stiftung des bürgerlichen Rechts muss sie unabhängig bleiben. Niemand kann ihr vorschreiben, was wie getestet wird.

Mehr als 5200 Tests wurden in den vergangenen 40 Jahren durchgeführt. Es begann - ganz hausfrauenfreundlich - mit Zickzack-Nähmaschinen und Handrührgeräten. Inzwischen ist nichts mehr vor den Berliner Testern sicher: Stützstrumpfhosen, Computer, Crashtestdummies, Orangensaft. Selbst Astrologen und Detektive wurden schon getestet. In so genannten Schnelltests wird die Aktionsware von ALDI und Co beurteilt. Sie unterliegen aber nicht den strengen Kriterien der vergleichenden Warentests und vergeben keine Qualitätssiegel.

"Uschi Glas macht Pickel"

Die Stiftung hat viel Macht. Das dies so sein würde, erkannte der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) bereits Ende der 50er Jahre und ließ vorsorglich verlauten, dass die "Prospekte, Anzeigen und sonstige Werbung" der Hersteller doch eigentlich ausreichten, um die Verbraucher zu informieren. Tatsächlich können die Testurteile über Umsätze in Millionenhöhe entscheiden. Kein Wunder, dass sich die Stiftung bereits hunderten von Rechtsstreitigkeiten ausgesetzt sah. Jüngste Klägerin ist Schauspielerin Uschi Glas. Ihre Gesichtscreme erhielt im April den Stempel "mangelhaft". "Uschi Glas macht Pickel" wurde der Testbericht überschrieben. Die Umsätze brachen dramatisch ein.

Einfluss auf die Qualität

Schmeckt's? Das test-Cover von 1970

Schmeckt's? Das test-Cover von 1970

Manchmal erreichen die Berliner Tester, dass ein Produkt verbessert oder ganz aus den Regalen genommen wird. Die Untersuchung der neuen Bahn-Tarife löste eine Protestlawine aus, die Änderungen im Preissystem nach sich zog. Auch wenn im Honig Arzneimittelrückstände gefunden werden und im Grünen Tee Pestizide, hat das Konsequenzen: Kaum ein Hersteller kann sich erlauben, auf der Note "mangelhaft" sitzen zu bleiben, schon ein "befriedigend" kann das wirtschaftliche Aus bedeuten. Edda Müller, Vorsitzende des Verbraucherzentrale Bundesverband, glaubt sogar, dass das Label "Made in Germany" auch deshalb für Qualität steht, weil die Wirtschaft sich 40 Jahre lang mit den Urteilen der Tester auseinandersetzen musste.

Nobody is perfect

Ein "mangelhaft" musste Stiftung Warentest allerdings auch selbst schon einstecken: Im September 2002 musste sie eine Ausgabe von FINANZtest zurückziehen. Die Beurteilung der Riester Rente wies erhebliche Mängel auf und musste korrigiert werden. Trotzdem hat die Berliner Organisation mit ihren inzwischen 276 Mitarbeitern kaum an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Zurecht: Wer kann an seinem 40. Geburtstag schon von sich behaupten, noch nie einen Fehler gemacht zu haben?

  • Susanne Arndt
BRIGITTE im ABO