Studentenjob Prostitution

In ihrem autobiografischen Buch "Fucking Berlin" erzählt eine Berliner Studentin von ihrem Leben als Teilzeit-Hure. Zuhälter und Zwangsprostituierte kommen darin nicht vor. Dafür ganz normale Männer und alleinerziehende Mütter.

  •  
  •  
Studentin mit anrüchigem Nebenjob: Sonia Rossi arbeitet als Prostituierte

Studentin mit anrüchigem Nebenjob: Sonia Rossi arbeitet als Prostituierte

Kommt ein Mann in ein Berliner Bordell, bucht einen Quickie, wirft sich sofort auf die ausgewählte Dame, kommt, steht auf, um sich mit der Eile eines Feuerwehrmannes anzuziehen. Einen Quickie gibt es in Berlin schon für 30 Euro. Aber so schnell muss es dann auch wieder nicht gehen, weshalb die Prostituierte ihn verwundert fragt, warum er es so eilig habe. "Meine Frau sucht gerade einen Parkplatz."

Ach so. Ja klar. Wieder was gelernt.

Die Szene findet sich im Buch "Fucking Berlin", in dem eine italienische Studentin von ihrer Zeit als Nebenjob-Prostituierte erzählt. Als heterosexuelle Durchschnittsfrau denkt man nach der Lektüre nicht nur über das Einparken und die Ahnungslosigkeit von Ehefrauen neu nach. Auch über die öffentliche Darstellung der Prostitution zum Beispiel. Seit Jahren besteht sie im Grunde aus drei Glaubenssätzen: Alle Frauen, die mit Sex Geld verdienen, sind Zwangsprostituierte, die einen werden von Männern gezwungen, die anderen von einem Kindheitstrauma. Männer gehen nicht ins Bordell, weil sie unverbindlichen Sex wollen, sondern weil sie Sex mit einer zum Objekt degradierten Frau wollen. Beides zusammengenommen macht, Dogma Nummer drei, Prostitution zum Symbol für die Unterdrückung der Frau.

Das ungefähr war mein Wissensstand, als mich vor einigen Monaten eine Bekannte auf das Internet-Tagebuch ihrer Kommilitonin aufmerksam machte, die sich ihr Leben durch Prostitution finanzierte. Sonia Rossi, so nannte sich die 25-Jährige, berichtete darin in kurzen Stücken über ihre Erlebnisse in Berliner Wohnungsbordellen. Nicht, dass darin keine fiesen Männer vorgekommen wären oder keine Frauen, die sich mit Alkohol und Kokain betäubten. Erwartbarerweise. Viel interessanter fand ich aber, dass es unter den Freiern jede Menge netter Männer gab sowie attraktive Männer, einsame Männer, zärtliche Männer und eine ganze Armee heulender Männer. Ein Bordellbesuch erfüllt für liebeskranke Männer offenbar dieselbe Funktion wie für Frauen ein Wellness-Wochenende. Überraschend fand ich auch die Haltung der Autorin, die darauf beharrte, weder von einem Mann noch durch ein Kindheitstrauma zu dem Job gezwungen zu sein. Ihr Weg ins Milieu sei eher ein Prozess der Desensibilisierung gewesen: von der Webcam-Stripperin über erotische Massage bis zum Vollprogramm.

"Du meinst, im Prinzip könnte das jeder Frau passieren?", wollte ich wissen. "Na ja, wenn die Armut groß genug ist, sinken alle möglichen Schwellen." - "Aber doch nicht die", beharrte ich. "Dann hast du es noch nie erlebt, wie es ist, nur noch zehn Euro zu besitzen", sagte sie. Immerhin gab sie zu, dass viele Neueinsteigerinnen sofort wieder aufhören, egal, wie desolat ihre finanzielle Situation sei: "Entweder du gehst in der ersten Woche, oder du überwindest den Ekel vor Schwänzen."

Auf der nächsten Seite: Rüstige Rentner und verliebte Galeristen - Sonias Kunden

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  • Text: Heike Faller
    Fotos: Christina Körte
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 17/08

BRIGITTE im ABO

Brigitte-Netzwerk
BRIGITTE-woman.de
Bfriends.de
Bym.de