Und Sonia Rossi selbst, die Studentin? "Ich habe es gehasst, ständig pleite zu sein", sagte sie, als wir uns kennen lernten. "Ich musste als Kind nie auf etwas verzichten, und als es meinen Eltern später finanziell schlechter ging, war ich nicht daran gewöhnt zu sparen." Ich glaubte ihr natürlich nicht. Ich dachte, dass ich irgendwann verstehen würde, welche Verletzung dazu geführt haben könnte, dass sie sich diesem Job aussetzte.
Aber die, die ich kennen lernte, war eine 25-Jährige, deren Abenteuerlust offenbar größer war als alles andere. Mit Geld konnte sie tatsächlich überhaupt nicht umgehen, und mit ihrem Männergeschmack stand es auch nicht zum Besten - von ihrem Verdienst fütterte sie ihren stark kiffenden Freund durch. Außerdem war sie ehrgeizig und wollte beim Studium keine Zeit verlieren. Sie schien es einfach weniger schlimm zu finden, sich zu prostituieren, als auf Essengehen, Taxifahren oder ihren Freund zu verzichten. Vermutlich spielt es auch eine Rolle, dass sie aus der Tatsache, dass ein Mann - irgendein Mann - sie erregend findet, eine Bestätigung zu ziehen scheint: Sie sagt, ihr Sexleben sei auch früher schon ausschweifend gewesen. Vermutlich ist diese Form von Sex-Narzissmus eine Voraussetzung, um überhaupt auf die Idee zu kommen, in das Gewerbe einzusteigen. Das mag von wenig Selbstwertgefühl zeugen, aber es ist nicht dasselbe, wie als Kind sexuell missbraucht worden zu sein.
Manchmal liest sich Sonias Buch, als sei es ihr auch darum gegangen, möglichst viele Geschichten zu sammeln, von denen sie eines Tages erzählen würde. Als Kind in Italien träumte sie davon, Schriftstellerin zu werden, als Teenager gewann sie einen Literaturwettbewerb.
In Frankreich ist vor einem Jahr ein Buch erschienen, in dem eine Studentin ihre Erfahrungen in Bordellen beschreibt, in England gab es "Belle de Jour", die Memoiren eines Londoner Luxus-Callgirls, ähnliche Bücher kamen in Schweden und Brasilien heraus. In diesen Texten wird Prostitution als Weiterentwicklung des "Sex and the City"-Lifestyles geschildert, nur dass es für anonymen Sex nun praktischerweise auch noch Geld gibt.
So klingt "Fucking Berlin" überhaupt nicht. Es besteht keine Gefahr, dass jemand Prostitution danach für einen Traumjob hält. Aber es ist auch kein Buch über Scheißtypen und arme Frauen, sondern über Menschen, die auf eine unterschiedliche Weise bedürftig sind. Manchmal flackert so etwas wie Sympathie und Solidarität zwischen ihnen auf, an einem Ort, der dafür ungeeignet erscheint.













