Das "Schwarzbuch Waldorf" von Michael Grandt hat die Debatte um die Waldorf-Pädagogik neu angeheizt - auch auf BRIGITTE.de diskutieren Userinnen intensiv über die Theorien Rudolf Steiners und die Praxis an den Waldorfschulen. Wie gehen die Waldorfschulen mit der Kritik um? Wir haben Henning Kullak-Ublick, Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen, mit einigen Vorwürfen konfrontiert.
Henning Kullak-Ublick ist seit 1984 Klassenlehrer an der Flensburger Waldorfschule und Mitglied im Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen.
BRIGITTE.de: Herr Kullak-Ublick, der Autor des "Schwarzbuch Waldorf", Michael Grandt, hat sich bei mir beschwert, dass sich noch nie ein Waldorfvertreter mit ihm an einen Tisch gesetzt habe, um zu diskutieren. Warum scheuen Sie die Konfrontation?
Henning Kullak-Ublick: Grundsätzlich setzen wir uns gerne mit unseren Kritikern auseinander. Deshalb wollten wir mit dem Verlag und Herrn Grandt zusammentreffen, um die teilweise wirklich absurden Behauptungen seines Buches richtigzustellen. Leider wurden uns aber nur Gesprächstermine nach der Auslieferung angeboten. Auch gegenüber dem SWR hatten wir uns bereit erklärt, mit Herrn Grandt zu diskutieren, aber daraus wurde dann nichts. Im Übrigen gehört zu einem Gespräch ein Mindestmaß an Fairness und das sucht man in diesem Buch leider vergeblich.
BRIGITTE.de: Eine Behauptung des Autors ist, dass die Waldorfschule eine "Weltanschauungsschule" sei. Warum wehren Sie sich so dagegen? Schließlich ist die Anthroposophie doch die Grundlage Ihrer Pädagogik.
Henning Kullak-Ublick: Eine Weltanschauungsschule ist per Definition eine Schule, welche die Kinder auf eine bestimmte Weltanschauung hin erziehen will. Genau das wollen die Waldorfschulen aber ausdrücklich nicht. Eine kürzlich vorgelegte Absolventenstudie belegt auch, dass sie es nicht tun. Die Anthroposophie ist ein Übungsweg, der die Lehrer dafür sensibilisieren kann, das Einzigartige und Unerwartete in jedem Kind immer wieder neu zu entdecken, um seine besonderen Fähigkeiten fördern zu können. Es geht gerade nicht darum, dem Kind die eigenen Überzeugungen überzustülpen, sondern es dazu zu bringen, eigene Ideen und Kräfte zu entwickeln. Deshalb werden Waldorfschulen auch nicht als Weltanschauungsschulen, sondern als 'Schulen besonderer pädagogischer Prägung' genehmigt.
BRIGITTE.de: Aber bremsen die Waldorflehrer die Kinder nicht auch gleichzeitig aus, indem sie zum Beispiel vieles ablehnen, was in unserer technikorientierten Welt als normal gilt?
Henning Kullak-Ublick: Technikunterricht gehört seit jeher zum Stundenplan der Waldorfschulen. Natürlich gibt es Computer. Die Jugendlichen sollen lernen, die sie umgebende Technik zu durchschauen, um sie verantwortlich handhaben zu können und nicht nur ihrer Faszination zu erliegen. In der Unterstufe jedoch kommt es uns darauf an, dass die Kinder erstmal reale Erfahrungen mit allen Sinnen, mit ihrem Herzen und natürlich auch mit dem Verstand machen, um die Welt in ihrer ganzen Vielfalt und Schönheit zu erleben. Elektronische Medien haben also durchaus ihren Platz in der Waldorfschule; es wird nur darauf geachtet, wann die Kinder damit in Berührung kommen. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir uns in die Vorgärten der Eltern stellen, um zu kontrollieren, ob im Haus ein Fernseher läuft.













