Kann man Zivilcourage lernen?

In München läuft der Prozess um Dominik Brunners gewaltsamen Tod. Es geht um die Frage: Schlug der Geschäftsmann zuerst zu oder die Angeklagten? Nicht verhandelt wird das Verhalten der anderen Fahrgäste, die nicht geholfen, sondern weggeschaut haben. Warum das in der Natur des Menschen liegt und wie man Zivilcourage lernen kann, erklärt die Psychologin Veronika Brandstätter-Morawietz.

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Veronika Brandstätter-Morawietz, 46, ist Professorin für Motivationspsychologie an der Universität Zürich und leitet dort die Forschungsgruppe Zivilcourage. Sie hat ein Training für Zivilcourage entwickelt

Veronika Brandstätter-Morawietz, 46, ist Professorin für Motivationspsychologie an der Universität Zürich und leitet dort die Forschungsgruppe Zivilcourage. Sie hat ein Training für Zivilcourage entwickelt

BRIGITTE: Frau Professor Brandstätter-Morawietz, am S-Bahnhof München-Solln wurde vor knapp einem Jahr der Geschäftsmann Dominik Brunner von Jugendlichen totgetreten, ein Aufschrei ging durch die Republik. Vor Gericht wird jetzt verhandelt, wer zuerst zuschlug: Dominik Brunner oder die Jugendlichen. Was mich aber viel mehr umtreibt, ist, dass niemand dem Geschäftsmann zu Hilfe kam, viele schauten zu. Meine Frage an Sie als Zivilcourage-Expertin: Hätte ich geholfen?

Prof. Veronika Brandstätter-Morawietz: Sie meinen, Sie als Frau Ottenschläger?

BRIGITTE: Ja.

Prof. Veronika Brandstätter-Morawietz: Die Frage kann ich nicht beantworten, ich kenne Sie zu wenig. Sie sind vor gerade mal zwei Minuten in mein Büro gekommen.

BRIGITTE: Was müssten Sie von mir wissen, um mir meine Frage beantworten zu können?

Prof. Veronika Brandstätter-Morawietz: Zunächst: Wir haben in der Zivilcourage- Forschung klare Persönlichkeitsmerkmale gefunden, die ein Helfer hat: Er übernimmt soziale Verantwortung, kann Empathie empfinden und hat Selbstvertrauen.

BRIGITTE: Das klingt ziemlich allgemein. Ich hatte eher gedacht, dass Sie so was sagen wie: Ein typischer Helfer ist nicht ängstlich. Ist Angst nicht der große Hemmschuh?

Prof. Veronika Brandstätter-Morawietz: Es gibt einen ganzen Strauß an Hemmschuhen, Angst gehört sicherlich dazu, aber auch andere Einflussfaktoren, manche liegen in der Person begründet, andere in der Situation. Und Sie haben recht, die Persönlichkeitsmerkmale müssen natürlich mit Leben gefüllt werden.

BRIGITTE: Also, was heißt soziale Verantwortung?

Prof. Veronika Brandstätter-Morawietz: Dass Sie sich verantwortlich fühlen für die Einhaltung von sozialen Regeln. Das fängt im Kleinen an: Sie lassen Ihr Gegenüber aussprechen und grüßen die Kassiererin im Supermarkt, weil Sie sich nicht als etwas Besseres fühlen. Im Großen geht es um demokratisch- humane Grundwerte, um Toleranz und Solidarität beispielsweise. Die zweite Säule, Empathie, beschreibt unsere Fähigkeit, uns in die Lage einer anderen Person hineinzuversetzen: Wir empfinden nach, was das Opfer gerade erlebt.

BRIGITTE: Frauen gelten für gemeinhin als empathischer als Männer. Sind Frauen dann auch zivilcouragierter?

Prof. Veronika Brandstätter-Morawietz: Nein. Die Zivilcourage-Forschung hat keine Geschlechterunterschiede festgestellt. Auch das Alter spielt keine Rolle: Wir können nicht sagen: Junge helfen eher oder Ältere. Das hält sich die Waage.

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  • Interview: Madlen Ottenschläger
    Fotos: imago, Henri Gossweiler
    ein Artikel aus der BRIGITTE 25/09
Letzte Kommentare
  • schluppi
    am 19.07.10 um 21:19
    Wie kann ich in diesem Staat davon ausgehen, wenn Milliarden von Gelder für Kriegseinsätze und die Industriebosse verplempert wird, gleichzeitig u.a. das Kindergeld gekürzt werden soll, zu dem alles im Namen des Profites geregelt wird, wie kann ich dann von Jugendlichen erwarten, das sie wissen, was Menschlichkeit ist?
    Wenn all die Jugendlichen live in den Medien erleben, wie es gerecht sein soll, das wir in fremden Ländern, für die "Verteidigung der Amerikaner", das Leben deutscher Bürger in den Dreck schmeißen. Zugleich geistig abstumpfende Talk-Shows und Mord- und Totschlag-Serien den Jugendlichen, ja schon fast als gesellschaftsfähig suggeriert werden.

    Das dabei viele Menschen zu Schaden kommen... Mal ehrlich welchen heuchlerischen Politiker interessiert das?
    Solange es hier nur um die Mehrung des Profites, vereinzelter Menschen geht, solange die Politik sich nicht um die Belange der Volkes kümmert, solange werden noch viele Menschen erschlagen. Leider...

  • breslana
    am 22.11.09 um 18:19
    Friederike Dithmer hat für mich mitgeschrieben, mir geht es ähnlich. Ich mische mich zu schnell ein, mein Mann hält mich zurück. Manchmal ist es richtig, aber ich kann nicht wegschauen aus der Erfahrung meiner KIndheit im Nachkriegs-Deutschland. Da wurde zu oft weggesehen. Meine oft unbegründete Angst, fällt in solchen Fällen völlig weg, sie ist einfach nicht mehr da! Das ist meine Lebenslehre "nie mehr wegsehen, nie mehr zulassen"" LG Breslana
 
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