Wie Nicole Jäger unglaubliche 170 Kilo abgenommen hat

Mit 26 Jahren wog Nicole Jäger rund 340 Kilogramm. Heute bringt die Ernährungsberaterin knapp die Hälfte davon auf die Waage. Im Interview erzählt uns die 33-Jährige (aktuelles Buch: "Die Fettlöserin") von ihrem Abnehmerfolg.

Vor sieben Jahren haben Sie 340 Kilogramm gewogen. Wie kam es dazu?

Überraschenderweise durch Essen. Man muss schon ordentlich Kalorien zu sich nehmen, um stark übergewichtig zu werden. Allerdings ist die Annahme, dass Übergewichtige nur zu dick sind, weil sie faul sind und sonst nichts machen, einfach überholt. Übergewicht ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Und dieses Symptom steht für etwas – und nicht dafür, dass man zu blöd ist –, sondern dass man Essen als Waffe oder Kompensator benutzt.

Und so habe auch ich das gemacht: Ich aß wie ein Junkie. Und wenn ich nicht gegessen habe, machte ich Diät. Fünf Kilo runter, acht Kilo rauf, 30 Kilo runter, 50 Kilo rauf – so lief das ab. Je krasser die Diät, desto schlimmer kam es am Ende zurück. So habe ich mich zu dem Gewicht hochgeschaukelt – immer mit dem Gefühl, auf Diät zu sein, ohne wirklich abzunehmen. Und mit 340 Kilo ist auch nichts mehr schön.

Welche Reaktionen bekamen Sie von Ihrem Umfeld?

Nicole Jäger

Ernährungsberaterin Nicole Jäger hat ihre Erfahrungen im Buch "Die Fettlöserin" verarbeitet. Jetzt bringt sie den Bestseller als Programm "Ich darf das, ich bin selber dick" auf die Bühne. Alle Infos findet ihr auf ihrer Homepage.

Es gab kein wirkliches Umfeld. Ich bin nicht mehr rausgegangen. Mein Universum war mein Schlafzimmer, Wohnzimmer und eine Tagesreise ins Badezimmer. Wenn man 340 Kilo wiegt, ist Gehen eine riesige Herausforderung für den Körper. Dass der nicht schlappgemacht hat, wundert mich heute noch. Ich hatte Schmerzen, sah fürchterlich aus, saß auf meinem Bett, fühlte mich scheiße und habe gefressen. Das ist eigentlich die Zusammenfassung.

Gesellschaft gab es zu diesem Zeitpunkt kaum noch, und wenn, dann sind die Erfahrungen sehr krass. Übergewicht animiert die Leute natürlich zum Hingucken. Man spricht dicken Leute generell ab, sein zu dürfen, wie sie sind. Wenn ich mich aber zu Tode hungern oder fressen möchte, dann ist das als erwachsene Frau mein gutes Recht.

Was haben Freunde und Familie gesagt?

Ich habe einen sehr kleinen, treuen und großartigen Freundeskreis. Die waren auch damals schon da und haben Hilfe angeboten, wo sie nur konnten. Aber man muss sich auch helfen lassen. Und ich habe sie nicht zugelassen und immer gemeint: 'Ich kriege das schon hin, gleich morgen geht’s los.' Obendrein immer das Bewusstsein, dass ich auf Diät bin - seit meinem fünften Lebensjahr! Ich bin mit fünf Jahren das erste Mal zur Kur gekommen und seitdem durchgängig auf Diät gewesen. Ich wurde also mit dem Gefühl, etwas zu tun, immer dicker.

Was war der Auslöser für Sie, abzunehmen?

Irgendwann bin ich morgens aufgewacht und dachte: 'Ich sterbe. Jetzt ist es vorbei.' Ich saß im Bett, hatte Herzrasen, bekam keine Luft mehr und dachte, ich hätte einen Herzinfarkt. 'Ich bin Mitte 20 und habe es versaut, jetzt habe ich mich zu Tode gefressen.' Es war kein Herzinfarkt, es war ein Problem mit der Schilddrüse, was Herzrasen auslöste und das bewirkte wiederum eine Panikattacke. Das war bei mir der Punkt, wo ich dachte, es muss sich grundlegend etwas ändern.

Ich dachte damals: 'Wenn ich meine Umgebung nicht ändern kann, muss ich mich ändern.' Und das habe ich dann gemacht. Ich habe überlegt, eine Magen-Darm-Operation zu machen. Vor den ersten Untersuchungen hat mir ein Interview mit einem Chirurgen die Augen geöffnet. Er sagte, dass weniger als zwei Prozent aller Menschen mit einem BMI von über 45 – meiner war bei 111 – es schaffen, abzunehmen. Wenn das zwei Prozent schaffen können, dann kann ich auch einer dieser zwei Prozent sein, ohne mir den Magen und Darm zerschneiden zu lassen. Von diesem Zeitpunkt an habe ich mich mit den Themen Ernährung, Körper und Psyche auseinandergesetzt.

Wann hat’s mit dem Abnehmen geklappt?

100.000 Jahre Menschheitsentwicklung, wir sind Mensch 2.0. Wir sind die beste Version unseres Selbst, es gibt uns nicht besser. Wenn man sich in irgendeiner Form verändern will, dann bleibt mal locker. Ich habe angefangen zu essen, statt zu fressen. Ich habe einfach etwas an der Einstellung geändert. Ich dachte nicht mehr: 'Ich habe ein Problem und die Lösung ist es, schlank zu sein.' Die eigentliche Lösung ist es, zu schauen, was in meinem Leben nicht rund läuft und warum ich das mit Essen kompensiere. Und dann sollte man nicht das Essen weglassen, weil das nur Symptombehandlung ist, sondern die Lücke ausfüllen, die man mit Essen gefüllt hat.

Wie haben Sie das durchgehalten?

Man darf essen und man darf Verantwortung für sein Leben übernehmen. Und das habe ich getan. Ich finde das Leben ganz schön geil und will da noch lange was von haben - und das habe ich nicht mit 340 Kilo! Ich möchte Lebensqualität und die hat man, wenn man sich fürs Abnehmen entscheidet. Ich habe ein Ziel – und das ist nicht die Zahl auf der Waage, nicht die obligatorischen 99,9 Kilo – sondern, mich ganzheitlich wohlzufühlen und schmerzfrei zu sein.

Sie arbeiten als Ernährungsberaterin. Wie sieht ein Coaching bei Ihnen aus?

Bei mir geht es immer mit einem zweistündigen Gespräch los, in dem ich frage: Wo kommst du her? Was bist du für ein Typ? Was ist dein Lifestyle? Wie sieht dein Tag aus? Die Problemlösung muss sich dem Lifestyle anpassen und nicht umgekehrt. Das Leben darf nicht problematisiert werden, nur weil man einen dicken Hintern hat. Wir analysieren dann die Anatomie und die Psychologie hinter dem eigenen Verhalten. Wir fragen uns: Was macht das Gehirn? Ist Zucker wirklich so gefährlich? Dürfen wir alle keine Kohlenhydrate mehr essen? Alles Blödsinn.

Wir müssen wieder lernen, wie es sich anfühlt, satt zu sein. Wir müssen den Unterschied zwischen Hunger und Appetit neu kennenlernen. Wir sollten uns fragen: Wer hat eigentlich Hunger, mein Körper oder mein Kopf? Der Körper sendet deutliche Signale, was er haben möchte.

Sie bringen bald Ihr Buch auf die Bühne: Was darf das Publikum erwarten?

Das Bühnenprogramm heißt "Ich darf das, ich bin selber dick" und orientiert sich thematisch am Buch. Das Publikum erwartet Kabarett, Lesung und Poetry Slam, eine Mischung aus Augenzwinkern und Finger in die Wunde legen. Lasst uns offen miteinander sprechen, wie es ist, ein fetter Mensch zu sein. Und wie es ist, ein fetter Mensch in Deutschland und in unserer Gesellschaft zu sein. Ich frage auch, warum Übergewichtige immer auf dünnen Menschen rumhacken. Ein Rundumblick, schonungslos, witzig, ehrlich, unterhaltsam und stellenweise traurig.

Wer hier schreibt:

Kommentare (5)

Kommentare (5)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Hallo, möglicherweise liegt eine Stoffwechselerkrankung vor. Ich würde meinen TSH - Wert bestimmen lassen. Dieser sollte um die 1,5 liegen oder auch noch niedriger. Man wird dann

    ruhiger und vieles mehr. Info gibt es auch im Internet (schilddruesenguide.de oder auch

    hormonselbsthilfe.de /themen). Mir geht es viel besser und mein ganzes Leben habe ich

    damit gekämpft. Danke!!!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Danke Stephi! Zum Glück gibt es noch Menschen, die sich nicht immer das Hirn zermartern über die bööösen Hintergründe der fetten, faulen, verfressenen Menschen, sondern sich einfach mal über Erfolge Anderer (egal ob dürr oder fett) FREUEN. Danke!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Respekt !!!!Nicht nur toll abgenommen, sondern zu einer wirklichen tollen, attraktiven und witzigen und charmanten Frau geworden. Weiter so, bei Dir passt mein Lieblingssatz von Konfuzius, dass der Weg, das Ziel ist !!!!!!!!!

  • Anonymer User
    Anonymer User
    irgendwie sehe ich da kaum einen Unterschied auf den Fotos...
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Es würde mich wirklich interessieren, wie es ein Mensch schafft, so viel zu essen, ohne die Wohnung zu verlassen. Kaufen dann andere ein und bringen es nach Hause? Und ist das nicht auch teuer? Kann mich jemand aufklären?
Bild Montagsnl

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