AIDS: Ist Mama schuld?

"Ganz die Mama. HIV-positiv" - eine fragwürdige Plakataktion stellt Mütter als Täterinnen dar.

Das umstrittene Kampagnen-Motiv

Das umstrittene Kampagnen-Motiv

Plötzlich hängt es überall, in den Bushäuschen von , Köln, Saarbrücken oder München. Das Plakat zeigt eine hübsche junge Frau. Sie sitzt im Park und liest entspannt in einem Magazin. Mit einem Arm schaukelt sie dabei fürsorglich einen Kinderwagen. Nein, keinen Kinderwagen - es ist ein kleiner Sarg auf Rädern. "Ganz die Mama. HIV-positiv" steht daneben.

Zuerst kommt der Schock. Dann die Frage: Was soll das? Es gibt noch weitere Motive in dieser Plakat- und Anzeigenserie. Eins zeigt ein Baby mit süßen Kulleraugen: "Das Kinn von Opa. Die Augen von Papa. von Mama", lautet der Slogan dazu. Ein anderes Motiv zeigt eine wohlgeformte weibliche Brust: "Die Muttermilch macht's dass Babys sterben", steht daneben.

Die Kampagne wurde initiiert von der Michael-Stich-Stiftung, entworfen von der Hamburger Agentur Jung von Matt, und sie derzeit wird verbreitet vom Stadtmöblierer JCDecaux. Alles angeblich für einen guten Zweck: Aufklärung. Deshalb auch der gute Rat auf jedem Plakat: "Machen Sie während Ihrer Schwangerschaft ein HIV-Test."

AIDS: Ist Mama schuld?

Zu den Fakten: Bei 444 Frauen in Deutschland wurde letztes Jahr eine HIV-Infektion festgestellt, und insgesamt nimmt der Anteil der Frauen unter den Infizierten ab. Die Hälfte von ihnen sind Migrantinnen aus Ländern, in denen bis zu 50 Prozent der Bevölkerung von betroffen ist. Auch die andere Hälfte der Infektionen trifft sehr oft Frauen aus gesellschaftlich deklassierten Gruppen: Drogenabhängige, Prostituierte, die sich Safer Sex nicht leisten können und Opfer sexueller Gewalt.

Bei 16 Kindern, die in letzten zehn Jahren in zur Welt gekommen sind, wurde 2007 eine HIV-Infektion diagnostiziert. In 13 Fällen war deren Müttern während der Schwangerschaft kein HIV-Test angeboten worden (was eine Ansteckung des Kindes während der Geburt hätte verhindern können). Neuerdings gehört dieses Angebot zur regulären Schwangerschaftsvorsorge; viele Ärzte haben es aber schon lange praktiziert. Wer wirklich etwas für die Frauen und Kinder tun will, die dieses Angebot nicht erreicht, muss sich umfassend um sie kümmern, medizinisch wie sozial. Plakatwände sind dafür ziemlich ungeeignet.

BRIGITTE-Autorin Irene Stratenwerth

BRIGITTE-Autorin Irene Stratenwerth

In Bremen hagelte es Proteste, sobald die ersten Plakate in der Stadt zu sehen waren: Hier würden Mütter zu Täterinnen gemacht, empörten sich viele Anrufer in der Gleichstellungsstelle des Senates. Die Landesbeauftragte für Frauen, Ulrike Hauffe, sorgte umgehend dafür, dass die Plakate wieder entfernt wurden. In acht weiteren Städten hängen sie noch.

"Wir wollen niemanden anklagen, sondern deutlich machen, dass HIV-Tests in der Schwangerschaft Leben retten können", hielt Michael Stich dagegen. Vielleicht geht es einem ehemaligen Tennis-Star aber doch eher darum, sich auf billige Weise als Wohltäter zu profilieren? Vielleicht sieht eine Werbeagentur die Chance darin, mal eine richtig schick provokative Kampagne zu designen? Und vielleicht möchte ein Aufsteller von Bushäuschen und City-Light-Säulen mal auf etwas andere Weise auf sich aufmerksam machen?

Wäre ja alles nicht so schlimm. Wenn das nicht auf Kosten von Frauen geschehen würde, die in dieser Gesellschaft sowieso überhaupt nichts zu lachen haben.

Text: Irene Stratenwerth Foto: Silke Goes Illustration: Tim Möller-Kaya

Wer hier schreibt:

Irene Stratenwerth

Kommentare

Kommentare

    Unsere Empfehlungen

    Mode&BeautyNewsletter
    Bild Montagsnl

    Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

    Melde dich jetzt kostenlos an!

    Diesen Inhalt per E-Mail versenden

    AIDS: Ist Mama schuld?

    "Ganz die Mama. HIV-positiv" - eine fragwürdige Plakataktion stellt Mütter als Täterinnen dar.

    Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

    E-Mail wurde versendet
    Deine Mail konnte leider nicht versendet werden