Erkältung: Alte Hausmittel auf dem Prüfstand

Erkältung

Jeder hat sein spezielles Erkältungsritual. Aber welche Rezepte sind mehr, welche weniger sinnvoll? Wir haben die Allgemeinmedizinerin Dr. Miriam Ortiz von der Charité in Berlin gefragt.

Schlafen, schwitzen, Suppe schlürfen oder Süßholz kauen: Gegen Husten und Schnupfen gibt es endlos viele vermeintliche Wundermittel. "Man muss nur fest dran glauben!", spotten Menschen gern, die solche Rezepte für Humbug halten. Dabei halten einige traditionelle Mittel aus der Hausapotheke einer kritischen Überprüfung durchaus stand. Sie stärken unseren Körper, sorgen für ein wohliges Gefühl und helfen in vielen Fällen, die Erreger zu bekämpfen. Ihr großer Vorteil: In der Regel haben sie kaum Nebenwirkungen.

Erzwingen lässt sich eine schnelle Genesung aber auch mit den besten Mitteln nicht. "Man sollte den Impulsen des Körpers nachgeben. Es ist unglaublich wichtig, sich auszuruhen" betont Dr. Miriam Ortiz, Allgemeinmedizinerin an der Charité Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Standort Berlin-Mitte. Auf jeden Fall können alte Hausmittel dazu beitragen, dass man sich einfach besser fühlt. Weshalb ihr diese Rezepte einmal ausprobieren solltet.

Warmes Fussbad: Rettung in letzter Minute

Der Hals kratzt, in der Nase kitzelt es, und man fühlt sich rundum schlapp: typische erste Anzeichen einer Erkältung. Statt sich zu ärgern, sollte man es besser mit einem Fußbad versuchen. "Es gibt eine Reflexverbindung zwischen Füßen und der Nasen- und Rachenschleimhaut", erklärt Dr. Miriam Ortiz. "Werden die Füße besser durchblutet, aktiviert das auch die Schleimhäute." Dadurch können sie Krankheitserreger leichter abwehren.

"Vor allem in der Anfangs­phase einer Erkältung, in der man oft leicht fröstelt, tut so ein Fußbad gut." Besonders wirksam ist ein ansteigendes Fußbad: Dazu füllt man lau­warmes Wasser in eine Wanne.
Sind die Waden zur Hälfte be­deckt, lässt man nach und nach wärmeres Wasser zulaufen, bis die Temperatur schließlich als heiß empfunden wird (meist liegt sie dann zwischen 38 und 40 Grad Celsius). Nach wenigen Minuten braust man die Füße mit kaltem Wasser ab. "Dadurch schließen sich die Kapillargefäße, und die Wärme bleibt im Körper", sagt Ortiz. Nach dem Abbrau­sen schlägt man die Beine in ein Handtuch ein und ruht mit dem Wickel noch etwa 20 Minuten auf dem Sofa oder im Bett.

Meerrettich: Scharfe Waffe gegen Keime

Schon vor Jahrhunderten galt diese Wurzel als Heilmittel gegen Erkältungen, Blasenentzün­dungen, Verdauungsprobleme und vieles mehr. "Wenn man frischen Meerrettich reibt, steigen ätherische Öle auf, die die Schleimhäute stark rei­zen und aktivieren", sagt Ortiz. Dabei handelt es sich um Senföle, die das Wachstum von Bakterien und Viren hemmen. Wie effektiv sie sind, haben wissenschaftliche Studien bewiesen, darunter eine Untersuchung der Uni Freiburg: Sie zeigte, dass Senföle aus Meerrettich und Kapuzinerkres­se gegen 13 verschiedene Bakterienarten sowie gegen Viren wirken. Damit das Gewächs seine ganze Kraft entfalten kann, muss man es sich ein­ verleiben. Aber Achtung: Meerrettich ist extrem scharf!

Erträglicher schmeckt er, wenn man eine Wurzel reibt, mit Honig mischt und ein paar Stunden stehen lässt. Wer arg verschleimt ist, nimmt über den Tag verteilt mehrere Löffel die­ses Spezialhonigs zu sich. Ansonsten kann man Präparate mit Meerrettich auch in der Apotheke kaufen.

Heisse Zitrone: Aber bitte mit Schale!

Das Heißgetränk steigert das Wohlbefinden, vielleicht kann es dem Körper zu Beginn einer Er­kältung sogar ein wenig auf die Sprünge helfen. "Die Säure regt die Schleimhäute an und führt zu einer angenehmen Wärme im Körper", sagt Ortiz. Wie viel Vitamin C der Trank noch enthält, wenn man ihn mit heißem Wasser zubereitet, ist aller­dings fraglich: Der wertvolle Stoff ist nämlich sehr hitzeempfindlich. Und was Vitamin C bei Erkäl­tungen wirklich bringt, ist ebenfalls unklar. Tipp: Geben Sie auch etwas Schale (von einer ungespritzten Frucht) hinzu. "Sie enthält ätherische Öle, die antimikrobiell wirken", sagt die Expertin.

Viel trinken hält die Schleimhäute feucht

An diesem gängigen Tipp ist etwas dran. "Schleim­häute brauchen genügend Flüssigkeit, um richtig funktionieren zu können", sagt Ortiz. Wenn sie wegen Flüssigkeitsmangel trocken sind, wird man anfälliger. Daher ist es vor allem zur Vorbeugung wichtig, ausreichend zu trinken. Hat man bereits eine Erkältung, sollte man auf heiße Getränke setzen.

Im Rahmen einer kleinen Studie fühlten sich verschnupfte Probanden, die warmen Frucht­ saft getrunken hatten, nicht nur wohler, sondern hatten auch den Eindruck, besser Luft durch die Nase zu bekommen. "Statt zu Saft würde ich eher zu Teeraten", sagt Ortiz. Zum Beispiel kurbelt ein Aufguss mit Ingwer die Abwehrkräfte zusätzlich an: Der Scharfstoff Gingerol belebt die Schleim­hautdurchblutung durch Aktivierung der körper­eigenen Wärmerezeptoren und wirkt außerdem antientzündlich. Dazu ein daumengroßes Stück Ingwer in kleine Stücke schneiden, mit einem Liter Wasser überbrühen und mindestens zehn Minuten ziehen lassen.

Schwitzkuren sollen den Erregern einheizen

Kann man eine Erkältung wirklich ausschwitzen? Bei dieser Frage scheiden sich die Geister. "Wissenschaftlich ist das nicht richtig untersucht", erklärt Ortiz. "Manche Leute schwören aber darauf." Aus ihrer Erfahrung heraus rät sie eher zur Vorsicht mit Hitze, da sie den kranken Körper zusätzlich belasten kann: Wer zu Kreislaufproblemen neigt, sollte besser darauf verzichten.

"Sinnvoll ist eine Schwitzkur allenfalls in der Anfangsphase der Erkältung, wenn man friert." Frösteln ist nämlich ein Zeichen dafür, dass der Körper seine Temperatur hochfährt, um den Erregern einzuheizen. "Schwitzen soll dem natürlichen Fieberprozess vorgreifen", sagt die Expertin. "Wenn man sich wohlfühlt dabei, dann kann man es ruhig damit versuchen." Am schonendsten ist für den Organismus eine Schwitzkur wie zu Omas Zeiten, findet Ortiz: mit dicken Decken ins Bett und einen schweißtreibenden Lindenblüten- oder Holunderblütentee trinken.

Inhalieren befreit die Schleimhäute

Ein denkbar einfaches Mittel, das bei verstopfter Nase und Nebenhöhlenentzündungen guttut: Man gießt heißes Wasser in eine Schüssel, beugt den Kopf darüber, breitet ein Handtuch über sich und atmet die aufsteigenden Dämpfe fünf bis zehn Minuten lang ein. Das reinigt die Schleimhäute und fördert die Durchblutung, zum Teil löst sich auch festsitzender Schleim. "Als Zusatz eignet sich zum Beispiel Thymianöl", sagt Ortiz. Die Gewürzpflanze wirkt antiviral und antibakteriell. "Weil reines ätherisches Thymianöl sehr intensiv ist und brennt, sollte man es mischen. Ein, zwei Tropfen verdünnt man mit einem Schuss Milch und gibt sie auf ein, zwei Liter Wasser."

Bonbons und Pastillen lindern Halskratzen

Bei Halsentzündungen, Husten und Heiserkeit rät Ortiz: "Lutschen, lutschen, lutschen." Im Notfall tut es jedes beliebige Bonbon: Schon der vermehrte Speichelfluss beim Lutschen hilft dem wunden Hals. Das Sekret enthält nämlich körpereigene Abwehrstoffe wie das Enzym Lysozym. Kräuterzusätze entfalten zusätzliche Wirkungen: Pastillen mit Primelwurzelextrakten, Isländisch Moos oder Süßholz (eventuell auch als Lakritze) befeuchten die Schleimhäute, lindern den Schmerz und wirken entzündungshemmend. Süßholzwurzel ist ein wissenschaftlich erprobtes Heilmittel: Es wirkt unter anderem schleimlösend. "Man muss allerdings aufpassen, dass man nicht zu viel davon erwischt", warnt Ortiz. Süßholz kann unter anderem den Blutdruck in die Höhe treiben.

Erkältungstee mit Thymian: Wohltat für Hals und Rachen

Heiserkeit und Husten sind besonders lästige Beschwerden. Sie können von einer Kehlkopfentzündung herrühren. "So eine Laryngitis kann leider sehr hartnäckig sein", sagt Ortiz. Doch hat die Ärztin für solche Fälle ein persönliches Rezept parat: Dazu mischt man Thymian, Süßholzwurzel und Leinsamen (alternativ Malve oder Eibisch) zu gleichen Teilen, gießt heißes Wasser darüber und lässt den Tee zehn Minuten lang ziehen. Den Aufguss kann man gurgeln oder trinken.

Die Kombination wirkt gleich mehrfach: Thymian desinfiziert, Süßholzwurzel hemmt Entzündungen, Leinsamen pflegt die Schleimhäute. "Das hilft generell bei Schleimhautinfektionen", sagt Ortiz. Mehr als drei Tassen täglich sollte man davon aber nicht zu sich nehmen, da zu viel Süßholz Nebenwirkungen haben kann.

Text: Angela Stoll

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