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"Wir leben vegetarisch!"

Besorgte Nachfragen während der Schwangerschaft, ein totes Kaninchen als Geschenk und selbstkreiertes Soja-Tiramisu - drei Frauen berichten, wie sie im Alltag vegetarisch leben.

Warum haben Vegetarier so ein seltsames Image? Diskutieren Sie mit, in der Bfriends-Gruppe "Gemüse ist mein Fleisch"

TV-Sender wollte Irmela Erckenbrecht mit Metzger verkuppeln

  Schwierige Situation: Irmela Erckenbrecht bekam Fisch vorgesetzt

Schwierige Situation: Irmela Erckenbrecht bekam Fisch vorgesetzt

"Für mich ist es ein Genuss, mich vegetarisch zu ernähren. Es ist kein Verzicht, keine Qual", sagt Irmela Erckenbrecht (49). Sie ist Übersetzerin und Autorin, unter anderem von Kochbüchern. Seit 20 Jahren ernährt sie sich konsequent vegetarisch, gab das auch bei Einladungen immer vorher bekannt.

Damals konnte noch nicht jeder mit dem Begriff "Vegetarier" etwas anfangen. "Manche denken, dass man als Vegetarier selbstverständlich Fisch isst", sagt sie. Und prompt bekam sie von Freunden einen Auflauf mit Fischen vorgesetzt, "mit Kopf und allem drum und dran". Ein aufwändiges Gericht, man sah ihm an, dass sich die Gastgeber richtig Mühe gegeben hatten. Es half nichts, sie musste ihnen sagen, dass sie keinen Fisch isst. "Es gab Salat und Brot. Ich habe tausend Mal beteuert, dass ich auch so satt werde", erzählt Irmela Erckenbrecht. Trotzdem: Die Situation war für alle Beteiligten unangenehm.

Sie hat dazugelernt, inzwischen sagt sie klar: "Ich esse weder Fleisch noch Fisch". Ihr ist es wichtig, nicht den Miesepeter zu spielen, sie versucht auch nicht, andere zu missionieren. Trotzdem lassen sich unangenehme Situationen manchmal nicht vermeiden. Wie kürzlich in einem noblen Restaurant. Sie und ihr Mann, der ebenfalls Vegetarier ist, bestellten ein komplett vegetarisches Menü. Vorweg als Gruß aus der Küche gab es dann ausgerechnet Gänsestopfleberpastete. Freundlich erklärte sie dem Kellner "Es tut uns leid, wir essen kein Fleisch". Mit steinerner Miene brachte er die Teller in die Küche zurück. Irmela Erckenbrecht war es unangenehm: "Das bringt negative Stimmung. Ich will das nicht, ich sehe das ja positiv und will nicht anderen Leuten den Appetit vermiesen".

Sehr lustig fand sie dagegen die Anfrage eines TV-Senders, ob sie nicht für eine Woche zu einem Metzger in die Pfalz ziehen wollte. Sie hat es dann nicht gemacht, aus Angst, dem Privatsender könnte es nur darum gehen, die Teilnehmer bloßzustellen. Die Konfrontation hätte sie trotzdem spannend gefunden: "Mit viel Frotzelei hätten wir das sicher über die Bühne gebracht".

Auch wenn Irmela Erckenbrecht tolerant ist, die Vorstellung, mit jemandem ihr Leben zu teilen, der täglich Tiere tötet, findet sie abschreckend. Vor allem das Mitgefühl für die Tiere ist es, das sie auf Fisch und Fleisch verzichten lässt. Ein Erlebnis aus ihrer Kindheit ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: "Bei uns im Dorf gab es einen Gutshof, die hatten auch einen eigenen Schlachtraum. Ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, als ich gesehen habe, dass sie ein Schwein dort reingezerrt haben. Ich habe gehört, wie es in Todesangst geschrien hat." Die Hilfeschreie der Tiere hat sie nicht vergessen. Später hat sie Konsequenzen gezogen und ganz auf Fleisch verzichtet. "Ich möchte mit den Tieren in Frieden leben", sagt sie.

Und dann dieser Zwischenfall vor sechs Jahren, bisher ihre schwierigste Situation als Vegetarierin: Ein Mann stand in der Tür. Er wollte sich bei ihr bedanken. Sie hatte ihm bei einer Haushaltsauflösung viele Sachen geschenkt. Geld hatte er nicht, aber er wollte ihr etwas schenken und ihr damit eine Freude machen. Er drückte ihr eine Tüte in die Hand, darin ein gehäutetes Kaninchen.

"Es sah so furchtbar aus, ich konnte es nicht nehmen", sagt Irmela Erckenbrecht. Der Mann hat ihre Reaktion nicht verstehen, er war gekränkt, fragte noch "Warum wollen Sie mein Kaninchen nicht?". Sie überlegte fieberhaft, ob sie das Kaninchen nicht weiterverschenken konnte. Ihr fiel niemand ein. "Das war schrecklich für uns beide", sagt sie.

Simone aß heimlich Hamburger

Zwei oder drei Mal ist es passiert: Heimlich ist Simone (34, freie Journalistin) abends nach der Disco zu McDonald's oder zu Burger King gegangen und hat einen Hamburger gegessen. Sie war Anfang 20 damals, seit ihrem 15. Lebensjahr hat sie - bis auf diese Ausnahmen - kein Fleisch mehr angerührt, trotz des Protests ihrer Eltern. "Ich habe einige Kämpfe mit ihnen ausgefochten. Deshalb konnte ich vor ihnen auch nicht zugeben, dass ich doch mal schwach geworden bin", erzählt Simone.

Auf Fleisch zu verzichten war Ende der achtziger Jahre bei ihren alternativen Klassenkameradinnen im Trend. Die meisten hörten aber nach einem Jahr wieder auf: "Ich war eine der wenigen, die durchgehalten haben", sagt sie. Als Kind hatte Simone ein Kuschelschaf, Lamm hat sie deshalb nie angerührt. Auch Huhn mochte sie nicht, weil man das Tier noch erkennen konnte. Als Jugendliche setzte sie sich mit Tierhaltung und Schlachtung auseinander - und wollte dann gar kein Fleisch mehr essen. Das ist bis heute so.

Wie macht sie das jetzt, als Frau eines leidenschaftlichen Fleischessers und Mutter von zwei Töchtern? "Meine große Tochter isst gerne Würstchen, Buletten oder Spaghetti Bolognese. Das kocht dann meistens mein Mann", erzählt Simone. Häufig gibt es auch Pizza oder Auflauf in der Familie, die eine Hälfte wird dann nur mit Gemüse bestückt, die andere auch mit Schinken.

Für Simone ist das unkompliziert: "Ich bin keine Öko-Vegetarierin, die ständig mit Hirse kocht. Es gibt bei uns oft Nudel-, Kartoffel- und Reis-Gerichte, da können und wollen dann auch Freunde mitessen, die keine Vegetarier sind." Klar, Hülsenfrüchte und Tofu gibt es natürlich auch, wegen der Nährstoffe und weil es ihr schmeckt. Und wenn ihr Mann ein Steak gegessen hat, küsst sie ihn trotzdem - ohne ihn vorher zum Zähneputzen zu schicken.

Während der beiden Schwangerschaften kamen häufiger Nachfragen von besorgten Verwandten und Kollegen. Vor allem die Älteren erkundigten sich, ob sie sich das mit dem Fleischverzicht auch gut überlegt hätte. Sie erklärte, dass Fleisch nichts enthalte, was man nicht auch anderweitig zu sich nehmen könne, und damit war das Thema meist erledigt. Ihren Arzt hat sie sicherheitshalber trotzdem gefragt. Der sah überhaupt kein Problem, zumal ihre Blutwerte alle in Ordnung waren.

Bei Monika B. Feil gibt es Soja-Tiramisu

  Monika B. Feil ist Veganerin, ihr Vater hat Metzger gelernt

Monika B. Feil ist Veganerin, ihr Vater hat Metzger gelernt

Vegane Ernährung ist kompliziert? Nicht für Monika B. Feil. Die 42-Jährige weiß sich zu helfen - selbst wenn sie um 22 Uhr hungrig nach Hause kommt und es schnell gehen muss: "Fertige Tofu-Burger aus dem Bioladen schmecken auch kalt", sagt sie. Sie kennt sich aus mit Bioprodukten, sie war selbst lange in der Biobranche tätig, arbeitet inzwischen für die Tierschutzorganisation Peta. Monika B. Feil kocht auch viel selbst, vor allem Nudeln, Kartoffeln und Gemüse in allen Variationen. Die Alternative: "Man kann auch einfach bekannte Rezepte nehmen, wie Gulasch oder Hackgerichte, und dann das Fleisch durch Sojaschnetzel ersetzen".

Und was macht sie, wenn auf einer Party Tiramisu lockt? Kommt sie dann nicht in Versuchung? "Ich liebe Tiramisu", sagt sie - trotzdem lässt sie die Finger von der normalen Variante mit Ei und Mascarpone. Sie hat sich selbst ein Tiramisu-Rezept überlegt, mit einer Creme aus Soja-Joghurt, Soja-Frischkäse und Seidentofu.

Als Jugendliche fing Monika B. Feil an, sich vor Fleisch zu ekeln. Anfangs aß sie noch Frikadellen, die sahen nicht so sehr nach Fleisch aus. Schnitzel oder Gulasch brachte sie nicht mehr runter - und das als Bauerntochter. Der Vater hat eine Metzgerausbildung, jedes Jahr wurde auf dem Hof ein Schwein für die Familie geschlachtet. Für ihn war es eine persönliche Beleidigung, dass seine Tochter kein Fleisch mehr essen wollte. Schließlich war es sein Job, Tiere zu mästen, die später geschlachtet wurden. "Wenn ich krank war, sagte mein Vater immer, ich solle doch Fleisch essen. Mir würden die Proteine fehlen", erzählt Monika B. Feil.

Auf der nächsten Seite: "Es gibt nur Tierstäbchen hier"

Trotzdem ernährt sie sich seit über 20 Jahren vegetarisch, weil sie nicht will, dass Tiere für sie sterben müssen, und auch, weil Fleisch in ihren Augen ein "verrottendes Etwas" ist. Seit gut einem Jahr ernährt sie sich vegan, verzichtet also auch auf Milchprodukte, Eier und Honig. Anfangs war sie unsicher, ob sie genügend Vitamin B12 bekommen würde. Ihre Blutwerte lässt sie regelmäßig überprüfen, sie sind in Ordnung - aber sie weiß, dass Vitamin-B12-Mangel oft erst nach vielen Jahren auftritt, da der Körper dieses Vitamin lange speichern kann. Doch das Thema hat sich für sie relativiert, seit sie weiß, dass auch Fleischesser unter B12-Mangel leiden können und Fleisch eben kein Allheilmittel ist.

"Es ist viel einfacher geworden, sich vegan zu ernähren", sagt sie. Das Angebot ist größer geworden, auch im normalen Supermarkt. Trotzdem klappt es nicht immer: Einmal war sie mit Bekannten auf einer Veranstaltung, erst wurde ein Theaterstück gezeigt, dann gab es Essen. Sie ging zum Grillstand und fragte nach gegrilltem Gemüse. Es gab nur Würstchen - oder Kuchen vom Nachbarstand. Sie hatte Hunger auf etwas Herzhaftes und entschloss sich, nach Hause zu gehen, um dort zu essen. "Es gibt nur Tierstäbchen hier", begründete sie das gegenüber ihren Bekannten.

Ist sie zum Essen eingeladen, hat sie kein Problem, auch mal nur Beilagen zu essen. Pommes zum Beispiel. Aber von Kroketten und Nudeln lässt sie die Finger - wegen der Milch in den Kroketten und weil sie nicht weiß, ob in den Nudeln Eier sind. Als Vegetarierin hatte sie es leichter, da hat sie zum Beispiel regelmäßig Käse gegessen. Warum dann der Umstieg auf die strengere vegane Ernährung? Monika B. Feil wurde klar, dass Kühe nur deshalb Milch geben, weil sie ein Kalb geboren haben. Die Milch wird ihnen weggenommen, das Kalb bekommt nur Milchpulver. Sie sagt: "Ich möchte das nicht unterstützen".

Rezept Soja-Tiramisu

Hier gibt es das Rezept für das vegane Tiramisu von Frau Feil:

Zutaten:

  • 250g süße vegane Kekse (z. B. von "Sommer", "Allos")
  • ca. 200ml Espresso/ starker (Getreide-) Kaffee (z. B. "Vogel", "Bauck", "Café Pino")
  • 500 g Soja-Joghurt (z. B. "Provamel")
  • 220 g Soja-Frischkäse (z. B. "Tofutti", "Sheese")
  • 40 g Zucker
  • gemahlener Kakao (z. B. "Naturata")

Zubereitung

Kaffee kochen und abkühlen lassen. Soja-Joghurt, Soja-Frischkäse und Zucker in einer runden Schüssel mit einem Schneebesen gut verrühren. Den Boden einer flachen Schüssel (z. B. Auflaufform) mit einer Schicht Kekse bedecken. So viel Kaffee über die Keksschicht träufeln, dass er komplett aufgesaugt wird. Eine dünne Cremeschicht über die Kekse streichen. Die Cremeschicht mit Keksen bedecken. Creme und Kekse so lange abwechselnd schichten, bis alles aufgebraucht ist, die letzte Schicht besteht aus Creme. Das Tiramisu abdecken und mehrere Stunden im Kühlschrank durchziehen lassen. Vor dem Servieren mit gemahlenem Kakao bestäuben.

Hinweis: Alle Zutaten gibt es im Bio-Laden (oder können zumindest dort besorgt werden).

Text: Monika Herbst Foto: Getty Images, privat

Wer hier schreibt:

Monika Herbst

Kommentare (2)

Kommentare (2)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ergänzend möchte ich sagen, dass das Kalb was die Milchkuh gebärt, damit sie Milch gibt, auch ein Männchen sein kann und somit getötet wird, weil es keine Milch geben kann.

    Gleiches gilt für Eier. Von den eierlegenden Rassen werden die Weibchen zum Eierlegen abkommandiert, während die Männchen nach dem Schlüpfen in den Reisswolf kommen. Eier kommen mir deshalb leider nicht wirklich vegetarisch vor.

    Kälbchen werden mit Milchpulver abgespeist und Bienen, denen man den Honig weggeerntet hat, kriegen Zuckerwasser. Auch irgendwie nicht fair. Deshalb Extrapunkte für die VeganierInnen dieser Welt!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich bin seit einem halben Jahr Vegetarierin, und stolze Besitzerin eines Zwergkanninchens:)

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