Esst mehr Radieschen und weniger Tomaten!

Bei Gemüse greifen wir am liebsten zu Tomaten und Gurken, unabhängig von der Saison. Ernährungswissenschaftlerin Sabine Klein will uns im Mai auch Radieschen und frischen Spinat schmackhaft machen - aus gutem Grund.

Esst mehr Radieschen und weniger Tomaten!

Tomaten sind das beliebteste Gemüse der Deutschen, gefolgt von Gurken. Etwas Abwechslung im Speiseplan würde nicht nur uns, sondern auch dem Klima gut tun. Warum, erklärt Sabine Klein von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die Ernährungswissenschaftlerin hat monatelang an einem neuen Saisonkalender gearbeitet, der auch die Basis bildet für den aktualisierten heimischen Saisonkalender für Obst und Gemüse auf BRIGITTE.de. Sabine Klein sagt auch, warum man dort zwar die Saison für Tomaten und Gurken findet, aber vergeblich nach Auberginen und Paprika sucht.

Sabine Klein

Sabine Klein

BRIGITTE.de: Warum sollen wir nach Saison kaufen?

Sabine Klein: Wenn wir heimisches Obst und Gemüse aus dem Freiland kaufen, bekommen wir umweltfreundlicher produzierte und günstigere Ware, die außerdem noch besser schmeckt. Heimisches Obst und Gemüse kann voll ausreifen, bevor es geerntet wird. Das sorgt für einen intensiveren Geschmack und zudem für mehr gesunde Inhaltsstoffe wie Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe. Jetzt im Mai bieten sich zum Beispiel Radieschen, Brokkoli, Spargel und Spinat an.

BRIGITTE.de: Heimische Freiland-Ware ist also erste Wahl. Aber was mache ich im Winter, wenn es fast kein heimisches Obst und aus dem Freiland gibt?

Sabine Klein: Wir wollen auch im Winter Abwechslung und Genuss. Da heißt es abwägen. Der Freiland-Anbau verbraucht am wenigsten Energie und ist daher klar die erste Wahl. Aber im Winter komme ich damit alleine natürlich nicht weit. Die umweltfreundlichste Alternative ist in der Regel Ware aus dem Lager. Kartoffeln und Möhren können zum Beispiel sehr energiesparend gelagert werden, da sie keine hohen Ansprüche an die Temperatur stellen. Generell sollten wir im Winter mehr zu Lagergemüse und weniger zu Import- oder Gewächshausware greifen. Im Herbst und Frühjahr, vor oder nach der eigentlichen Saison, gibt es zudem viele Obst- und Gemüsearten die mit Folie oder Vlies geschützt werden und auch eine gute Alternative sind. Am meisten Energie verbraucht Gemüse aus dem beheizten Gewächshaus, deshalb lieber zurückhaltend kaufen.

BRIGITTE.de: Haben Sie Ihre Ernährung verändert, nachdem Sie sich so lange mit der Saison von Obst und Gemüse beschäftigt haben?

Sabine Klein: Ja. Ich esse weniger Tomaten und Gurken, da heimische Ware quasi immer im Gewächshaus angebaut wird. Tomaten und Gurken sind extrem wärmebedürftig, meist werden deshalb die Gewächshäuser beheizt. Nur im Sommer kommen sie zum Teil auch aus gänzlich unbeheizten Gewächshäusern, aber ob das auch bei meinen Supermarkt-Tomaten so ist, kann ich als Verbraucherin nicht erkennen. Und auch in Gewächshäusern, die im Sommer unbeheizt sind, wird übers Jahr viel Energie verbraucht. Freilandanbau spielt bei Tomaten und Gurken im kommerziellen Bereich kaum eine Rolle.


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BRIGITTE.de: Warum nicht?

Sabine Klein: sind sehr anfällig für Pilzkrankheiten. Bei feuchter Witterung besteht das Risiko eines Totalausfalls. Freiland-Tomaten sind zudem ungleichmäßiger und nicht so fest wie Gewächshausarten und lassen sich deshalb schlechter transportieren.

BRIGITTE.de: Warum sucht man im Saisonkalender eigentlich vergeblich nach Paprika und Auberginen?

Sabine Klein: Der Marktanteil heimischer Ware ist einfach zu gering, er liegt unter fünf Prozent. Paprika und Auberginen brauchen ebenso wie Tomaten und Gurken viel Wärme. Eine preisgünstige Produktion ist in Deutschland nicht möglich. Wir importieren viel aus Spanien, dort sind die klimatischen Bedingungen anders. Und aus den Niederlanden. Dort scheint zwar die Sonne nicht häufiger als bei uns, aber die Energiepreise waren lange Zeit niedriger, die Gewächshäuser konnten günstig beheizt werden. Dieser Unterschied hat sich allerdings in den vergangenen Jahren mehr und mehr nivelliert und Deutschland holt beim beheizten Anbau auf. Übrigens: Obwohl Tomaten und Gurken ebenfalls viel Wärme brauchen, gibt es sie auch aus Deutschland. Der Grund: Aufgrund der hohen Nachfrage lassen sich höhere Preise für heimische Ware erzielen - und damit lohnt sich der Anbau auch bei uns.

BRIGITTE.de: Ist es nicht umweltschonender, Tomaten und anderes Gemüse, das viel Wärme braucht, aus südlichen Ländern wie zu kaufen?

Sabine Klein: Nein. Tomaten werden in Spanien vor allem in der Region Almería angebaut, eine der trockensten Gegenden. Tomaten brauchen viel Wasser. Der Grundwasserspiegel in der Gegend ist durch die Bewässerung schon enorm gesunken. Es kommt zur Versteppung. Dazu kommen intensiver Pestizideinsatz sowie katastrophale Arbeits- und Lebensbedingungen der oft illegalen Arbeitskräfte. Auch wenn die Produktion spanischer Tomaten weniger Energie verbraucht, ist es deshalb besser, auf deutsche Ware zurückzugreifen.

BRIGITTE.de: Sie bieten keinen Saisonkalender für Importfrüchte an. Gibt es für ausländische Früchte wie Bananen oder Mangos keine Saison?

Sabine Klein: Bananen haben tatsächlich keine Saison. Sie werden vor allem in tropischen Ländern angebaut. Dort gibt es kaum Temperatur-Unterschiede, Bananen können ganzjährig angebaut werden. Mangos gibt es ebenfalls das ganze Jahr über bei uns. Sie kommen aber aus unterschiedlichen Ländern. Von Oktober bis März vor allem aus sowie aus Kenia, anschließend aus Mittel- und Nordamerika, Elfenbeinküste und Pakistan und im Herbst auch aus Israel. Wir bekommen alle Produkte das ganze Jahr über. Der Haken: Das ist zum Teil mit sehr langen Transporten verbunden. Empfindliche Ware, die einen Schiffstransport nicht übersteht, wie zum Beispiel Himbeeren aus Chile, wird auch häufig energieaufwändig geflogen.

BRIGITTE.de: Kann ich exotische Früchte kaufen, ohne der Umwelt zu schaden?

Sabine Klein: Es gibt ausländische Obstarten, die bei uns einfach dazu gehören, wie Bananen oder im Winter Zitrusfrüchte. Da es in Deutschland von November bis Ende April nur Äpfel gibt (und bis Januar Birnen), ist das auch sinnvoll. Und Schiffstransporte belasten die Umwelt tatsächlich erstaunlich wenig. Aufgrund der großen Mengen, die transportiert werden, ist der Energieverbrauch umgerechnet auf das Kilo relativ gering. Aber das kommt natürlich auch auf die Strecke an. Die Erntezeiten in Neuseeland und Südafrika sind ein halbes Jahr später als bei uns. Im April und Mai haben wir die Wahl, ob wir frisch geerntete Äpfel von der Südhalbkugel oder Lageräpfel aus Deutschland kaufen. Die Äpfel aus Südafrika und die deutschen Lageräpfel liegen beim Energieverbrauch ungefähr gleich auf. Die am weitesten gereisten Neuseeland-Äpfel haben dagegen einen höheren Energieverbrauch und sollten nicht unbedingt unsere erste Wahl sein.

BRIGITTE.de: Gibt es Faustregeln für den Einkauf, um auf Exoten nicht ganz zu verzichten und das Klima dennoch so gering wie möglich zu belasten?

Sabine Klein: Um die Umwelt beim Kauf von Importware möglichst wenig zu belasten, sollte man folgende Punkte beachten:

  • Im Sommer und Herbst voll aus dem reichhaltigen heimischen Angebot wählen und erst ab November, wenn das Angebot bei uns magerer wird, auf Importware zurückgreifen.
  • Je näher, desto besser: Im April besser Grapefruits aus Zypern als aus Argentinien wählen und besser Melonen aus Südeuropa als aus Südamerika.
  • Auf Schiffs-, statt Flugtransporte setzen. Das Problem: Es wird in der Regel nicht gekennzeichnet, wie die Ware transportiert wurde. Bei empfindlichen Obstarten wie Himbeeren, Heidelbeeren oder Erdbeeren, die aus Südafrika oder Südamerika kommen, kann man von Flugtransport ausgehen, wochenlangen Schiffstransport überstehen sie nicht. Bananen dagegen werden immer per Schiff transportiert. Sie werden grün gepflückt und reifen dann hier nach. Bei Obst aus afrikanischen Ländern wie Uganda, Togo oder Ghana kann man von Flugtransport ausgehen. Die Straßeninfrastruktur ist in vielen Ländern Afrikas und Südamerikas so schlecht, dass es kaum möglich ist, die Ware zum oft weit entfernten Hafen zu bringen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit per Flugzeug transportiert werden auch folgende Waren: frische Bohnen aus Ägypten, Kenia und Thailand, frischer Spargel aus Peru, frische Papayas, frische Guaven, Mangos und Mangostans aus Pakistan, Brasilien und Thailand.

Interview: Monika Herbst Foto: Fotolia, privat

Wer hier schreibt:

Monika Herbst

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