ALS: Gefangen im eigenen Körper

Sandra Schadek, 37, hat ALS. Die Krankheit tötet die Nerven, die ihre Muskeln steuern. Ein Besuch bei einer Frau, die alles will, aber nichts mehr kann.

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Zwanzig Sekunden sind vier tiefe Atemzüge. Eine SMS oder einmal Schuhebinden. Für Sandra Schadek sind sie ein Sieg. Zwanzig Sekunden lang steht sie. Balanciert auf beiden Beinen, während der Kopf vor der Brust hängt und den Körper an der Wand abstützt, während die Arme wie lose Taue von den Schultern baumeln.

Es gibt keine Muskeln mehr, die die Arme halten, den Kopf oder die Beine. Sandra kann nicht mehr gehen, nicht mehr greifen, kaum noch sprechen. Ihre Krankheit lähmt nach und nach Arme, Beine, Hände, Zunge. Die paar Sekunden aufrechten Stand ringt Sandra ihrem Körper ab, ihrer Krankheit, der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS): sechsmal täglich nach dem Toilettengang, von ihrer Pflegerin Kerstin hingestellt und an die Wand gelehnt wie eine Puppe. Sandra hält das Gleichgewicht, während Kerstin ihr die Jeans hochzieht, die Beine zittern vor Anstrengung.

In ihrem alten Leben waren 20 Sekunden eine Niederlage: 12,2 lief Sandra auf 100 Meter, gut genug, um mit der Staffel um die deutsche Meisterschaft zu kämpfen. Sie trainierte täglich im Fitnessstudio, jobbte als Animateurin, studierte Wirtschaftswissenschaften, jettete mit dem Freund zum Tauchen, zum Skifahren, wollte heiraten, Kinder. Ein Leben mit Vollgas, auf der Überholspur, sagt sie. Der nächste Urlaub, das nächste Jahr - die Zukunft.

Jetzt hat das beigefarbene Ledersofa im Wohnzimmer eine Kuhle, weil sie dort immer sitzt, morgens, mittags und abends, nur nachts nicht und wenn sie im Bad ist. Und auf dem Couchtisch davor liegt ein weißer Stein, darauf steht: "Jeder Moment hat seine eigene Bedeutung."

Überall wäre das kitschig, nicht aber in Sandras neuem Leben, in dem es über eine Minute dauert, bis ein Löffel Quark mit Früchten gekaut und geschluckt ist. In dem die "Tagesschau" vorbei ist, bis sie einigermaßen bequem hingesetzt worden ist. Aus dem die Krankheit jedes Tempo genommen hat, es beschränkt hat auf zwei Zimmer, Bad und Terrasse im Untergeschoss des Elternhauses. Und in dem der Laptop die wichtigste Verbindung zur Welt draußen geworden ist.

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  • Text: Eva-Maria Schnurr
    Fotos: Lars Landmann
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 17/09
Letzte Kommentare
  • Udo Prondzinski
    am 08.07.11 um 13:42
    Ich habe im Oktober 2010 selber die Diagnose ALS gestellt bekommen.Du spiegelst die ALS sehr gut wieder.Obwohl die Verläufe kaum Unterschiedlicher verlaufen können.Ich freue mich über die Anteilnahme Außenstehender.Es fällt einem schon selber schwer zu verstehen,wieso,weshalb,warum?Diese Fragen bringen niemanden wirklich weiter.Man braucht seine volle Kraft und Konzentration für das Jetzt und Heute.Von beidem wünsche ich dir,für die Zukunft,jede Menge.Liebe Dagmar zu deinem Beitrag.Die ALS ist bis heute noch nicht in das Forschungsprogramm der deutschen Bundesregierung aufgenommen worden.Vielleicht kommen wir mit der Unterschriftenaktion von Klaus Dieter Koch dem ein bißchen näher.
    Link 1: https://docs.google.com/viewer?a=v&pid=explorer&chrome=true&srcid=0B3fX4RyDtOlQZDlmNmE2ZGEtNzAwMC00M2JlLTliM2ItNGQyNzFlN2RjNWNk&hl=de
    Link 2:
    https://docs.google.com/viewer?a=v&pid=explorer&
    chrome=true&srcid=0B3fX4RyDtOlQMTJiYjhhZWUtODVmNi00MDQ4LTgyOTYtNDcwYmVhODBkMWZj&hl=de
    Liebe
  • Aufleger Sabine
    am 13.10.10 um 18:18
    meine schwiegermutter hat eine auch ALS ... aber bei ihr hats anders angefangen!! Wir wussten lange nicht was sie hat ... meine Schwiegermutter konnte von heute auf morgen kaum mehr sprechen, mittlerweile, 6 Monate später kann sie gar nicht mehr sprechen und weder Nahrung zu sich nehmen noch sprechen! Ich hoffe wir haben noch ein paar JAHRE mit ihr! Ich wünsche allen betroffenen und angehörigen gaaaaaanz viel Kraft. Für mich ist es oft ganz und gar nicht leicht!!!!! Alles gute!! SABINE
  • Zena
    am 18.11.09 um 19:11
    Hallo,ich lese gerade das Buch von Sandra habe es mir besorgt nach einem TV Beitrag mein Mann geht jetzt ins vierte Jahr mit ALS und ich glaube ich kann Ihn jetzt besser verstehen ob wohl ich denke das wir die sache ganz gut meistern,haben seine Schwester nach nur 18Monaten ALS im Mai verloren was für mich sehr schwer war und ist.weiter so sandra ich denke an dich und wünsche dir viele unbeschwerte schöne tage.
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