Reportage
Alzheimer: Wenn Menschen sich selbst fremd werden

Er erinnert sich nicht mehr an langjährige Bekannte und braucht Pflege rund um die Uhr: Ex-Schalke-Manager Rudi Assauer ist an Alzheimer erkrankt. Auch die Mutter von BRIGITTE-Autorin Kristina Jorgensen hat Alzheimer. Die Geschichte einer sehr schmerzlichen Veränderung.

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Morgen kommen wir wieder, sagt mein Bruder. Unsere Mutter nickt. Ich gebe ihr einen Kuss, dann gehen wir. Auf der Straße liegt jetzt Schnee. In einem Garten steht ein geschmückter Tannenbaum. Es ist Heiligabend, gegen 16 Uhr, und ich fange an zu weinen.

Es ist der erste Heilige Abend seit 89 Jahren, den meine Mutter allein verbringen wird. Den sie ohne Familie verbringen wird. Den sie in einem Heim verbringen wird. Ich heule. Glaub mir, es wäre zu anstrengend für sie, die Autofahrt, die vielen Verwandten, die Umstellung, sagt mein Bruder. Ich glaube ihm.

Auch die Leiterin des Heims hat uns davon abgeraten, unsere Mutter über Weihnachten nach Hause zu holen, die Leiterin meint es gut mit ihr. Davon bin ich überzeugt. Ich heule trotzdem. Vielleicht weiß Mutter doch gar nicht, dass Weihnachten ist, sagt mein Bruder. Natürlich weiß sie das, sage ich.

Meine Mutter ist verwirrt. Nicht immer. Aber zu oft. Meine Mutter braucht Pflege. Acht Jahre lang hat sie bei meinem Bruder und seiner Frau in Süddeutschland gelebt. Dann wurde meine Schwägerin krank. Mein Bruder ist berufstätig und kann unsere Mutter nicht betreuen. Ich lebe und arbeite seit fünf Jahren in Kopenhagen. So kam unsere Mutter vor fünf Monaten in ein Seniorenheim. Es ging nicht anders, sagt meine Vernunft, aber meine Gefühle sagen etwas ganz anderes.

Es fällt immer mehr Schnee. Ich denke daran, dass meine Mutter früher gesagt hätte: Fahr vorsichtig, Kind. Ich denke daran, wie wir Weihnachten gefeiert haben. Meine Mutter spielte Klavier, mein Bruder Geige. Irgendwann fand ich das alles spießig. Doch jetzt habe ich Sehnsucht danach.

Ich will mir nicht vorstellen, dass meine Mutter heute Abend in ihrem Bett weint. Sie wird es mir auch morgen nicht verraten. Meine Mutter spricht nicht über Gefühle. Als ich sie am ersten Tag, in dem sie im Heim war, angerufen und mit Herzklopfen gefragt habe, wie es ihr geht, hat sie nur gesagt: Wie immer.

"Wie immer" wurde vor vier Jahren allmählich anders. Es kam vor, dass sie sich am Nachmittag beschwerte, heute noch kein Frühstück bekommen zu haben. Manchmal stand sie nachts auf und wollte spazieren gehen. Am nächsten Morgen konnte sie sich nicht daran erinnern.

Einmal haben wir einen "Tatort" zusammen angeschaut. Verstehst du, um was es geht?, hat sie gefragt. Ich habe geschwindelt und gesagt, dass der Krimi schon sehr verworren ist. Ich wollte nicht, dass sie sich blöde vorkommt. Aber sie sagte nun gelegentlich: Ich glaube, ich werde verrückt. Du doch nicht, Mami, sagten wir.

Unsere Mutter hatte sich ihr ganzes Leben lang für Literatur, Musik und Kunst interessiert. Wir klammerten uns daran, dass geistige Beschäftigung vor "Verkalkung" schützt. Zur Entlastung meiner Schwägerin kam nun jeden Morgen eine Pflegerin, um unsere Mutter zu waschen und ihr beim Ankleiden zu helfen. Die Pflegerin hatte eine Dokumentationsmappe, in die sie täglich Notizen machte. Eines Tages blätterte ich darin und las: "Die Patientin ist demenzkrank." Das wollte ich nicht glauben.

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  • Text: Kristina Jorgensen
    Credit: iStockphoto
    Ein Artikel aus BRIGITTE
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