Morgen kommen wir wieder, sagt mein Bruder. Unsere Mutter nickt. Ich gebe ihr einen Kuss, dann gehen wir. Auf der Straße liegt jetzt Schnee. In einem Garten steht ein geschmückter Tannenbaum. Es ist Heiligabend, gegen 16 Uhr, und ich fange an zu weinen.
Es ist der erste Heilige Abend seit 89 Jahren, den meine Mutter allein verbringen wird. Den sie ohne Familie verbringen wird. Den sie in einem Heim verbringen wird. Ich heule. Glaub mir, es wäre zu anstrengend für sie, die Autofahrt, die vielen Verwandten, die Umstellung, sagt mein Bruder. Ich glaube ihm.
Auch die Leiterin des Heims hat uns davon abgeraten, unsere Mutter über Weihnachten nach Hause zu holen, die Leiterin meint es gut mit ihr. Davon bin ich überzeugt. Ich heule trotzdem. Vielleicht weiß Mutter doch gar nicht, dass Weihnachten ist, sagt mein Bruder. Natürlich weiß sie das, sage ich.
Meine Mutter ist verwirrt. Nicht immer. Aber zu oft. Meine Mutter braucht Pflege. Acht Jahre lang hat sie bei meinem Bruder und seiner Frau in Süddeutschland gelebt. Dann wurde meine Schwägerin krank. Mein Bruder ist berufstätig und kann unsere Mutter nicht betreuen. Ich lebe und arbeite seit fünf Jahren in Kopenhagen. So kam unsere Mutter vor fünf Monaten in ein Seniorenheim. Es ging nicht anders, sagt meine Vernunft, aber meine Gefühle sagen etwas ganz anderes.
Es fällt immer mehr Schnee. Ich denke daran, dass meine Mutter früher gesagt hätte: Fahr vorsichtig, Kind. Ich denke daran, wie wir Weihnachten gefeiert haben. Meine Mutter spielte Klavier, mein Bruder Geige. Irgendwann fand ich das alles spießig. Doch jetzt habe ich Sehnsucht danach.
Ich will mir nicht vorstellen, dass meine Mutter heute Abend in ihrem Bett weint. Sie wird es mir auch morgen nicht verraten. Meine Mutter spricht nicht über Gefühle. Als ich sie am ersten Tag, in dem sie im Heim war, angerufen und mit Herzklopfen gefragt habe, wie es ihr geht, hat sie nur gesagt: Wie immer.
"Wie immer" wurde vor vier Jahren allmählich anders. Es kam vor, dass sie sich am Nachmittag beschwerte, heute noch kein Frühstück bekommen zu haben. Manchmal stand sie nachts auf und wollte spazieren gehen. Am nächsten Morgen konnte sie sich nicht daran erinnern.
Einmal haben wir einen "Tatort" zusammen angeschaut. Verstehst du, um was es geht?, hat sie gefragt. Ich habe geschwindelt und gesagt, dass der Krimi schon sehr verworren ist. Ich wollte nicht, dass sie sich blöde vorkommt. Aber sie sagte nun gelegentlich: Ich glaube, ich werde verrückt. Du doch nicht, Mami, sagten wir.
Unsere Mutter hatte sich ihr ganzes Leben lang für Literatur, Musik und Kunst interessiert. Wir klammerten uns daran, dass geistige Beschäftigung vor "Verkalkung" schützt. Zur Entlastung meiner Schwägerin kam nun jeden Morgen eine Pflegerin, um unsere Mutter zu waschen und ihr beim Ankleiden zu helfen. Die Pflegerin hatte eine Dokumentationsmappe, in die sie täglich Notizen machte. Eines Tages blätterte ich darin und las: "Die Patientin ist demenzkrank." Das wollte ich nicht glauben.
















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am um
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Wiebke Hoogklimmer
am 11.06.12 um 06:14
....Teil 3: Ich habe umfassende Erfahrungen mit Heimaufsicht, Medizinischem Dienst etc.......!
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Wiebke Hoogklimmer
am 11.06.12 um 06:07
...Teil 2: Ich hatte viele Gespräche mit dem Pflegedienst etc., was wohl die beste Entscheidung sei. Heute weiß ich, daß die Entscheidung, ins Stift umzuziehen, für meine Mutter die richtige war. Meine Mutter war immer sehr kommunikationsfreudig (was ihr heutiges Verstummen noch schmerzlicher macht!), und sie hat jetzt im Heim viele verschiedene AnsprechpartnerInnen, sowohl Pflegekräfte, wie Sozialdienst und Ehrenamtliche. Zuhause hätte sie nie diese Auswahl an verschiedenen Personen und Eindrücken haben können, die wir "gesunden" Menschen ja auch in unserem Leben lieben. Und sie hätte jeden Tag ihre Tochter um sich gehabt, auch an Tagen, an denen sie vielleicht gern mal ihre Ruhe gehabt hätte. Meine Mutter ist in einem Zustand, bei dem sich Außenstehende fragen "wie kann man so bloß leben?". Aber ich sehe, daß sie sehr viel Lebensqualität hat und in ihrer Welt glücklich ist.
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Wiebke Hoogklimmer
am 11.06.12 um 05:58
Das mit der Musik kann ich vollkommen bestätigen. Meine Mutter ist seit 2000 an Alzheimer erkrankt und seit über 3 Jahren im Endstadium der Krankheit, d.h. sie spricht nicht mehr, kann sich nicht eigenständig bewegen und braucht 24 Stunden Hilfe. Meine Erlebnisse mit ihr haben mich zur Veröffentlichung der Website www.volksliedsammlung.de als Unterstützung für andere Angehörige und Pflegekräfte im Sozialdienst angeregt.
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BRIGITTE.de-Team
am 14.02.12 um 12:28
Liebe Birgit,
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Birgit
am 10.02.12 um 22:13
ich hab auch das Gefühl das meine Mutter Demenz oder Alzheimer hat . heute hab ich einen Test gemacht mit ihr . hab die Wanduhr ab genommen u. ihr Armbanduhr um gedreht . ich sagte mal eine Uhr . hab einen Kreis vor gemacht . sie wusste nicht welche zahl wo hin kommt .- sie malte oben wo die 12 hin kommt eine 5 . dann wusste sie nicht wo die 3 hin kommt da malte sie da hin wo die 9 hin kommt . dann überlegte sie und mal eine 16 dahin wo die 6 hin kommt . dann sage sie ich braucht das nicht schaue auf die Uhr an der Wand bin echt Ratlos -- es sind Veränderungen bei ihr .. ich merke es . was kann ich machen .
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Sonja
am 01.02.12 um 22:00
@ Ute4711: Sorry... ich kann Ihren letzten Eintrag nicht nachvollziehen. Ja, die Mutter der Autorin des Artikels ist SCHON 89. Aber macht es das so viel leichter? Ist es nicht immer schwer, einen geliebten Menschen sich derart quälen zu sehen? Wer sagt denn, dass die Autorin die guten Zeiten verdrängt??? Nur geht es in diesem Artikel nicht um die guten Zeiten. Es geht um Demenz, und die damit verbundenen Gefühle und Symptome.
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ute 4711neu
am 01.02.12 um 21:49
.. ich möchte noch etwas loswerden: wie kann es sein, dass eine Redakteurin hier schreibt, die Erkrankung der Mama mit 89!! Jahren würden ihr die Tränen in die Augen treiben! Viele Eltern werden lange nicht so alt. Wenn mit 89 Jahren dann diese Erkrankungen eintreten, hatte man doch wohl über 80 Dekaden guter Zeiten. Wie kann man das ignorieren und verdrängen! Ich finde den Kommentar der Redakteurin nicht o.k., weil er nur auf die emotionale Tränendrüse drückt. Therapeuten würden jetzt sagen, dass eine Traumatherapie fällig ist.
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ute 4711neu
am 01.02.12 um 21:45
ich muss mich doch sehr wundern. Was ist so schrecklich daran, dass man in einer stationären Unterkunft zu essen bekommt, nach einem gesehen wird, die Wäsche gewaschen und gerichtet wird, Programm geboten bekommt und, und, und! Das wird im übrigen auch mein Schicksal sein und da kann ich dann froh sein und werde ich auch sein, dass ich so gut versorgt werden wie in einem Hotel und nicht verwahrlose, weil ich nichts "gebacken" bekomme. Was sind das hier für Kommentar, die die Vertreterinnen der sozialen Berufe, die nämlich genau diese Tätigkeiten verrichten, so abkanzeln. Weil es nicht mehr Schwiegertöchter und Töchter gibt, wird die Zukunft zunächst einmal so aussehen. Der Unterschied ist, dass sich Leute meiner Generation (Jg. 65) genau darauf mental schon einrichten. Auch meine Ma wollte niemals, dass ihre Kinder sie pflegen, selbst wenn es gehen würde. Die Abnahme der Arbeit heisst doch auch mehr Zeit für Bindung - nicht für Vorwürfe!!
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Elfensternzeichen
am 07.02.11 um 10:03
Ich hab meinen Vater zusammen mit meiner Mutter gepflegt. Er hatte zehn Jahre Alzheimer. Als mein Vater ein Jahr vor seinem Tod bettlägerig wurde, fing die Erkrankung bei meiner Mutter an. Mittlerweile gibt es ja Studien, dass Alzheimer eventuell ansteckend ist. Seit dreieinhalb Jahren pflege ich meine Mutter - allein. Der Rest der Familie hat sich vollständig distanziert. Es ist bitter, weil meine Eltern stets für alle ein offenes Haus hatten. Die Pflege ist sehr anstrengend. Ohne meine Ausbildung - Krankenschwester, HP - könnte ich es nicht schaffen. Ich komme sehr oft an meine Grenzen, kann es auch nur schwer über s Herz bringen, sie stundenweise in andere Obhut zu geben - Betreuung durch einen Pflegedienst. Ich klammere, weil ich weiß, dass ich sie jeden Tag ein bisschen mehr verliere. Mein eigenes Leben vernachlässige ich darüber. Das ist mir mittlerweile klar geworden. Ich erkenne, dass ich etwas ändern muss und suche nach einer Alternative die nicht mit dem Wort Pflegeh
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Birgit Herbst
am 06.02.11 um 02:54
Es ist so unglaublich schwer zu entscheiden, DEN Menschen in fremde Obhut zu geben, der einem selbst den Po abgewischt hat...- ich war mir immer sicher, meine Muter eines Tages zu mir zu nehmen, wenn sie nicht mehr allein klar kommt....nun musste ich sie ins Pflegeheim geben, da ich nicht in der Lage bin, 24 Std. am Tag auf sie zu achten. Ich fühle, dass sie sehr verletzt ist, dass ich nur 1-2x die Woche zu Besuch komme, - auch wenn ihr die Worte fehlen....und ich weiss genau, dass sie wünscht, endlich zu sterben, - dass sie diese Form des Vegetierens in ihren ´´klaren´´ Zeiten immer abgelehnt hat....Kann die Autorin unendlich gut verstehn....Alle haben mir abgeraten, meine Muttter zuhause zu pflegen, sagten, mit meinen 3 Kids wär ich voll überlastet, wollten wöchentlich Besuche machen....- doch leider konnten sie ihr Versprechen nicht einhalten ...und nun bleibt mein Schuldgefühl....
mehr (18)Einerseits muß man sehr genau hinschauen und auch kontrollieren, andererseits muß man als Tochter aber auch den Mut haben, den Fachkräften zu vertrauen und loszulassen. Das ist alles nicht sehr einfach.
Es gibt auch keine goldene Lösung: man muß für jeden Menschen die richtige individuelle Entscheidung treffen. Bei unserer Mutter war wohl die Wahl des Stiftes, das sie sich selbst ausgesucht hatte, richtig.
Nur grundsätzlich muß man bei der Wahl des Heimes sehr aufmerksam sein! Teil 3.....
Aber ganz unabhängig davon möchte ich mich zu den Gefühlen äußern, die Mutter im Heim unterzubringen und fremden Menschen anzuvertrauen. Bei uns war es so, daß wir am Anfang die Pflege mit Hilfe eines mobilen Pflegedienstes zuhause eingerichtet hatten. Unsere Mutter hatte sich aber selbst schon auf die Warteliste eines Stiftes ihrer Wahl in der nächsten Umgebung gesetzt. Nach einem schweren Krankenhausaufenthalt standen wir vor der Entscheidung, die 24-Stunden-Pflege zuhause zu organisieren oder den Warteplatz anzunehmen. Teil 1.....
vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie sollten sich zunächst für eine Diagnose an einen Arzt wenden. Über die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (http://www.deutsche-alzheimer.de/) bekommen Sie zahlreiche grundlegende Informationen, z.B. über die Alzheimer-Krankheit selbst, über den Umgang mit Erkrankten, Entlastungsangebote etc. (direkt über diese Seite: http://www.deutsche-alzheimer.de/index.php?id=5).
Alles Gute für Sie und Ihre Mutter,
Ihr BRIGITTE.de-Team
JA! Nicht jeder Mensch hat das Glück, dass seine Eltern so alt werden. Mein Vater ist mit 63 gestorben. Nur... was hat das alles mit dem Inhalt des Artikels zu tun?
Der Autorin zu unterstellen, dass sie eine Traumatherapie benötigt, ist schlicht frech. Und selbst wenn es so sein sollte... das wäre keine Schande und für mich nachvollziehbar. Eine Schande sind solche beleidigenden Kommentare wie Ihrer.