Autismus: Das etwas andere Glück

  • 7 Kommentare
  •  
  •  
In diesem Artikel:

Der Hummer war entweder für sich allein, oder er drosch auf die anderen Kinder ein. Er hatte einen riesigen Wortschatz angehäuft, aber er kombinierte die Wörter nicht zu Sätzen mit kommunikativer Funktion. Dafür echote er alles, was er hörte, und er verarbeitete diese Fragmente zu einem dadaistischen Sprachbrei. Mit größtem Vergnügen und ganz für sich allein.

Die Wurstscheibe klatschte mein Sohn vor Wut auf die frisch polierte Theke

Wir sorgten uns um unseren Hummer. Seine Zähigkeit und sein Überlebenswille in einer Welt, die offensichtlich nicht sein Element war, nötigten uns Bewunderung ab. Wir sahen, wie schwer er es hatte. Das machte uns traurig. Was andere einfach hinnahmen, wurde für den Hummer zur täglichen Qual: das Etikett im Pullover, die Falte in der Tischdecke, ein verschobener Teller, das Staubsaugergeräusch. Ein Raum voller Menschen, Wind auf der Haut, die Sonne im Gesicht. Kaufhausgedudel und Radio.

Das Leben wurde unerträglich. Fast alles, was es draußen zu sehen und zu hören gab, machte dem Hummer Angst oder brachte ihn in Rage: Hunde, Puppen, Luftballons, selbst wohlmeinende Mitmenschen. Zum Beispiel die Verkäuferin an der Wursttheke, die nett sein wollte und dem Kind eine Wurstscheibe schenkte. Das Kind fand das aber nicht nett, sondern eine Zumutung - und klatschte die Wurst vor Wut auf die frisch polierte Theke. Das Lächeln im Gesicht der Verkäuferin gefror, und mein Mann schob hastig mit dem schreienden Kind im Buggy ab.

Kurz vor dem dritten Geburtstag des Hummers wurde es so schlimm, dass wir Hilfe suchten. Als wir die Diagnose erfuhren, waren wir schockiert. Sicher, wir hatten geahnt, dass mit dem Hummer etwas nicht stimmte. Aber Autismus? Das klang endgültig. Wie alle Eltern hatten wir für unser Kind eine glückliche und unbeschwerte Zukunft vor Augen. Sich von diesem Bild zu verabschieden tat weh.

Aber es gab auch die andere Seite: Unser Schmerz hatte jetzt einen Namen. Wir konnten ihn erforschen und therapieren. Das Wort "Autismus" verlor seinen düsteren Klang. Der Hummer, den das Wort diagnostizierte, war noch derselbe. Nur dass wir ihm jetzt vielleicht helfen konnten. Das machte Mut.

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  • Text: Christina Müller
    Fotos: Andrea Diefenbach
    Fachliche Beratung: Dr. Inge Kamp-Becker
    BRIGITTE 01/2010
Letzte Kommentare
  • Ralph
    am 21.10.11 um 21:01
    Ich finde es super, wenn sich betroffene Eltern wohlfühlen und ein Programm für ihre Kinder gefunden haben. Der Alltag ist sicherlich anstrengend. Dennoch muss bei allem was hier steht auch an die Kinder gedacht werden. ABA ist ein Programm, welches für die verzweifelten Eltern da ist. Eine "Dressur" der eigenen Kinder ist sehr problematisch zu sehen. Wichtiger ist es die Kinder zu verstehen und ihr besonderes Verhalten nicht negativ zu sehen. Alle diese Verhaltensweisen haben einen Grund, der eruriert werden muss um ggf. ihnen liebevoll zu zeigen welche Alternativen es gibt Bedürfnisse und Emotionen zu äußern.
    EINE VERÄNDERUNG VON INNEN HERRAUS IST NACHHALTIG UND ECHT UND KANN AUCH AUF ALLE SITUATIONEN ÜBERTRAGEND WERDEN. BELOHNUNGEN MIT SÜSSIGKEITEN HINGEGEN SIND DRESSUR! WAS PASSIERT WENN DIE BELOHNUNG AUCH NOCH IM ERWACHSENENALTER EINGEFORDERT WIRD?????
  • Querdenkender
    am 11.05.11 um 07:20
    Ein typischer Artikel aus der Sicht von Angehörigen. Es ist gut das es solche Berichte gibt. Man darf dabei aber nie vergessen: Angehörige wissen wie es ist mit einem Autisten zu leben. Sie wissen aber niemals (es sei denn sie sind selbst autistisch) wie Autismus ansich ist.
    Ein wenig zeigt sich das auch in diesem Artikel. Es wird beschrieben wie das Leben in dieser Familie ist und welche Probleme es gibt. Woher die Probleme aber kommen bleibt außen vor. Um Autismus zu verstehen und auch Autisten optimal fördern zu können ist es aber unbedingt wichtig, dass man weiß WIESO Autsten in manchen Situationen so reagieren wie sie reagieren!
    Ich schreibe seit einigen Monaten regelmässig selbst über meinen Autismus und wie ich die Dinge sehe. Wer einen Einblick in den Autismus haben möchte und an der Sicht eines Autisten interessiert ist, ist herzlich eingeladen hier einmal vorbei zu schauen:

    http://de.wordpress.com/tag/reihe-autismus-quergedacht/

    Querdenkender

  • Schwarz
    am 18.01.11 um 20:00
    Quelle von Schwarz
    http://www.deol.de/articles/417/6/Autismus/Seite6.html
mehr (7)
 
Kommentar schreiben
Wird nicht angezeigt.
Unter diesem Namen erscheint Ihr Kommentar.
Bitte schreiben Sie den Sicherheitscode ab * (Andere Zeichenfolge)
noch 1000 Zeichen übrig!
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder, alle anderen sind optional.

BRIGITTE BALANCE

im Abo

Brigitte-Netzwerk
BRIGITTE-woman.de
Bfriends.de
Bym.de