Autismus: Das etwas andere Glück

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Die Eltern lernen mit

Die Eltern lernen mit

Mit dem Vulkan war es nicht anders. Schon kurz nach seiner Geburt war er permanent ausgebrochen. Ein hochgradiges Schreikind, immer auf Suche nach Gehirnfutter, ganz und gar auf Objekte bezogen und vielleicht noch auf seine Mutter, die er aber nicht als Gegenüber wahrnahm, sondern als Maschine zur Befriedigung seiner Bedürfnisse. Als wir umzogen - der Vulkan war da anderthalb -, stürzte er in eine tiefe Depression, die ein halbes Jahr andauerte. Ein Jahr später dann die Diagnose: auch der Vulkan ein Autist. Seitdem wissen wir, was Veränderungen für ihn bedeuten, und wir stellen uns darauf ein.

Wenn wir nicht an Gott glaubten, könnten wir auf den Gedanken kommen, dass in unserer Familie der Blitz zweimal eingeschlagen hat. Wenn ich aber vier Jahre Vulkan und sechs Jahre Hummer rekapituliere, bin ich vor allem dankbar. Meine Söhne und ich haben jetzt weniger Schmerzen als zuvor. Der Hummer lernt, seiner Angst ins Auge zu sehen. Der Vulkan bekommt seine Ausbrüche immer öfter unter Kontrolle. Und unser Schmerz lässt langsam nach.

Glück ist, eine Liste zu führen

Seit Hummer und Vulkan in unser Leben getreten sind, gehen wir ein hohes Tempo. Alles ist ständig in Bewegung. Die Schuhe vom letzten Winter sind zu klein, der Erziehungsratgeber veraltet, die schwierige Phase passé, eine neue steht schon bevor. Geht das immer so weiter?

Manchmal wünschen wir uns eine Pause oder ein anderes Leben. Aber das ist natürlich Quatsch. Wenn ich es mir recht überlege, will ich mein Leben genauso, wie es ist. Dafür gibt es innere und äußere Gründe. Die inneren verschweige ich an dieser Stelle, die äußeren liste ich auf:

Seit Hummer und Vulkan in unser Leben getreten sind, gehen wir ein hohes Tempo.

Würde der Vulkan sich nicht für Astrophysik interessieren, wüsste ich nicht, dass es im 18. Jahrhundert eine weibliche Astronomin namens Caroline Herschel gab, die Sternennebel entdeckt und katalogisiert hat. Würde der Hummer sich nicht für Meerestiere interessieren, wüsste ich nicht, dass es tief unten im Meer leuchtende Garnelen gibt, die bei Gefahr Lichtblitze spucken.

Hätten unsere Kinder nicht ihre Sonderinteressen, hätten wir viele Tierparks garantiert nicht kennen gelernt. Hätte ich nicht die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, an die Fähigkeiten eines Kindes zu glauben, würde mir vielleicht das Verständnis für manche meiner Schüler fehlen. Hätten wir durch die Behinderung unserer Kinder nicht einen so hohen Bedarf an alltäglicher Beratung und Unterstützung, hätten wir viele freundliche Menschen nicht kennen gelernt.

Wären wir nicht wegen der Lärmempfindlichkeit unserer Kinder an den Stadtrand gezogen, hätten wir heute keinen Blick auf den Wald. Würden uns unsere Kinder nicht jeden Tag neu herausfordern, würden wir vielleicht geistig einrosten. Was für ein Glück, solch eine Liste zu führen!

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  • Text: Christina Müller
    Fotos: Andrea Diefenbach
    Fachliche Beratung: Dr. Inge Kamp-Becker
    BRIGITTE 01/2010
Letzte Kommentare
  • Ralph
    am 21.10.11 um 21:01
    Ich finde es super, wenn sich betroffene Eltern wohlfühlen und ein Programm für ihre Kinder gefunden haben. Der Alltag ist sicherlich anstrengend. Dennoch muss bei allem was hier steht auch an die Kinder gedacht werden. ABA ist ein Programm, welches für die verzweifelten Eltern da ist. Eine "Dressur" der eigenen Kinder ist sehr problematisch zu sehen. Wichtiger ist es die Kinder zu verstehen und ihr besonderes Verhalten nicht negativ zu sehen. Alle diese Verhaltensweisen haben einen Grund, der eruriert werden muss um ggf. ihnen liebevoll zu zeigen welche Alternativen es gibt Bedürfnisse und Emotionen zu äußern.
    EINE VERÄNDERUNG VON INNEN HERRAUS IST NACHHALTIG UND ECHT UND KANN AUCH AUF ALLE SITUATIONEN ÜBERTRAGEND WERDEN. BELOHNUNGEN MIT SÜSSIGKEITEN HINGEGEN SIND DRESSUR! WAS PASSIERT WENN DIE BELOHNUNG AUCH NOCH IM ERWACHSENENALTER EINGEFORDERT WIRD?????
  • Querdenkender
    am 11.05.11 um 07:20
    Ein typischer Artikel aus der Sicht von Angehörigen. Es ist gut das es solche Berichte gibt. Man darf dabei aber nie vergessen: Angehörige wissen wie es ist mit einem Autisten zu leben. Sie wissen aber niemals (es sei denn sie sind selbst autistisch) wie Autismus ansich ist.
    Ein wenig zeigt sich das auch in diesem Artikel. Es wird beschrieben wie das Leben in dieser Familie ist und welche Probleme es gibt. Woher die Probleme aber kommen bleibt außen vor. Um Autismus zu verstehen und auch Autisten optimal fördern zu können ist es aber unbedingt wichtig, dass man weiß WIESO Autsten in manchen Situationen so reagieren wie sie reagieren!
    Ich schreibe seit einigen Monaten regelmässig selbst über meinen Autismus und wie ich die Dinge sehe. Wer einen Einblick in den Autismus haben möchte und an der Sicht eines Autisten interessiert ist, ist herzlich eingeladen hier einmal vorbei zu schauen:

    http://de.wordpress.com/tag/reihe-autismus-quergedacht/

    Querdenkender

  • Schwarz
    am 18.01.11 um 20:00
    Quelle von Schwarz
    http://www.deol.de/articles/417/6/Autismus/Seite6.html
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