Autismus: Das etwas andere Glück

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In diesem Artikel:

Glück ist, in seinem Element zu sein

Im Wasser ist der Hummer in seinem Element. Das Element des Vulkans ist Feuer. Mein Element sind Bücher, für meinen Mann ist es die Welt von Web 2.0. Wasser, Feuer, Papier und Pixel - das Familienglück hängt stark davon ab, dass wir es schaffen, alle in unserem eigenen Element und doch zusammen zu sein. Es wäre leicht, um unsere Söhne einen Kokon zu spinnen. Dieser Gedanke ist verführerisch und wird genährt vom Mythos des einsamen autistischen Genies, der von Hollywood kolportiert wird. Aber wir haben uns für den Weg der Mitte entschieden, für die Suche nach dem gemeinsamen Element.

Wir schätzen und fördern die schrägen Interessen unserer Söhne. Im letzten Sommer sah das so aus: Mit dem Vulkan bauten wir Vulkane aus Sand, Matsch, Knete oder Pappe, liehen stapelweise Vulkanbücher aus, fachsimpelten über Magma, Lavabomben, tektonische Platten und Hot Spots. Dem Hummer erzählten wir Hummergeschichten, buken Hefeteighummer und hörten uns stundenlang seine Erzählungen an, die unter der Wasseroberfläche spielten und in denen Tiefseegarnelen Blitzwolken spuckten.

Der Hummer mag solche Fragen nicht, er will lieber die Tiefseegarnele sehen.

Aber wir wollten noch mehr. Auf Anraten von Fachleuten besuchten wir einen Workshop in Hannover. Dort lernten wir eine verhaltenstherapeutische Methode (ABA) kennen, mit der wir zu Hause trainieren können, was unseren Kindern durch den Autismus schwerfällt: Kommunikation, Interaktion, Flexibilität, Planung, Zusammenhänge, Emotionen.

Ein Beispiel, um das Prinzip deutlich zu machen: Wir schauen ein Bilderbuch über Meerestiere an. Der Hummer und sein Thema erfahren meine ungeteilte Aufmerksamkeit. In der Sprache der Verhaltenstherapie ist das eine verstärkende Aktivität, die ich nutze, um den Hummer sprachlich zu fördern. Ich frage zum Beispiel: Welche Meerestiere kennst du noch? Das hilft, Kategorien zu bilden und Zusammenhänge zu erkennen. Aber der Hummer mag solche Fragen nicht, er will lieber zum tausendsten Mal auf der nächsten Seite die Tiefseegarnele sehen, die Lichtblitze spuckt. Ich verlange ihm die geistige Anstrengung ab, bestehe auf einer Antwort und belohne diese, indem ich mit ihm umblättere und mich der bewussten Garnele widme. Der Hummer hat etwas gelernt und bekommt meine Aufmerksamkeit - ein Moment echter Gegenseitigkeit.

Ein weiteres Beispiel: Die Brüder spielen im Wohnzimmer. Manchmal klappt es mit der Vereinigung der Elemente, manchmal nicht. Dann sind die beiden wie Feuer und Wasser. Der Hummer fährt seine Scheren aus, der Vulkan explodiert. Es ist laut, schrill und gefährlich. Keiner weicht zurück. Jetzt ist Multitasking angesagt: dem Hummer die Scheren lösen, den Vulkan an weiteren Ausbrüchen hindern, die Streithähne trennen, an die Regel erinnern, eine positive Aufforderung geben, das erwünschte Verhalten verstärken, das unerwünschte mit Konsequenzen belegen, letzte Deeskalation per Auszeit. Manchmal helfen diese Maßnahmen. Und dann erleben wir, wie sich die Elemente wieder versöhnen: Zwei Spezialisten, vereint in ihrer Leidenschaft für die Sache, tauschen sich über ihre Forschungsschwerpunkte aus. Das zu verpassen wäre ein Jammer, und deshalb lohnt es, an der Versöhnung zu arbeiten.

Seit einigen Monaten gehen der Hummer und ich zur Schule: er in die erste Klasse und ich auf das Gymnasium in der Nähe, wo ich Deutsch und Latein unterrichte. Das ist für den Hummer nicht leicht. Wenn ich von der Schule komme, zeigt er mir oft die kalte Schulter. Vom Vulkan hingegen, der sein Interesse auf Raketen, Fontänen und Geysire verlagert hat, werde ich rücksichtslos für seine Projekte eingespannt. Im Moment experimentieren wir mit Diät- Cola und Mentos. Wir produzieren Fontänen und versuchen, eine Rakete zu bauen. Das macht Spaß. Wenn es dann noch gelingt, den Hummer mit einzubeziehen, ist alles gut. So etwas nenne ich Glück.

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  • Text: Christina Müller
    Fotos: Andrea Diefenbach
    Fachliche Beratung: Dr. Inge Kamp-Becker
    BRIGITTE 01/2010
Letzte Kommentare
  • Ralph
    am 21.10.11 um 21:01
    Ich finde es super, wenn sich betroffene Eltern wohlfühlen und ein Programm für ihre Kinder gefunden haben. Der Alltag ist sicherlich anstrengend. Dennoch muss bei allem was hier steht auch an die Kinder gedacht werden. ABA ist ein Programm, welches für die verzweifelten Eltern da ist. Eine "Dressur" der eigenen Kinder ist sehr problematisch zu sehen. Wichtiger ist es die Kinder zu verstehen und ihr besonderes Verhalten nicht negativ zu sehen. Alle diese Verhaltensweisen haben einen Grund, der eruriert werden muss um ggf. ihnen liebevoll zu zeigen welche Alternativen es gibt Bedürfnisse und Emotionen zu äußern.
    EINE VERÄNDERUNG VON INNEN HERRAUS IST NACHHALTIG UND ECHT UND KANN AUCH AUF ALLE SITUATIONEN ÜBERTRAGEND WERDEN. BELOHNUNGEN MIT SÜSSIGKEITEN HINGEGEN SIND DRESSUR! WAS PASSIERT WENN DIE BELOHNUNG AUCH NOCH IM ERWACHSENENALTER EINGEFORDERT WIRD?????
  • Querdenkender
    am 11.05.11 um 07:20
    Ein typischer Artikel aus der Sicht von Angehörigen. Es ist gut das es solche Berichte gibt. Man darf dabei aber nie vergessen: Angehörige wissen wie es ist mit einem Autisten zu leben. Sie wissen aber niemals (es sei denn sie sind selbst autistisch) wie Autismus ansich ist.
    Ein wenig zeigt sich das auch in diesem Artikel. Es wird beschrieben wie das Leben in dieser Familie ist und welche Probleme es gibt. Woher die Probleme aber kommen bleibt außen vor. Um Autismus zu verstehen und auch Autisten optimal fördern zu können ist es aber unbedingt wichtig, dass man weiß WIESO Autsten in manchen Situationen so reagieren wie sie reagieren!
    Ich schreibe seit einigen Monaten regelmässig selbst über meinen Autismus und wie ich die Dinge sehe. Wer einen Einblick in den Autismus haben möchte und an der Sicht eines Autisten interessiert ist, ist herzlich eingeladen hier einmal vorbei zu schauen:

    http://de.wordpress.com/tag/reihe-autismus-quergedacht/

    Querdenkender

  • Schwarz
    am 18.01.11 um 20:00
    Quelle von Schwarz
    http://www.deol.de/articles/417/6/Autismus/Seite6.html
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