Lebensmut

Diagnose Krebs - wie geht das Leben weiter?

Diagnose Krebs: Was macht man, wenn man erfährt, eine tödliche Krankheit zu haben? Wünsche hervorkramen - und das Leben leben. Fünf Frauen berichten.

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Foto: Jessmine/ Fotolia.com

Manchmal bricht die Welt beim Abendessen auseinander. Einfach so, ohne lauten Knall, ganz unspektakulär. Tatjana Jung erinnert sich deutlich an den Anruf, der sie beim Essen mit ihrer Familie unterbrach. An das Telefongespräch, das so sachlich verlief, das sie mit einem freundlichen "Ja, danke für den Anruf, bis morgen dann!" beendete. Morgen noch mal sprechen, schnell operieren, nicht lange warten. Das Wort Krebs sprach der Arzt nicht aus. In Tatjana Jungs Bewusstsein sickerte es dennoch ein. Was sie dann tat, erschien ihr damals ganz selbstverständlich, heute schüttelt sie darüber den Kopf: "Ich habe eine Weile weitergegessen, habe dann die Gabel fallen lassen und bin aufgestanden, um zu telefonieren" - mit einer Kollegin, die kürzlich an Brustkrebs erkrankt war. Der man nicht erklären musste, wie sich Nebel im Kopf anfühlt.

  • Susanne Reinker, 49
    Ihre größten Wünsche: "Mit Auto und Dachzelt duch Afrika reisen. Einen zweiten Frauenroman schreiben und mit dem Erlös einen Gnadenhof für alte Zirkustiere aufbauen und unterstützen."

    Diagnose: Brustkrebs (2007), geheilt.
  • Tatjana Jung, 41
    Ihre größten Wünsche: "Nach Bangkok reisen. Eine Karibik-Kreuzfahrt machen. Als Kandidatin bei ,Wer wird Millionär?' mitmachen."

    Diagnose: Eierstockkrebs (2003), Metastasen in Leber, Darm, Milz, Blase.
  • Ursel Wirz, 47
    Ihr größter Wunsch: "Jeden Tag so zu leben, dass meine Zwillingsschwester und ich das, was wir realisieren können, nicht lange aufschieben."

    Diagnose: Brustkrebs (1999), geheilt.
  • Gundel Kamecke, 47
    Ihr größter Wunsch: "Da eine Kreuzfahrt in die Ferne nicht mehr möglich ist, das Nahe genießen, z. B. beim Wandern in der Eifel."

    Diagnose: Brustkrebs (1999), Metastasen in den Knochen.
  • Monika Seidenader, 35
    Ihr größter Wunsch: "Ein langes gemeinsames Leben mit meinem Mann und dass unser Sohn Moritz sich zu einem guten Menschen entwickelt."

    Diagnose: Schilddrüsenkrebs (2009), geheilt.

Tatjana Jung ist ein heiterer Mensch. Sommersprossen, die roten Haare zum Pagenkopf geschnitten, Lachfältchen um die Augen. So sieht also eine Frau aus, die Krebs hat. Die den Kampf gegen eine tödliche Krankheit aufgenommen hat, die inzwischen weiß, dass sie ihn verlieren wird. Tatjana Jung erzählt, dass ihre Frisur nicht freiwillig gewählt ist. "Früher hatte ich dicke, lange Locken. Aber die Haare sind nach den vielen Chemotherapien nicht mehr so nachgewachsen."

Die Krankheit erwischt sie 2003 in einer Phase ihres Lebens, in der die Dinge gut sortiert sind, alles unter Dach und Fach. Eine glückliche Ehe, das eigene Haus gerade fertig gebaut, jetzt lebt sie mit Mann und der elfjährigen Tochter auf einem Grundstück mit den Schwiegereltern. Die Zyste am Eierstock entdeckt Tatjana Jungs Frauenarzt eher zufällig, weil es mit dem zweiten Wunschkind nicht klappen will. Kein Problem, Routinesache, heißt es, ein kleiner Eingriff, dann ist der Weg frei für ein Baby. Die Schwangerschaft bleibt jedoch auch nach der Operation aus, stattdessen kommen Bauchschmerzen, die Tatjana Jung immer noch keine Angst einjagen. Vielleicht nur eine Folgeerscheinung der ersten Operation, denkt sie, weil sie immer schon ein "Das-Glas-ist-halb-voll"-Mensch war. Sie wird ein zweites Mal operiert, später dann der Anruf, der anschließende Besuch beim Arzt, die Diagnose - eingepackt in Zahlen, die ihr den Boden unter den Füßen wegziehen: fortgeschrittener Eierstockkrebs, die Statistik bescheinigt ihr eine 17-prozentige Chance, in fünf Jahren noch zu leben.

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  • Text: Christiane Teetz
    Fotos: privat
    BRIGITTE 1/2013