Lebensmut
Diagnose Krebs - wie geht das Leben weiter?

Diagnose Krebs: Was macht man, wenn man erfährt, eine tödliche Krankheit zu haben? Wünsche hervorkramen - und das Leben leben. Fünf Frauen berichten.

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Manchmal bricht die Welt beim Abendessen auseinander. Einfach so, ohne lauten Knall, ganz unspektakulär. Tatjana Jung erinnert sich deutlich an den Anruf, der sie beim Essen mit ihrer Familie unterbrach. An das Telefongespräch, das so sachlich verlief, das sie mit einem freundlichen "Ja, danke für den Anruf, bis morgen dann!" beendete. Morgen noch mal sprechen, schnell operieren, nicht lange warten. Das Wort Krebs sprach der Arzt nicht aus. In Tatjana Jungs Bewusstsein sickerte es dennoch ein. Was sie dann tat, erschien ihr damals ganz selbstverständlich, heute schüttelt sie darüber den Kopf: "Ich habe eine Weile weitergegessen, habe dann die Gabel fallen lassen und bin aufgestanden, um zu telefonieren" - mit einer Kollegin, die kürzlich an Brustkrebs erkrankt war. Der man nicht erklären musste, wie sich Nebel im Kopf anfühlt.

Tatjana Jung ist ein heiterer Mensch. Sommersprossen, die roten Haare zum Pagenkopf geschnitten, Lachfältchen um die Augen. So sieht also eine Frau aus, die Krebs hat. Die den Kampf gegen eine tödliche Krankheit aufgenommen hat, die inzwischen weiß, dass sie ihn verlieren wird. Tatjana Jung erzählt, dass ihre Frisur nicht freiwillig gewählt ist. "Früher hatte ich dicke, lange Locken. Aber die Haare sind nach den vielen Chemotherapien nicht mehr so nachgewachsen."

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Tatjana Jung

Ihre größten Wünsche: "Nach Bangkok reisen. Eine Karibik-Kreuzfahrt machen. Als Kandidatin bei ,Wer wird Millionär?' mitmachen."

Diagnose: Eierstockkrebs (2003), Metastasen in Leber, Darm, Milz, Blase.

Die Krankheit erwischt sie 2003 in einer Phase ihres Lebens, in der die Dinge gut sortiert sind, alles unter Dach und Fach. Eine glückliche Ehe, das eigene Haus gerade fertig gebaut, jetzt lebt sie mit Mann und der elfjährigen Tochter auf einem Grundstück mit den Schwiegereltern. Die Zyste am Eierstock entdeckt Tatjana Jungs Frauenarzt eher zufällig, weil es mit dem zweiten Wunschkind nicht klappen will. Kein Problem, Routinesache, heißt es, ein kleiner Eingriff, dann ist der Weg frei für ein Baby.

Die Schwangerschaft bleibt jedoch auch nach der Operation aus, stattdessen kommen Bauchschmerzen, die Tatjana Jung immer noch keine Angst einjagen. Vielleicht nur eine Folgeerscheinung der ersten Operation, denkt sie, weil sie immer schon ein "Das-Glas-ist-halb-voll"-Mensch war. Sie wird ein zweites Mal operiert, später dann der Anruf, der anschließende Besuch beim Arzt, die Diagnose - eingepackt in Zahlen, die ihr den Boden unter den Füßen wegziehen: fortgeschrittener Eierstockkrebs, die Statistik bescheinigt ihr eine 17-prozentige Chance, in fünf Jahren noch zu leben.

In den folgenden Tagen fühlt sich Tatjana Jung wie unter einer Dunstglocke gefangen. Eine Klammer hat sich um ihren Brustkorb gelegt und schnürt ihr die Luft ab. Krebs, das passiert anderen, nicht mit 31, nicht, wenn alles gerade so gut läuft. Erst viele Wochen später, als die Behandlungsmaschinerie aus Operation, Chemotherapie und Bestrahlung längst in Gang ist, entdeckt sie neben der Angst ihre alte Zuversicht wieder: "Ich habe mir gedacht: 17 Prozent? Warum sollte ich nicht eine von den 17 sein?", sagt sie. "Und wenn nicht: Dann muss ich die Zeit nutzen, die mir bleibt."

Was macht man mit einem Leben, das plötzlich nicht mehr anscheinend unbegrenzt vor einem liegt? Vorhaben herauskramen, die man bisher ewig auf die lange Bank geschoben hat. Sortieren, was jetzt noch wichtig ist und was nicht. Das Leben leben und nicht einfach nur dabeistehen, während es an einem vorüberzieht.

Anja Mehnert ist Psychoonkologin - eine Psychologin, die auf die Behandlung von Krebspatienten spezialisiert ist. In ihren Sprechstunden erlebt sie immer wieder, wie Menschen, die mit der Diagnose Krebs leben, sich über kurz oder lang auf eine innere Reise begeben. "Sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen bedeutet auch immer, sich mit dem eigenen Leben zu beschäftigen und nach dessen Sinn zu fragen." Was war bisher, was soll in Zukunft sein? Wenn das Leben Revue passiert, fallen häufig auch die Unzulänglichkeiten in den Blick. Verpasste Chancen werden herausgefiltert, gute Vorsätze gefasst. Sich nicht mehr so viel über Kleinigkeiten ärgern, ab sofort achtsamer sein, optimistischer.

Psychologin Mehnert bittet die Menschen, die mit solchen Fragen zu ihr kommen, geduldiger mit sich selbst zu sein. Denn wer glaubt, sich in einer solchen Situation grundsätzlich ändern zu müssen, kommt nicht selten zum falschen Umkehrschluss: Bin ich etwa krank geworden, weil ich nicht richtig gelebt habe? Ist vielleicht meine Psyche schuld an der Krankheit, habe ich nicht positiv genug gedacht? "Gerade Prominente proklamieren häufig ohne Absicht, dass sie geheilt wurden, weil sie an sich geglaubt und ihren Lebensstil geändert haben", sagt Anja Mehnert. Aber: "Das haben andere auch getan und konnten trotzdem nicht geheilt werden. Für diese Menschen sind solche Aussagen fatal."

Tatjana Jung hat sich mit ihrem Schicksal ausgesöhnt

Für Tatjana Jung steht nach ihrer Diagnose schnell fest, dass sie sich einem solchen Druck nicht aussetzen will. Ihre Alltagsgewohnheiten bedürfen keiner Grundüberholung, das Credo "No sports, please!" gesteht sie sich ebenso weiterhin zu wie die Abneigung gegen "selbst gemachte Smoothies aus Kräutern vom Wegesrand", die der Heilpraktiker ihr empfiehlt. Eines aber beschäftigt sie: Schon immer hat sie in die USA reisen wollen, einmal New York sehen! Mal nicht aus dem kleinen Ort bei Idar-Oberstein zum üblichen Wohnmobil-Trip nach Skandinavien aufbrechen, sondern zu einem wirklichen Abenteuer.

Noch während der ersten Chemotherapie beginnt Tatjana Jung zu planen, wenige Monate später steigt sie mit Ehemann und Tochter in ein Flugzeug. Mehrere Wochen reist sie durch Amerika, lernt New York und Washington kennen, lässt die große weite Welt auf sich wirken.

Das zweite, das noch größere Abenteuer, traut sie sich dann erst 2009 zu, sechs Jahre nach Ausbruch der Krankheit, die Fünf-Jahres-Grenze ist längst überschritten, eine neue Antihormontherapie schlägt gut an und hält die Metastasen überraschend gut in Schach. Also kratzt sie ihr Geld zusammen und macht sich auf den Weg, um der Popgruppe Simple Minds, zu deren Fans sie seit 20 Jahren gehört, auf ihrer Europa-Tournee zu folgen. Durch ganz Deutschland, nach London, Edinburgh, über Luxemburg und Brüssel bis nach Sizilien, zehn Konzerte in acht Wochen. Ein enormer Kraftakt, aber gleichzeitig auch eine große Kraftquelle.

Aufwändige Reisen wird es in Tatjana Jungs Leben heute nicht mehr geben, die Maßeinheiten ihrer Zukunftsplanung sind mittlerweile klein geworden. "Ich rechne in Quartalen", sagt sie. "Immer bis zur nächsten Untersuchung." Abhängig davon, ob ihre Metastasen gewachsen sind oder nicht, bekommt sie alle drei Monate einen neuen Freifahrtschein. Was danach kommt, sieht sie dann. Sie hat sich mit ihrem Schicksal ausgesöhnt, ist oft traurig - meistens aber zufrieden, ausgeglichen, sogar glücklich. Bisher, sagt sie, sei sie gut damit gefahren, "Weltmeisterin im Verdrängen" zu sein. In ihrem Heute hat das Übermorgen keinen Platz mehr.

"Die Weisheit fällt nicht in Eimern vom Himmel."

Susanne Reinker hat mehr Glück gehabt als Tatjana Jung, sehr viel mehr Glück. Ihr Brustkrebs wurde früh genug entdeckt, sie geriet an den richtigen Arzt, und das Damoklesschwert, das sie noch eine ganze Weile nach der Chemotherapie über sich hängen spürte, ist nach fünf Jahren der Gewissheit gewichen, alles überstanden zu haben. Dennoch hat die Krankheit auch sie verändert. Auch sie hat ihr Leben nach der Diagnose auf den Prüfstand gestellt: Gesünderes Essen, mehr Bewegung, das klappte gut - einige Monate lang. Dann kehrte der Alltag zurück und mit ihm die Erkenntnis, "dass auch nach einer solchen Grenzerfahrung die Weisheit nicht in Eimern vom Himmel fällt", sondern sich stattdessen die alten Gewohnheiten wieder einschleifen.

Foto: privat

Susanne Reinker

Ihre größten Wünsche: "Mit Auto und Dachzelt duch Afrika reisen. Einen zweiten Frauenroman schreiben und mit dem Erlös einen Gnadenhof für alte Zirkustiere aufbauen und unterstützen."

Diagnose: Brustkrebs (2007), geheilt.

Als der Gynäkologe 2007 den Knoten in ihrer Brust ertastet, befindet Susanne Reinker sich gerade auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Mehrere Ratgeber aus der Welt der Wirtschaft hat die ehemalige PR-Managerin erfolgreich veröffentlicht, einer hält sich wochenlang in den Sachbuch-Bestsellerlisten. Kurz nach diesem Triumph dann die Diagnose. Doch Susanne Reinker ist kein Mensch, der Dinge einfach passieren lässt. Sie traut sich, den Ärzten Fragen zu stellen, mischt sich in medizinische Entscheidungen ein, verhandelt mit der Krankenkasse und auch mit Geschäftsleuten, die ihr überteuerte Perücken verkaufen wollen. "Ich weiß", sagt Susanne Reinker, "dass das nicht jeder fertig bringt. Aber ich kann nur jeder Frau raten, sich jemanden an die Seite zu holen, der das kann."

Als sich der Körper von Operation und Behandlung erholt hat, kommt ihr Agent mit einem Vorschlag für ein neues Projekt - ein weiteres Sachbuch. Doch Susanne Reinker will etwas Neues wagen: "Den Wunsch, einen Frauenroman zu schreiben, hatte ich schon lange mit mir herumgeschleppt. Wer weiß, ob ich ihn jemals in die Tat umgesetzt hätte, wenn diese Krankheit nicht gewesen wäre."

"Weniger Arbeit, mehr Gemüse, mehr Sex" heißt das Resultat. Eindeutig kein Problembuch also, sondern ein Roman um die klassischen Themen im Leben einer Mittvierzigerin: Männer, Jobfrust, Falten, Frauengespräche - und Brustkrebs. Sie habe keine Angst gehabt, ihre Leserinnen mit dieser Kombination aus Humor und Ernst zu überfordern, sagt die Autorin. "Es war mir wichtig, das Thema Krebs aus der Horrorecke zu holen. Diese Krankheit ist gefährlich, man muss sie ernst nehmen." Und doch gelte gerade für das Mammakarzinom, den Tumor in der Brust: "Die meisten Fälle sind heilbar, das gerät in der öffentlichen Wahrnehmung häufig aus dem Blick."

"Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht als Normalität."

Ortswechsel, Siegburg bei Bonn. Darf man das? Darf man jemandem, der den Tod in Reichweite hatte, von einer misslungenen Zahnwurzelbehandlung erzählen? Die geschwollene Wange erklären und die Sorge erwähnen, dass auch die Wirkung der zweiten Schmerztablette viel zu schnell nachlassen könnte? Man kann, man soll sogar, sagt Ursel Wirz. "Als ich mitten in der Krankheit steckte, habe ich immer wieder gehört: ,Mir geht es nicht gut. Aber ach, was erzähle ich dir! Dir geht es ja viel schlechter.' Dabei habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als Normalität."

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Ursel Wirz

Ihr größter Wunsch: "Jeden Tag so zu leben, dass meine Zwillingsschwester und ich das, was wir realisieren können, nicht lange aufschieben."

Diagnose: Brustkrebs (1999), geheilt.

Ursel Wirz hatte Krebs und ist geheilt, ihre Angst ist Vergangenheit. Nur Normalität ist in das Leben der 47-Jährigen seitdem nie wieder eingekehrt. 13 Jahre ist es her, dass die Ärzte bei ihrer Zwillingsschwester Gundel Kamecke einen Tumor fanden und damit auch für Ursel eine neue Zeitrechnung begann. Weil sie anfing, auf den Krebs zu warten. Ein gut informierter Arzt hatte nach Gundel Kameckes Erkrankung zwei und zwei zusammengezählt, denn auch Urgroßmutter, Mutter und Tante der Zwillinge waren in jungen Jahren an Brustkrebs erkrankt - ein starker Hinweis auf ein erblich erhöhtes Risiko.

Ein Gentest bestätigte den Verdacht: Gundel und Ursel trugen die Mutation des so genannten BRCA-Gens in sich und damit ein bis zu 90-prozentiges Risiko, an Brust oder Eierstockkrebs zu erkranken. Deshalb war Gundel Kamecke krank geworden, deshalb tickte jetzt für Ursel Wirz die Uhr. Ein halbes Jahr später fand man auch in ihrer Brust ein Karzinom, allerdings dank intensivierter Früherkennungsmaßnahmen rechtzeitig genug, um eine vollständige Heilung möglich zu machen. Es fällt Ursel Wirz schwer, das zu sagen: "Ich konnte geheilt werden, weil meine Schwester zuerst erkrankt ist. Für mich gab es den besseren Weg." Die Schuldgefühle einer Davongekommenen.

Bei ihrer Schwester hat sich der Krebs im Körper festgesetzt, Metastasen gebildet, inzwischen auch in den Knochen. Seit Gundel weiß, dass keine Aussicht mehr auf Heilung besteht, ist zu ihrer gesunden Schwester gezogen. In den Monaten, in denen die Schwestern gemeinsam aus dem Leben geworfen waren, hätten sie jemanden gebraucht, der den Schwall von Informationen und Gefühlen in ihrem Kopf sortiert. Sie suchten eine Selbsthilfegruppe, hätten gern andere betroffene Frauen kennengelernt.

Foto: privat

Gundel Kamecke

Ihr größter Wunsch: "Da eine Kreuzfahrt in die Ferne nicht mehr möglich ist, das Nahe genießen, z. B. beim Wandern in der Eifel."

Diagnose: Brustkrebs (1999), Metastasen in den Knochen.

Vielleicht wäre ja damals alles anders gekommen, wenn das Thema genetischer Brustkrebs bereits seinen Weg in die Öffentlichkeit gefunden hätte. Womöglich hätten die Alarmglocken der Ärzte dann viel früher geschrillt, wahrscheinlich wäre dann auch Gundel Kameckes Tumor rechtzeitig entdeckt worden. Und vielleicht wäre die Krankheit dann bei beiden gar nicht ausgebrochen, weil sie sich früh dafür entschieden hätten, die noch gesunden Brüste operativ entfernen zu lassen, prophylaktisch, um dem Krebs erst gar keinen Raum zu geben.

Hätte, vielleicht, wahrscheinlich - Gundel Kamecke mag solche Spekulationen nicht. "Nützt ja auch nichts", sagt die 47-Jährige, die den Pragmatismus ihrer Mutter geerbt hat und mehr vom Machen hält als vom Reden. Deshalb haben die Schwestern zusammen mit einer dritten Mitstreiterin das BRCA-Netzwerk gegründet, ein Informations- und Selbsthilfeportal für Frauen mit genetisch bedingtem Brust- und Eierstockkrebs. Viele Stunden investieren sie seitdem Woche für Woche in die Aufklärung über BRCA. Sie beraten betroffene Frauen, richten neue Selbsthilfegruppen ein, organisieren Vorträge - weil es nicht viele Bereiche in der Medizin gibt, in denen Wissen so sehr über Leben und Tod entscheidet.

"Viele Dinge werden völlig unwichtig."

Gundel Kamecke und ihre Schwester machen es den Menschen, mit denen sie über ihr Leben sprechen, leicht. Sie erzählen offen von sich, von ihrem Leben mit Krebs, auch von ihren Ängsten. Und sie ebnen damit einer Frage den Weg, die man eigentlich kaum zu stellen wagt: Gibt es Dinge, die gerade durch die Krankheit besser geworden sind? Gibt es neben dem Kummer auch etwas, das sich im Leben der Schwestern zum Besseren gewendet hat? Ursel Wirz zögert auch jetzt nicht: "Es gibt auf jeden Fall so etwas wie einen Krankheitsgewinn, auch wenn man dafür hohe Kosten zahlt!", sagt sie. "Viele Dinge werden völlig unwichtig."

Zwölf-Stunden-Arbeitstage zum Beispiel, Freunde, die keine Freunde sind, Zaudern geht manchmal einfach nicht. Einen Hund hat Gundel Kamecke sich schon als Kind gewünscht, irgendetwas sprach immer dagegen, nun ist seit einigen Jahren Mischling Amy an ihrer Seite. Und wenn das Wetter schön ist, fahren die Schwestern auch mal für einen Tag ins nahe Holland. Kosten-Nutzen-Rechnungen laufen anders, wenn man in einer Sackgasse unterwegs ist.

Beileibe nicht jede Krebskranke möchte die Länge der Strecke, die vor ihr liegt, genau kennen. Nicht jede möchte ihre Überlebenschancen genau beziffert haben und zeitliche Prognosen erfahren, weil manch eine mit der Unsicherheit besser fährt als mit der Sicherheit. Psychoonkologin Anja Mehnert weiß aber aus ihrer Praxiserfahrung, dass diese Haltung nicht der Regelfall ist. "Die meisten Menschen wollen genau wissen, wie es um sie steht", sagt sie. "Sie wollen wissen, wie viel Zeit sie noch haben, um bestimmte Dinge zu regeln."

Kein Zuckerguss über die bitteren Pillen

Zu dieser Gruppe gehört Monika Seidenader. Die Nachricht ihres Arztes, dass es sich bei ihrem Schilddrüsenknoten um ein Karzinom handele, verschlug auch ihr zunächst den Atem. Doch gegen die bodenlose Angst, die sich in ihr ausbreiten wollte, stellte die 31-jährige Lehrerin ihren Verstand und ihr Wissen. Nur keinen Zuckerguss über die bitteren Pillen. Alles habe sie wissen wollen, erzählt sie heute, drei Jahre nach der Diagnose. Studien, Fakten, Zahlen, alles, was objektiv Auskunft gab, "alles, nur keine Jammergeschichten".

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Monika Seidenader

Ihr größter Wunsch: "Ein langes gemeinsames Leben mit meinem Mann und dass unser Sohn Moritz sich zu einem guten Menschen entwickelt."

Diagnose: Schilddrüsenkrebs (2009), geheilt.

Als sie nach der Operation noch im Aufwachraum erfuhr, dass man gleich die ganze Schilddrüse entfernt hatte, war das zwar ein Schreck, aber kein Schock: "Ich wusste aus allem, was ich gelesen hatte, dass das auf mich zukommen könnte." Vor allem aber hatte sie den einhelligen Tenor ihrer Quellen im Ohr: Schilddrüsenkrebs hat besonders gute Heilungschancen.

Trotzdem ging sie noch einen Schritt weiter, kaufte sich Bücher, die sich mit dem Tod auseinandersetzen. Deshalb ging sie auch nach der OP in die Schule, um mit ihren Schülern zu sprechen. Sie erzählte, erklärte - und zeigte die Narbe an ihrem Hals. "Da hatte ich gleich die ersten Sympathien", sagt sie und lacht, wie sie es während des Gesprächs so oft tut. "Sah ja ein bisschen frankensteinmäßig aus!"

Die Narbe ist mittlerweile nur noch eine feine rote Linie. Die Bücher, die Monika Seidenader vor drei Jahren durchgearbeitet hat, sind längst auf dem Müll gelandet - ersetzt durch andere Ratgeber. Weil sie jetzt wissen muss, wie man mit schlaflosen Nächten umgeht. Und wann man ein Baby am besten auf feste Nahrung umstellt. Drei Monate ist Moritz mittlerweile alt, und wenn man sieht, wie Monika Seidenader und ihr Mann ihn anschauen, ahnt man, dass dieses Baby seine Eltern vielleicht noch ein Stückchen dankbarer macht, als sie es unter normalen Umständen gewesen wären. Erst nach fünf Schwangerschaftstests, sagt Monika Seidenader, habe sie glauben können, dass sich das Glück tatsächlich so endgültig auf ihre Seite geschlagen haben soll. Was sie sich für die Zukunft wünscht? "Ein zweites Kind!" Wenn schon leben, dann richtig.

  • Text: Christiane Teetz
    Fotos: privat
    Ein Artikel aus BRIGITTE 1/2013
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