Impfung: Viele Spritzen, starke Abwehr?

In Süddeutschland breiten sich die Masern wieder aus. Allein in Baden-Württemberg wurden 200 Fälle gezählt. Impfen - ja oder nein? Die wichtigsten Fragen zum Thema.

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Vorsorge ist gut, aber Impfen? Diese Frage sorgt ein ums andere Mal für Zündstoff, besonders unter Eltern. Denn gerade für Kinder werden immer neue Impfungen angeboten: seit kurzem zum Beispiel die Schluckimpfung gegen das Rotavirus für Säuglinge und eine Spritze gegen Gebärmutterhalskrebs für Mädchen ab neun. Aber wie beeinflussen all diese "künstlichen" Immunisierungen die natürlichen Abwehrkräfte von Kindern? Und was ist dran an den Warnungen vor Impfschäden, die Kritiker immer wieder verbreiten? Die wichtigsten Fragen und Einwände und was man dazu wissen sollte:

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"Zusätzliche Spritzen - das nutzt doch nur der Pharma-Industrie!"
"Es stimmt, die Zahl der empfohlenen Impfungen hat immer mehr zugenommen. Das hat aber erheblich dazu beigetragen, dass unsere Kinder heute viel gesünder sind als noch vor wenigen Jahrzehnten", weiß die erfahrene Kinderärztin Dr. Ursel Lindlbauer, Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Nachdem zunächst häufige Krankheiten wie Masern oder Mumps zurückgedrängt wurden, geraten nun seltenere Gefahren ins Blickfeld: zum Beispiel Pneumokokken und Meningokokken. Diese Bakterien können Hirnhautentzündungen, Blutvergiftungen, Mittelohr- und Lungenentzündungen hervorrufen. Knapp 1000 Kinder unter fünf Jahren erkranken jedes Jahr an einer Pneumokokken-Infektion. Etwa zwei Drittel dieser Fälle wären durch eine Impfung vermeidbar, schätzt die STIKO und empfiehlt sie seit 2006. Das pharmakritische Arznei-Telegramm bemängelt jedoch, dass diese Empfehlung auf Zahlen aus den USA beruht, wo andere Erregertypen verbreitet sind als in Europa. Genaue Daten für Deutschland fehlen.

"Hatten wir nicht alle die Masern?"
Gefährlich sind Masern vor allem für Kinder, die in Hunger und Armut leben. 2003 starben in den Entwicklungsländern fast eine halbe Million Kinder daran. Aber auch im reichen Deutschland können Masern zu einer Entzündung des Gehirns mit bleibenden Schäden und sogar zu Todesfällen führen. "Kurz nachdem ich meine Praxis eröffnet hatte", erinnert sich Ursel Lindlbauer, "bekam ein Kind eine Masern-Enzephalitis, lag wochenlang im Krankenhaus und musste über zwei Jahre lang in der Reha-Klinik wieder gehen und sprechen lernen." Tragische Einzelschicksale werden indes auch von Impfgegnern angeführt. Ein Blick auf die Zahlen macht die Entscheidung leichter: So tritt eine Masern- Enzephalitis etwa bei jedem 1000. Masernfall auf, aber nur bei einem von einer Million Kindern nach der Impfung. Häufiger sind Fieberkrämpfe: Sie kommen in einem von 100 Fällen nach der Impfung vor, während der Erkrankung krampfen sieben bis acht von 100 Kindern.

"Warum sind Masern-Impfungen dann nicht Pflicht?"
In den USA ist die Debatte entschieden, zumindest von staatlicher Seite. "No vaccination - no school" heißt es dort. Kinder, die keinen ausreichenden Impfschutz vorweisen können, werden nicht in Schulen und Kindergärten aufgenommen. Eine Folge: Der amerikanische Kontinent ist seit Jahren masernfrei. Hierzulande hingegen gab es im letzten Jahr über 2000 Fälle der Viruserkrankung - Deutschland gilt als Masernschleuder Europas. Deshalb fordert der Verband Kinder- und Jugendärzte auch für Deutschland eine Impfpflicht als Voraussetzung für den Schulbesuch. Viele Mütter und Väter aber wollen selbst darüber entscheiden, ob, wann und wogegen sie ihre Kinder impfen lassen.

"Eine Impfung gegen Windpocken ist doch sicher übertrieben!"
Stimmt, Windpocken verlaufen meist harmlos, und die juckenden Pusteln heilen folgenlos ab. "Doch auch hier kommen Komplikationen wie Lungen- oder Gehirnentzündungen vor", erklärt Dr. Ursel Lindlbauer. Allerdings sei das selten: "Der einzelne Kinderarzt sieht so etwas vielleicht nur einmal im Leben." Bekommt eine Schwangere Windpocken, kann der Fötus schwere Fehlbildungen erleiden. Bei einer Infektion der Mutter um den Geburtstermin herum stirbt jedes fünfte Neugeborene. Ähnlich verhält es sich bei Röteln: Die harmlose Kinderkrankheit kann, wenn eine Schwangere angesteckt wird, schwere Behinderungen beim Kind auslösen. Deshalb rät die STIKO, alle Kleinkinder zu impfen. Dass sie seit 2004 eine Impfung gegen Windpocken empfiehlt (und die Kassen die Kosten übernehmen), hat nicht nur medizinische, sondern auch ökonomische Hintergründe. Sabine Reiter, Leiterin des Fachgebiets Impfprävention am Berliner Robert- Koch-Institut: "Da fast jedesKind Windpocken bekommt, entstehen hohe Kosten, wenn berufstätige Eltern zu Hause bleiben und ihre Kinder pflegen."

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  • Fotos: DAK/ Wigger
    Produktion/Text: Wiebke Rögener
    Mitarbeit: Antje Kunstmann
    BRIGITTE Heft 07/2007/ aktualisiert 4/ 2008
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