Meine Freundin Jule glaubt es, die Bild-Zeitung glaubt es, und manche private Krankenversicherung möchte es offenbar glauben machen: Gesundheit gibt es bald nur noch für Reiche, Kassenpatienten werden schlechter behandelt. Weil sie nur billige Nachahmermittel erstattet bekommen und nicht die teureren Originalpräparate - oder die neusten Kreationen der Pharmaindustrie. Weil sie die beliebten, wenngleich häufig nutzlosen Vitaminpillen selber zahlen müssen, statt sie erstattet zu bekommen. Und weil sie länger auf einen Termin beim Facharzt warten müssen.
Natürlich finde ich es auch ärgerlich, dass Kassenpatienten sogar bei akuten Beschwerden nicht so schnell zu einer ärztlichen Untersuchung kommen wie privat Versicherte. Selbst mit Termin verbringen sie mehr Zeit in Wartezimmern, das fand eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK schon 2006 heraus. Wenn man bedenkt, welchen Anteil psychosoziale Faktoren an Gesundheit haben, ist eine solche Ungleichbehandlung kein guter Start in eine Therapie.
Aber ansonsten, finde ich, sind wir Kassenpatienten doch in den meisten Fällen besser dran. Zum Beispiel werden wir nicht, wie manche Privatpatienten, als Versuchskaninchen für brandneue Medikamente benutzt. Denn die Wirkungen von vielen so genannten innovativen Arzneien sind schlechter belegt als altbewährte Mittel, und dasselbe gilt für gefährliche Nebenwirkungen: Oft zeigen sie sich erst, wenn ein Präparat auf dem Markt ist.
Das beweisen die Medikamentenskandale der letzten Jahre. Beispiel Lipobay: Die zu sorglose Anwendung des Blutfettsenkers der Firma Bayer verursachte weltweit Todesfälle - und das Mittel wurde vom Markt genommen. Ähnlich verhielt es sich bei Vioxx und Bextra. Die Schmerzmittel aus der Klasse der Cox-2-Hemmer führten vermehrt zu Herzinfarkt und Schlaganfall - und sind nicht mehr im Handel. Kassenpatienten waren solche Mittel wegen der hohen Kosten oft gar nicht erst verschrieben worden.
Ähnlich kann es uns mit dem neusten Errungenschaften der Medizintechnik ergehen - zum Beispiel Stents. Nachdem diese Metallröhrchen 2002 in einer neuen, mit Medikamenten beschichteten Version auf den Markt kamen, wurden sie vorwiegend Privatpatienten in ihre Herzkranzgefäße gepflanzt. Der Vorteil gegenüber den älteren, unbeschichteten Stents: Die Adern verstopfen nicht so leicht wieder.
Ob die Patienten durch die neuen Röhrchen tatsächlich besser behandelt sind, müssen langfristige Studien allerdings erst noch klären. Die Anfangseuphorie ist jedenfalls verflogen. Patienten mit beschichteten Stents im Herzen sind laut neueren Untersuchungen anfälliger für lebensbedrohliche Thrombosen in den Stents. Die zuständige Fachgesellschaft empfiehlt den Einsatz deshalb mittlerweile nur noch in ausgewählten Fällen, wenn zusätzlich zwei gerinnungshemmende Mittel gegeben werden.













