Rosa Viagra
Neue Lustpille für Frauen

Eine luststeigernde Pille für Frauen könnte bald auf den Markt kommen. Was bringt uns das "rosa Viagra"? 5 Fakten zur Lustpille.

Wie wirkt die Lustpille für die Frau?

Sie enthält den Wirkstoff Flibanserin. Der beeinflusst im Gehirn Rezeptoren, an die der Nervenbotenstoff Serotonin andockt. Dass Serotonin und Sex zusammenhängen, weiß man schon länger.

Wie genau Flibanserin das weibliche Verlangen ansteigen lässt, ist allerdings unbekannt. Der Libido-Boost war darum auch eher ein Zufallsfund: Eigentlich sollte das Mittel gegen Depressionen wirken - das tat es nicht. Aber einige der Testpatientinnen wollten es nach der Studienphase trotzdem nicht wieder hergeben. Und dem ging man dann natürlich auf den Grund.

Nun entscheidet am 18. Juni die US-Behörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit (FDA), ob der deutsche Pharma-Konzern Boehringer Ingelheim das luststeigernde "rosa Viagra" auf den Markt bringen darf.

Übrigens ist auch Viagra als männliches Potenzmittel eigentlich zweckentfremdet: Ursprünglich war es als Medikament bei Herzerkrankungen vorgesehen.

Warum nehmen Frauen nicht einfach das normale Viagra?

Was in Viagra und ähnlichen Potenzmitteln beim Mann wirkt, sind Stoffe wie Sildenafil, Tadalafil oder Vardenafil. Sie beeinflussen die Durchblutung der Geschlechtsorgane - so kann Mann wieder, wenn Mann will.

Das Problem vieler Frauen scheint dagegen ein anderes zu sein: Sie könnten zwar, aber wollen nicht. Nehmen sie Viagra, wird zwar auch ihre Klitoris prall, aber ihre Lust deswegen noch lange nicht.

Der Pharma-Riese Pfizer - er vertreibt Viagra - hat deswegen bereits vor ein paar Jahren die Forschungen eingestellt, um die blauen Pillen auch für Frauen auf den Markt zu bringen. Fazit (wer hätte es gedacht): Die weibliche Sexualität ist komplizierter als die des Mannes und findet selten ohne Beteiligung des Kopfes statt.

Wird jede Frau durch die Pille zur Sex-Göttin?

Sicher nicht. Zwar hatten in einer Studie an fast 1400 Frauen mit schwächelnder Libido diese nach 24 Wochen Pillen-Einnahme mehr Lust und auch mehr Sex. Aber die von den Forschern erhobene so genannte "Anzahl der zufrieden stellenden Sexualkontakte" (satisfying sexual events) stieg durch Flibanserin gerade mal von 2,8 auf 4,5 - und das nicht pro Tag oder Woche, sondern pro Monat!

Die Lust-Pille verschaffte den Frauen also durchschnittlich nicht einmal zwei Höhepunkte mehr innerhalb von 30 Tagen. Das stellt wohl nur den Statistiker eines Pharma-Unternehmens restlos zufrieden. Denn dazu kommt noch: Frauen, die Placebo-Tabletten ohne Wirkstoff schluckten, hatten ebenfalls öfter Spaß im Bett (oder wo auch immer): Nach 24 Wochen kamen sie auf 3,7mal befriedigenden Sex pro Monat - und das ganz ohne Chemie.

Und eine letzte Frage sei erlaubt: Zufriedenstellend? In der Schule war das grade mal eine Drei...

Und die Nebenwirkungen?

Flibanserin wirkt aufs Gehirn, aber eine Psycho-Droge ist es nicht. Als Antidepressivum - denn als solches war es eigentlich entwickelt worden - ist es mangels Wirkung sogar gefloppt. Und schwer wiegende Nebenwirkungen scheint der Wirkstoff ebenfalls nicht zu haben. Allerdings muss das Mittel, anders als Viagra, nicht nur vor dem Sex, sondern dauerhaft genommen werden.

Ein bisschen müde macht es offensichtlich auch. Und zwar nicht erst nach dem Sex, sondern generell. Um den Lust-Kick der Pille richtig ausleben zu können, gilt es also ein anderes Problem zu lösen: Nur nicht einschlafen! Oder glaubten die Frauen am Ende nur, besseren Sex zu haben, weil sie währenddessen eh schon halb im Land der Träume weilten?

Brauchen wir das?

Ja! Eine Frau, die nicht will, ist alles andere als die Ausnahme. In den USA zum Beispiel soll der Libido-Mangel bereits ein Drittel der weiblichen Bevölkerung im sexuell aktiven Alter betreffen. Und all diese lustlosen Frauen müssten dringend behandelt werden - meint die Pharma-Industrie.

Viagra für den Mann ist ein Kassenschlager. Natürlich hoffen Unternehmer darauf, dass Flibanserin oder ein ähnliches Präparat mit entsprechendem Erfolg nun den weiblichen Markt erobern wird. Aber wollen wir das wirklich? Nach dem Motto: Wenn nur die Nervenzellen im Hirn richtig schnackseln, dann klappt's auch wieder mit dem Partner, der uns doch eigentlich ansonsten nur noch annervt?

Klar, wer unter seiner Lustlosigkeit leidet, verlangt nach Hilfe. Aber die muss doch nicht unbedingt in Tablettenform daherkommen? Guten Sex gibt's eben nicht auf Rezept, dafür müssen beide - Frauen wie Männer - schon ein bisschen mehr investieren, als nur eine Pille einzuwerfen.

  • Artikel vom 08.06.2010
    Text: Antje Kunstmann
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