Das fulminante Comeback des Burnout

Sind moderne Krankheiten wie Unverträglichkeiten, Erschöpfung oder ADHS gar nicht neu? Ein Gespräch mit dem Psychologen Elmar Brähler.

BRIGITTE: Herr Professor Brähler, Sie sind Experte für Modekrankheiten ...

Elmar Brähler: Das Wörtchen "Mode" finde ich irreführend. Es klingt abwertend, als seien diese Erkrankungen ein Zeitgeist-Phänomen und kein echtes Leiden. Da tut man den Betroffenen Unrecht. Ich spreche lieber von "modernen Krankheiten". Damit sind alle Krankheiten gemeint, die für eine Zeit stark in den Vordergrund treten und dann auch wieder verschwinden. Meist handelt es sich um psychische oder psychosomatische Beschwerden.

Sind moderne Krankheiten also eine Art gesundheitliches Strohfeuer? Für eine Weile erwischen sie viele, und dann sind sie wieder weg?

In gewisser Weise ja. Aber mit diesen Krankheiten ist es komplizierter. Menschen fühlten sich ja schon immer krank oder nicht wohl. Aber ob man ein bestimmtes Unwohlsein als Erkrankung wahrnimmt und wie man es benennt, ändert sich von Epoche zu Epoche.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Nehmen Sie das Gefühl, völlig erschöpft zu sein von den Anforderungen des Alltags. Heute nennt man das "Burnout". Vor etwa 100 Jahren gab es eine Krankheit mit ganz ähnlichen Symptomen, die Neurasthenie oder Nervenschwäche. Man nahm an, dass die Erschöpfungssymptome durch die rasanten technischen Entwicklungen wie Eisenbahn und Telefon ausgelöst wurden. In den 1930ern verschwand die Krankheit. 50 Jahre später wurde dann das Burnout-Syndrom beschrieben. Es galt als Erschöpfung von Menschen in sozialen Berufen, die sich emotional verausgabt hatten, und geriet dann wiederum in Vergessenheit. Derzeit hat es ein fulminantes Comeback, diesmal jedoch als Erschöpfung, die alle treffen kann, die sich gestresst fühlen.

Zur Person

Elmar Brähler, 68, war Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Leipzig und ist unter anderem Herausgeber des soeben erschienenen Lexikon der modernen Krankheiten (526 S., MWV).

Wovon hängt es ab, ob eine bestimmte Befindlichkeit gerade als Krankheit wahrgenommen wird?

Das hat verschiedene Gründe. In unserer heutigen stark individualisierten Gesellschaft ist es normal, dass jeder Mensch sein ganz persönliches Leiden sehr ernst nimmt und ihm durchaus Krankheitswert zuspricht. Vermutlich gab es etwa gegenüber Lebensmitteln schon immer, aber in anderen Epochen hat sich das Individuum gar nicht so wichtig genommen. Wer sich krank fühlt, möchte Zuwendung und Hilfe. Damit kann man aber nur rechnen, wenn die Beschwerden gesellschaftlich akzeptiert sind. Die Welle der Neurasthenie verebbte zum Beispiel mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs - die Menschen hatten plötzlich ganz andere Sorgen, und niemand sprach mehr über solche Befindlichkeiten.

Das heißt, wir zeigen ein Leiden eher, wenn wir dafür mit Zuwendung rechnen können?

Auf jeden Fall! Deshalb können auch Medienberichte eine richtige Welle einer modernen Erkrankung auslösen. Das war zum Beispiel bei den ersten Berichten der Fall, in denen Frauen im Fernsehen über ihre Bulimie sprachen. Am nächsten Tag kamen viele Frauen zu Ärzten, weil sie sich genau in dieser Erkrankung wiedererkannt hatten. Gelitten hatten sie schon vorher. Aber sie hatten keinen Namen für ihr Leiden und deshalb auch nicht den Mut, damit zum Arzt zu gehen.

Aber ist das nun gut oder schlecht, wenn man sofort denkt, man sei selbst betroffen, sobald man von einer neuen Krankheit liest oder hört?

Erst einmal ist es ja gut, wenn man sich mit seinem Unwohlsein an einen Fachmann wendet. Aber natürlich gibt es hier auch die Gefahr der Manipulation, etwa von Pharmafirmen.

Heute ist es normal, dass jeder sein persönliches Leiden sehr ernst nimmt.

Wie bitte?

Eine Zeit lang waren beispielsweise die Wechseljahre des Mannes sehr populär. Überall wurden Studien zitiert, die zeigten, dass bei Männern ab 40 das Männlichkeitshormon Testosteron abnimmt und sie deshalb an Schlafproblemen und Depressionen leiden. Ein Hormon-Gel versprach Abhilfe. Dann stellte sich heraus, dass die Studien von der Pharmafirma bezahlt und ausgewertet wurden, die auch das Hormon-Gel herstellte. Unabhängige Untersuchungen bestätigten die Ergebnisse nicht. Auch das "Sissi-Syndrom", das Anfang der 90er Jahre mal populär war, stellte sich als PR-Erfindung heraus. Eine Pharmafirma hatte einfach durch die Werbung und über die Medien verbreiten lassen, dass sich gerade hinter dem Aktionismus sehr aktiver Frauen oft eine Depression verberge - und als Vergleich die umtriebige und angeblich unglückliche Kaiserin Sissi herangezogen. Natürlich hatte die Firma auch das passende Medikament parat.

Ist das denn eine generelle Gefahr bei den modernen Krankheiten? Dass ein gewisses Unwohlsein aufgrund von Lobby-Interessen zur Krankheit hochgeschrieben wird?

Absolut. Da müssen Sie nur einen Blick in das neue Handbuch zur Diagnose psychischer Leiden werfen, das sogenannte "DSM 5". In der aktuellen Ausgabe gilt beispielsweise die Trauer um den Tod eines geliebten Menschen als krankhaft, wenn sie länger als zwei Wochen andauert. Über Nacht wurden so viele Menschen, die vorher als gesund galten, zu Kranken gemacht.

Welche ernst zu nehmenden modernen Erkrankungen sind derzeit denn in Deutschland besonders verbreitet?

Das bereits genannte Burnout, also die psychische , aber auch die Aufmerksamkeits-Defizit-HyperaktivitätsStörung, kurz ADHS, und verschiedene Probleme mit dem Essen, wie Essstörungen oder auch Lebensmittelunverträglichkeiten.

Moderne Krankheiten sind ein Spiegel der Kultur.

Warum sind es gerade diese?

Moderne Krankheiten sind ein Spiegel der Kultur. Dass Beschwerden wie Burnout oder ADHS so populär werden, hängt mit unserer Leistungsgesellschaft zusammen. Nicht perfekt zu funktionieren ist so schlimm, dass man es als Krankheit wahrnimmt und behandelt. Auf der anderen Seite zeigt die Burnout-Welle auch, dass viele Menschen unter dem Leistungsdruck leiden - und sich außerdem trauen, das öffentlich zu zeigen. Essstörungen treten dagegen typischerweise in Überflussgesellschaften auf. In Ländern, in denen Menschen hungern, gibt es sie nicht.

Und was ist mit den Erkrankungen passiert, die völlig verschwunden sind?

Die wohl bekannteste ist die Hysterie, die vor etwa 100, 150 Jahren sehr en vogue war, aber heute keine Rolle mehr spielt. Wenn eine Frau in der damaligen Zeit morgens aufwachte und plötzlich einen gelähmten Arm hatte, für den es keine organische Ursache gab, vermutete man die Nervenkrankheit Hysterie und schickte sie zum Psychiater. Auch heute gibt es durchaus noch Menschen mit Lähmungen, die durch nichts zu begründen sind. Aber man interpretiert sie eher als organische Erkrankung und geht damit zum Neurologen.

Leiden Menschen in anderen Kulturen dementsprechend auch an anderen modernen Krankheiten?

Natürlich! In Japan ist etwa eine Erkrankung namens "Schüchterne Blase" häufig. Meist sind Frauen betroffen. Sie haben panische Angst davor, auf eine öffentliche Bedürfnisanstalt zu gehen, weil sie fürchten, peinliche Geräusche zu erzeugen. In Japan ist es sehr verpönt, sich eine Blöße zu geben. Die "Schüchterne Blase" ist so verbreitet, dass viele öffentliche Toiletten beschallt sind. Junge männliche Japaner leiden dagegen an der seelischen Störung Hikikomori, einer Art gesellschaftlichen Rückzugs. Die Jugendlichen schließen sich für Wochen und Monate in ihr Zimmer ein, schauen Fernsehen oder spielen Computer. Man spricht von einer Million Betroffener. Und man denkt, dass die Krankheit letztlich eine Reaktion auf die hohen Anforderungen der Gesellschaft ist.

Ein guter Arzt fragt auch nach dem Hintergrund.

Was empfehlen Sie jemandem, der von einer modernen Krankheit erfährt und merkt: Genau diese Beschwerden habe ich doch auch?

Sich sofort auf ein neues Krankheitsbild draufzusetzen trifft oft nicht zu 100 Prozent zu. Wer dann gleich damit beginnt, sich selbst zu behandeln, kann leicht in einen Teufelskreis kommen, in dem sich alles nur noch um diese Krankheit dreht. Man sollte darüber besser mit einer Ärztin oder einem Arzt sprechen, der bzw. dem man vertraut.

Und woran erkennt man, ob der oder die einen gut behandelt?

Der Arzt muss den Patienten mit seinen Beschwerden ernst nehmen! Er darf ihn nicht als Hypochonder abstempeln, aber auch nicht sofort mit einer Diagnose etikettieren. Ein guter Arzt fragt auch nach dem Hintergrund: Was ist in der Familie los, ist irgendetwas mit den Kindern, mit dem Beruf, gibt es andere Sorgen? Nur so kann er herausfinden, wo die Seelennot herkommt und was diesem Menschen tatsächlich helfen könnte.

Mit welchen modernen Erkrankungen müssen wir in Zukunft rechnen?

Die Entwicklung der neuen Medien bietet ständig Raum für neue Suchterkrankungen, wie etwa Internetsucht oder Spielsucht. Und die Essstörungen werden bestimmt noch eine Weile populär bleiben. Beispielsweise ist momentan die Orthorexie, also die zwanghafte Sorge, dass man etwas Ungesundes isst, eine Erkrankung, die gerade auf dem Vormarsch ist. Auch Störungen der Körperwahrnehmung könnten zunehmen. Schon jetzt steigt die Zahl der Menschen, die an der sogenannten "Körperdysmorphophobie" oder "KDS" leiden. Die Betroffenen sehen normal gut aus, fühlen sich allerdings völlig missgestaltet und leiden sehr. Hier spiegeln sich die gesellschaftlichen Ideale von Jugendlichkeit und die Angst vor dem Alter wider. Das alles löst so viel Druck aus, dass manche Menschen davon krank werden. Aber jede Epoche beschreibt das Feld neu. Sicher ist nur: In 50 Jahren wird man über viele der heutigen Erkrankungen lächeln - und an anderen Krankheiten leiden.

Ein Artikel aus BRIGITTE 01/2015 Interview: Carola Kleinschmidt

Kommentare (5)

Kommentare (5)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Hoffentlich liest niemand Elkes Kommentar! Denn gerade die Hilfsbereiten erkranken besonders häufig an einer Depression.



    Schade, dass in eine "seriöse" Frauenzeitschrift, wie die Brigitte, einen so oberflächlichen Artikel veröffentlich. Damit fördert sie eher die Stimatisierung psychischer Erkrankungen als der Aufklärung beizutragen.



    In Deutschland sind doppelt so viele Frauen wie Männer von Depressionen betroffen. Weder leiden diese an einer Modekrankheit, noch sind sie egoistisch. Sie leiden eher an dem Unverständnis und dem mangelnden Mitgefühl der Gesellschaft.



    Oh Brigitte hättest Du doch mehr Mumm, tiefgründigere Artikel zu schreiben, als nur mit der Mode zu gehen.



  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ein sehr vorsichtig formulierter Artikel. Heute nimmt jeder Mensch sein individuelles Leiden sehr ernst. Vielleicht sollten die Leute wieder ein bißchen mehr auf die anderen schauen und nicht immer nur auf die eigene Existenz. Die schlimmste "Krankheit" unseres modernen Wohlstandsdaseins ist der Egoismus. Und Aufmerksamkeit bekommt man auch dadurch, dass man etwas besonderes tut, zum Beispiel anderen helfen, und nicht dadurch, dass man eine neue Krankheit in den Medien entdeckt und sich sofort darin wiederfindet. "Toll, das habe ich auch!" Ein Mensch, der in einer der unzähligen Krisenregionen dieser Welt lebt und um sein Überleben und das seiner Familie kämpfen muss, liest hoffentlich niemals diesen Artikel.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Chris,

    ich wünsche Ihnen wirklich keine Depression. Ab Sie können nur dann mitreden, wenn Sie einmal eine durchlitten haben. Dann wären Sie auch geheilt von Ihrer Psycho-Ansicht, diese Krankheit würde es in 100 Jahren nicht mehr geben. Die Depression gab es auch schon vor 100 Jahren, nur unter einem anderen Namen. Auch in der Antike gab es die Depression bereits. Sie wurde als Melancholie bezeichnet, das bedeutete „schwarze Galle“ und beschreibt laut Hippokrates einen Körpersaft, der die geistigen Organe des Menschen vernebelt.



    Die Krankheit ist eine ernstzunehmende Stoffwechselerkrankung des Gehirns und hat mit Mode nichts zu tun. Möglicherweise mit den modernen Lebensbedingungen, die zu dieser Stresserkrankung führen. Aber die Depression unterscheidet sich nicht von anderen somatischen Erkrankungen wie Krebs oder Herz-Kreislauferkrankungen.



    Die Depression als Mode-Erkrankung zu bezeichnen macht es nur schlimmer! Lesen Sie doch die Tweets unter #notjustsad i
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Leider ist der Artike weitestgehend richtig, denn die Medizingeschichte zeigt, dass es Moden auch bei Krankheiten gibt.



    Das reicht von bevorzugten Diagnosemethoden bis hin zu weit verbreiteten Symptomen, die ohne "Ansteckung" übers Land ziehen.



    Deshalb sollte man sich nicht wundern, wenn Burnout oder auch die Depression irgendwann nicht mehr Thema ist und auch kaum jemand Magersucht hat, dafür aber in 100 Jahren weit verbreitete andere Dinge die Menschen beschäftigen.



    Das hat übrigens nichts mit "eingebildet" zu tun, denn diese Menschen leiden. Es ist nur abhängig von der Zeit bzw. der Umgebung, in der sie leben, woran sie leiden.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Mode und Erkrk





































































    Mode und Erkrankung passen so gut zusammen wie Schokoladenpudding und Rote Beetesoße. Wer würde sich wagen bei der Erkrankung Krebs von Mode zu sprechen? Während die medizinische Forschung zu dem Schluß kommt, dass die Depression eine körperliche Erkrankung ist, hinken die Psychologen mit Ihren berufsbedingten Scheuklappen hinterher. Wer tatsächlich an einer Depression erkrankt, der weiß, dass diese Erkrankung kein eingebildetes Zipperlein ist, sondern eine lebensbedrohliche schwere Krankheit.

    Krebs nimmt jeder ernst. Da wird nicht orakelt. Aber bei einer Depression dürfen alle mitreden, auch die, die dem Image der Depression eigentlich nur schaden. Die Psychologen betrachten die Depression noch immer als Ihre Domäne, obwohl sie die Krankheit nicht verstehen. Sie sehen nur die Symptome und verblendet durch Freud suchen Sie nach den psychischen Ursachen.

    Aber die Ursache liegt im Soma, im Im

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