Neue Therapien bei Krebs

Er bleibt eine tödliche Bedrohung, doch immer mehr Menschen überleben ihn. Durch neue Therapien bei Krebs wird die Krankheit effektiver, individueller, schonender behandelt.

Ungefähr 480.000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an Krebs. Insgesamt müssen vier von zehn Frauen und fünf von zehn Männern im Laufe ihrer Lebens damit rechnen, die Krankheit zu bekommen. Trotzdem gibt es gute Nachrichten: Immer mehr Krebskranke überleben. Gerade erst ist anhand von WHO-Daten errechnet worden, dass die Krebssterberaten in Europa rückläufig sind. Allein in den letzten fünf Jahren sanken sie um zehn Prozent bei Männern und um sieben Prozent bei Frauen.

Doch immer noch gilt: Ob Patientinnen und Patienten geheilt werden oder noch gut und lange leben können, hängt sehr von der Art ihres Tumors ab. Während Brustkrebs heute zu 86 Prozent geheilt wird, überlebt zum Beispiel bei Lungenkrebs nur jeder fünfte Betroffene die ersten fünf Jahre. Doch seit Neuestem gibt es gerade bei den besonders gefährlichen Krankheitsarten Hoffnung auf ein längeres Leben. Dies sind die wichtigsten neuen Erkenntnisse:

Neue Therapien bei Krebs: Die Heilkraft der Bewegung wurde lange unterschätzt

Früher wurde Krebspatienten Bewegung eher halbherzig empfohlen und ausschließlich als Wohlfühlfaktor betrachtet. Doch in den letzten Jahren haben etliche Studien die erstaunliche Heilkraft von Sport gezeigt. Gerade bei Brust- und Dickdarmkrebs kann man mit einem leichten Trainingsprogramm (z. B. fünf Tage pro Woche jeweils eine halbe Stunde walken) die Gefahr eines erneuten Tumors (Rezidiv) um 30 bis 40 Prozent senken.

In einer Studie sank das Risiko, am Brustkrebs zu sterben, bei Patientinnen, die nach ihrer OP sportlich aktiv waren, um 45 Prozent gegenüber körperlich inaktiven Frauen. Auf diese Therapie sollte deshalb keine Krebspatientin und kein Krebspatient mehr verzichten. Zumal die einzigen Nebenwirkungen Fitness und gute Laune sind.

Brustkrebs: Sanftere Therapien

In den letzten Jahren wurden immer neue Medikamente gegen Brustkrebs entwickelt und immer neue Kombinationen ausprobiert. Und obwohl damit teilweise bessere Behandlungserfolge erzielt werden, schleichen sich jetzt bei vielen Krebsexperten Bedenken ein. "Übertherapien", also unnötige Therapien, die nur schädliche Nebenwirkungen verursachen, sind gerade beim Brustkrebs in letzter Zeit ein großes Thema. Das gilt auch für Operationen.

Bisher galt: Werden in einem der Lymphknoten der Achsel (dem so genannten Wächter- oder Sentinellymphknoten) Krebszellen nachgewiesen, werden in der Achselhöhle möglichst alle Lymphknoten entfernt: eine belastende OP, die zum Lymphstau führen kann und den Arm anschwellen lässt. Und mittlerweile wird zunehmend bezweifelt, ob sie die Heilungschancen überhaupt verbessert. Auf dem weltgrößten Brustkrebskongress im amerikanischen San Antonio wurde gerade eine große Studie dazu vorgestellt: Danach gab es bei Frauen mit einem Brusttumor unter fünf Zentimeter Durchmesser und mit wenigen und kleinen Lymphknoten-Metastasen nach fünf Jahren keine Unterschiede, ob die Achsellymphknoten nun entfernt wurden oder nicht. In beiden Behandlungsgruppen war der Tumor bei 88 Prozent der Patientinnen nicht wiedergekommen. Doch den nicht operierten Frauen ging es deutlich besser: Sie litten zum Beispiel deutlich seltener an einem Ödem (also einer Wasseransammlung) im Arm.

Es gibt also Situationen, in denen Patientinnen das Entfernen der Lymphknoten aus der Achsel erspart werden kann. Voraussetzung dafür: Man ist in einem spezialisierten Brustzentrum, wo diese Fragen mit dem nötigen fachlichen Hintergrund diskutiert werden und man eventuell auch an einer entsprechenden Studie teilnehmen kann. Und auch darüber diskutieren momentan Experten: die so genannte intraoperative Bestrahlung. Dabei wird direkt nach der Entfernung des Knotens das umgebende Brustgewebe einmalig bestrahlt - die OP dauert so ungefähr eine halbe Stunde länger -, und die übliche mehrwöchige Strahlentherapie "von außen", die nach brusterhaltender Operation notwendig ist, entfällt. Die Bestrahlung während der OP spart der Patientin aber nicht nur Zeit, sondern hat auch medizinische Vorteile: die Gesamt-Strahlendosis ist geringer, es gibt keine Hautreizungen.

Bisher gibt es keine Hinweise, dass die intraoperative Bestrahlung weniger wirksam ist. Allerdings ist es zu früh, die Methode endgültig zu beurteilen. Noch weiß man nicht, ob dauerhafte Heilungen genauso häufig sind wie bei herkömmlicher Strahlentherapie. Angeboten wird das Verfahren bisher nur in wenigen Kliniken, meist im Rahmen von Studien.

Eierstockkrebs: Neue Waffen gegen die tückischen Tumore

Ovarialkarzinome werden meistens spät entdeckt, denn sie machen zunächst keine Beschwerden. Nur 20 bis 30 Prozent der Patientinnen mit fortgeschrittenen Tumoren werden geheilt, damit gehört diese Krebsart zu den bösartigsten überhaupt. In der Therapie hat sich 15 Jahre lang nicht viel getan, sie besteht aus einer möglichst vollständigen operativen Entfernung des Tumors und anschließender Chemotherapie.

Doch jetzt wurde erstmals seit Langem ein neues Medikament zur Behandlung fortgeschrittener Ovarialkarzinome zugelassen, der Wirkstoff Bevacizumab. Dieser Antikörper hemmt einen Botenstoff, der das Tumorwachstum fördert. Mehrere klinische Studien haben gezeigt, dass sich die tückischen Tumore damit in Kombination mit der herkömmlichen Chemo besser in Schach halten lassen. Und erfreulicherweise profitieren gerade diejenigen Frauen am meisten, deren Tumor nicht restlos herausoperiert werden konnte, die also bisher extrem schlechte Chancen hatten: Sie leben fast acht Monate länger.

Schwarzer Hautkrebs: Längeres Leben durch neue Medikamente

Zum Glück werden Melanome, auch dank der kassenfinanzierten Früherkennung ab 35, in über der Hälfte der Fälle im Frühstadium entdeckt - mit exzellenten Heilungsaussichten von über 90 Prozent. Doch wenn der schwarze Hautkrebs erst einmal Metastasen gebildet hat, leben die meisten Patienten nur noch wenige Monate.

Seit Neuestem gibt es aber auch für Patienten im fortgeschrittenen Stadium mehr Hoffnung. Wenn ihr Tumor eine bestimmte genetische Veränderung aufweist - und das gilt für ungefähr die Hälfte der Fälle -, verlängert der gerade zugelassene Wirkstoff Vemurafenib das Leben. Damit leben nach einem halben Jahr noch 84 Prozent der Patienten, mit einem älteren Wirkstoff waren es nur 64 Prozent. Ebenfalls neu: eine Immuntherapie mit Ipilimumab. Diese Substanz aktiviert bestimmte Abwehrzellen und lässt Betroffene (in Kombination mit einer Standard-Chemotherapie) ebenfalls länger überleben.

Lungenkrebs: Bessere Chancen durch Früherkennung

Lungenkrebs ist bei Frauen heute fast doppelt so häufig wie vor 20 Jahren. Besonders stark betroffen von diesem Anstieg sind jüngere Frauen, weil viele schon als Teenager geraucht haben. Selten wird Lungenkrebs im Frühstadium entdeckt. Fünf Jahre nach der Diagnose leben deshalb im Schnitt nur noch rund 18 Prozent der Patientinnen. Dass eine effektive Früherkennung möglich wäre, hat aber gerade eine US-Studie gezeigt. Hier wurden über 50.000 starke Raucher jährlich geröntgt: entweder mit einer herkömmlichen Aufnahme oder einem CT (Computertomogramm).

Mit Hilfe des CT wurde häufiger Lungenkrebs entdeckt - und noch wichtiger: Etliche Tumore wurden so früh gefunden, dass acht Jahre später 20 Prozent weniger Studienteilnehmer gestorben waren als in der Röntgengruppe. Normales Röntgen ist als Früherkennungsmethode also nicht geeignet, das hat gerade wieder eine andere große Studie der University of Minnesota bestätigt. CT-Untersuchungen der Lunge gehören bei uns jedoch - genauso wie normales Röntgen - nicht zum Früherkennungsprogramm.

Wer lange und stark geraucht hat und sich deshalb Sorgen macht, sollte sich vom Arzt individuell beraten lassen. Zwar sind die Heilungschancen bei Lungenkrebs insgesamt nach wie vor schlecht. Doch zumindest wenn die Krebszellen bestimmte genetische Veränderungen haben, wirken einige neue Mittel. Erlotinib und Gefitinib zum Beispiel schlagen bei Frauen sogar besser an als bei Männern. In einer japanischen Studie lebten Frauen mit weit fortgeschrittenem Lungenkrebs, bei denen andere Therapien nicht mehr wirkten, nach einer Gefitinib-Behandlung im Schnitt noch 22 Monate, Männer nur 12 Monate. Und in den USA wurde gerade Crizotinib zur Behandlung von Lungenkarzinomen mit ganz bestimmten genetischen Veränderungen zugelassen - etwa jeder 20. hat diese so genannten ALK-positiven Tumore. Damit leben zwei Jahre nach der Therapie noch zwei Drittel der Patienten, ohne die neue Substanz nur ein Drittel.

Die Zulassung des neuen Wirkstoffs in Europa steht bevor. Das Problem dabei: Nicht nur gegen Lungenkrebs kommen immer neue Wirkstoffe auf den Markt, die nur bei bestimmten genetischen Veränderungen wirken. Doch die Tests, mit denen diese Veränderungen vor der Therapie festgestellt werden, können oft nur in wenigen Speziallabors gemacht werden und sind extrem teuer. Deshalb wird jetzt darüber nachgedacht, solche neuen Medikamente nur noch zuzulassen, wenn der Hersteller einen alltagstauglichen Test gleich mitliefert.

Gebärmutterhalskrebs: Schonende OP-Methode

Bei Krebs am Gebärmutterhals (Zervixkarzinom) wurde bisher sehr radikal operiert. Die Gebärmutter, ein Teil der Scheide, die Lymphknoten und sehr viel Gewebe im Becken wurden entfernt - und leider unter anderem auch Nerven durchtrennt. Die belastenden Folgen: Rund die Hälfte der Operierten bekommen Probleme beim Wasserlassen oder Stuhlgang, jede Dritte büßt ihre sexuelle Empfindsamkeit ein.

Viel schonender ist dagegen eine neue OP-Methode, Kompartment-Resektion bzw. TMMR genannt. Das Revolutionäre daran: Es wird nur Gewebe entfernt, das aufgrund der Organentwicklung in der Embryonalzeit funktionell zusammengehört - denn nur innerhalb dieser Einheiten breitet sich der Krebs vorzugsweise aus. Schwere Nebenwirkungen werden so um ein Drittel gesenkt, ohne dass die Tumorentfernung weniger gründlich ist. In etlichen Kliniken wird der Eingriff schon angeboten.

Wie findet man gute Spezialisten gegen Krebs?

Unter www.onkozert.de gibt es die Adressen sämtlicher zertifizierten Krebszentren, aufgegliedert nach Krebsarten (wie Brustkrebs, gynäkologische Tumore, Lungenkrebs).

Auch der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg hilft weiter, unter der kostenlosen Telefonnummer 0800/420 30 40 oder www.krebsinformation.de.

Wer sich für die Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie interessiert, findet eine Übersicht über in Deutschland geplante und laufende Studien bei der Deutschen Krebsgesellschaft unter www.studien.de/uebersicht.php und speziell für Brustkrebs unter www.brustkrebs-studien.de.

Bestseller, Filme, Fernsehserien: Krebs ist in der Kultur gerade ein großes Thema

FERNSEHEN: Das große C, "The Big C", heißt eine preisgekrönte US-Serie mit Superstar Laura Linney in der Hauptrolle, von der in Amerika dieses Jahr schon die dritte Staffel ausgestrahlt wird. C wie Cancer, Krebs. Das große C bestimmt das Dasein von Cathy, einer Lehrerin und Mutter, die nach der Diagnose ihr Leben endlich selbst in die Hand nimmt und ihre Krankheit erst mal allen verschweigt. Tipp: Die zweite Staffel läuft in Deutschland gerade auf dem Bezahlsender Fox, die erste Staffel gibt's auf Deutsch auf DVD.

KINO: Allein in der zweiten Hälfte des letzten Jahres liefen vier Filme über das Sterben. Am bekanntesten: "Halt auf freier Strecke" von Regisseur Andreas Dresen, in dem er schonungslos das Sterben eines Familienvaters mitten im Leben zeigt.

"Papa, kann ich dein iPhone haben, wenn du tot bist?", fragt darin der kleine Sohn seinen todkranken Vater - und das bringt diesen ehrlichen und sehr liebevollen Film genau auf den Punkt.

Andere nähern sich dem schweren Thema bewusst mit Leichtigkeit, wie der poppige, beschwingte Festival-Erfolg "Das Leben gehört uns" aus Frankreich. Ein junges Paar kämpft jahrelang mit dem kleinen Sohn gegen dessen Gehirntumor - hört aber trotzdem nicht auf, auf Partys zu gehen oder Schlitten zu fahren, auch direkt vor dem Krankenhaus. Die Regisseurin Valérie Donzelli und ihr Ex-Partner Jérémie Elkaïm spielen die Hauptrollen und verarbeiten damit ihre eigene Geschichte: Ihr gemeinsamer Sohn Gabriel hat den Krebs im wirklichen Leben nach Jahren besiegt. Tipp: ab 26. April in unseren Kinos.

Auch sehr interessant: "50/50", eine intelligente, betont unsentimentale US-Independent-Komödie über einen krebskranken jungen Mann und seinem besten Freund, der ihm helfen will und keine Ahnung hat, wie. Tipp: Der Film startet am 3. Mai.

BÜCHER: Die Autobiografie "Heute bin ich blond" (9 Euro, Knaur Taschenbuch) wird gerade verfilmt. Darin berichtet die Niederländerin Sophie van der Stap freimütig, berührend und humorvoll von ihrer Krebserkrankung - zum Zeitpunkt der Diagnose war sie erst 21 Jahre alt. Voraussichtlich Ende des Jahres soll der Film von Marc Rothemund ins Kino kommen.

Eine ausführliche wissenschaftliche Biografie auf 670 Seiten ist Siddharta Mukherjees "Der König aller Krankheiten: Krebs" (26 Euro, Dumont). Eine "grandiose Kulturgeschichte des Krebses" nannte der "Spiegel" das Buch. Krebsforscher Mukherjee bekam dafür den Pulitzer-Preis verliehen.

Text: Sabine Thor-Wiedemann, Stefanie Hentschel (Bestseller, Filme, Fernsehserien) Foto: Chris Gramly/istockphoto.com BRIGITTE Heft 09/2012

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